Welchen Stellenwert haben die erneuerbaren Energien (EE) für General Electric?

Carlos Härtel: Innerhalb des GE-Konzerns haben diese einen sehr hohen Stellenwert, so wie das gesamte Thema nachhaltige und umweltverträgliche Lösungen. Das Unternehmen hat deshalb vor fünf Jahren die Initiative «ecomagination» gestartet. Ecomagination ist GEs Geschäfts- und Technologiestrategie rund um das Thema Nachhaltigkeit, umweltfreundliche Produkte und Lösungen.

Und was ist bei dieser Strategie das Hauptthema?

Härtel: Bei «ecomagination» geht es nicht nur um die EE, sondern auch um die klassischen Energieträger wie Erdgas, Kohle, oder die Kernenergie. GE stellt sich damit auf die Zukunftsmärkte im Energiebereich ein, in denen neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien auch die Themen Energieeffizienz und Emissionsminderung Schlüsselrollen spielen werden. EE sind bei GE inzwischen übrigens schon zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder geworden, mit einem Umsatz im Bereich oberhalb von 6 Mrd Dollar jährlich.

Welche EE haben aus der Sicht von GE das grösste Entwicklungspotenzial?

Härtel: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil sich die verschiedenen Technologien noch in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Es ist aus heutiger Sicht nur schwer abzuschätzen, welche Technologie das grösste Entwicklungspotenzial hat. Am weitesten fortgeschritten ist die Windenergie, die heute den Grossteil der Stromerzeugung aus EE leistet. Die Photovoltaik hat aus unserer Sicht aber ebenfalls ausgezeichnete Zukunftschancen. Vor allem deshalb, weil sie auch im Kleinmassstab vom Endverbraucher eingesetzt werden kann. Dort ist Wirtschaftlichkeit einfacher zu erreichen als bei der Stromerzeugung mit grossen Anlagen, die auf der Stromerzeugungsseite direkt mit anderen Kraftwerken konkurrieren.

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Wie stuft GE generell die Perspektiven der EE ein?

Härtel: Die Energieform, welche heute vom Markt her das grösste Potenzial hat, ist ganz klar die Windenergie. Das dokumentiert auch das jüngste stürmische Wachstum weltweit. Dieser Markt wird auch in der nahen Zukunft stark weiterwachsen. Wir sehen vor allem auf dem amerikanischen Markt und in Asien noch ein sehr grosses Wachstumspotenzial. In Europa bieten sich auch in der Zukunft interessante neue Möglichkeiten im Onshore- und Offshore-Bereich.

Und wie ist es aus Ihrer Sicht diesbezüglich um die Photovoltaik bestellt?

Härtel: Bezüglich Wachstum ist die Photovoltaik im Moment noch eine grosse Unbekannte. Aber diese Technologie hat sicher ein beachtliches Entwicklungspotenzial, vor allem wenn es gelingt, die Kosten weiter zu reduzieren. Dazu braucht es vor allem Forschung - nicht nur im Halbleiterbereich, sondern an allen Komponeten des Systems.

Schreitet aber die Umstellung von konventionellen hin zu erneuerbaren Energien nicht zu langsam voran?

Härtel: Die Geschwindigkeit der Umstellung halte ich für angemessen. Langfristig gesehen wird man fossile Energieträger nur noch in geringem Masse benötigen. Aber vorauszusagen, wann dies der Fall sein wird, ist äusserst schwierig. Das hat viel mit Märkten, Verbraucherverhalten und mit der Politik zu tun. Rein technisch gesehen, ist es möglich, die erforderliche Energie mittels Wind-, Solar- und Wasserkraft zu erzeugen. Denn es gibt kein Gesetz der Physik, das dem widerspräche.

Ist die Produktion von Strom aus EE für GE eine echte Option für die Zukunft?

Härtel: Eines Tages werden die EE die entscheidende Rolle bei der Stromversorgung spielen. Dies gilt insbesondere für die Windenergie, aber auch für die Photovoltaik, die Stromerzeugung aus Biomasse und natürlich die traditionelle Wasserkraft. Wann welche Technologien den Markt wie stark durchdringen, hängt vor allem von den Kosten ab. Die beste Lösung kann sich dabei auch von Region zu Region unterscheiden.

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Wo setzt GE im Bereich der Forschung+Entwicklung (F+E) in den nächsten Jahren die Schwerpunkte?

Härtel: Im Bereich der erneuerbaren Energien fokussieren wir unsere Forschungsarbeit auf Windenergie und Photovoltaik. Optisch ähneln sich die Windturbinen der verschiedenen Hersteller heute, aber bei den einzelnen Systemkomponenten gibt es erhebliche Unterschiede. Hier sehen wir noch grosses Entwicklungspotenzial, die technologischen Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgereizt. Bei der Photovoltaik konkurrieren aktuell sehr unterschiedliche Basistechnologien, was den Halbleiter, also das letztlich stromerzeugende Material, betrifft. Hier ist heute noch nicht endgültig abzusehen, welche Technologien sich langfristig durchsetzen werden. Neben Silizium haben sich verschiedene andere anorganische und inzwischen auch organische Materialien etabliert, mit denen sich Sonnenlicht direkt in Strom umwandeln lässt.

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Welches sind denn derzeit die aktuellen Entwicklungsprojekte?

Härtel: Die Entwicklungsprojekte decken ein breites Spektrum von Themen ab. Bei der Windenergie ersteckt es sich von der Aerodynamik über Leistungselektronik bis hin zu Fertigungsverfahren und Netzintegration. Bei der Photovoltaik konzentrieren wir uns in der Materialforschung auf Dünnschichttechnologie auf der Basis von Cadmiumtellurid. Aus unserer Sicht hat dieses Material das grösste Potenzial, was zukünftige Kostensenkungen betrifft.

Wann kommen von GE die nächsten Produkte im Bereich der EE auf den Markt?

Härtel: Der Geschäftsbereich GE Wind bietet heute Turbinen für 1,5 MW und 2,5 MW Leistung an. Ein System für den OffshoreMarkt wird jetzt in Angriff genommen, mit deutlich grösserer Leistung. Entwicklung und Fertigung werden vorwiegend in Europa erfolgen, denn hier ist auf absehbare Zeit der interessanteste Markt im Offshore-Bereich.

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Wie gross sind die jährlichen Aufwendungen von GE im Bereich F+E?

Härtel: Im Jahr 2009 hat GE rund 7 Mrd Dollar in die Forschung und in Entwicklungsarbeiten für neue Produkte und Dienstleistungen investiert. 10% davon gehen in die längerfristigen und strategischen Themen, die vor allem bei Global Research bearbeitet werden.

Wie viele Personen sind im Bereich F+E weltweit beschäftigt?

Härtel: Insgesamt sind bei Global Research etwa 2500 Personen beschäftigt. Bezogen auf die Gesamtzahl aller Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung bei GE sind dies ebenfalls wieder gute 10%.

Welches sind im Energiesektor die grössten Herausforderungen in der Zukunft für GE?

Härtel: Für die Stromversorgung nutzen wir heute mehr Energieträger als jemals zuvor. Von Kohle, Gas und Erdöl über die erneuerbaren Energien wie Wind, Biomasse, Sonnen- und Meeresenergie bis hin zur Kernkraft. Dieser Energiemix wird uns mittelfristig erhalten bleiben, und es braucht weiterhin Innovationen, um die Energiekosten im Rahmen zu halten und die Effizienz zu erhöhen. Dies verlangt neben grossen Aufwendungen im Bereich Forschung und Entwicklung auch eine klare Strategie mit Blick auf die Bestandesanlagen. Nach EU-Schätzungen werden 80% der Anlagen, die heute bereits existieren, auch noch im Jahr 2020 Energie produzieren. Ohne stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen werden dringend benötigte Entwicklungsarbeiten und Investitionen nicht angegangen.

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Wird der Trend bei der Energieversorgung vermehrt in Richtung dezentraler Einheiten gehen?

Härtel: Ich bin davon überzeugt, dass es für die Energieversorgung der Zukunft einen Portfolio-Ansatz braucht. Alle Energieträger werden ihren Anteil zu einer sicheren Energieversorgung leisten müssen. Es wird weiterhin Grosskraftwerke geben, aber zunehmend eben auch mittelgrosse und kleinere dezentrale Anlagen. Die optimale Lösung kann von Land zu Land und von Region zu Region anders aussehen. Sicher wird mit zunehmendem Ausbau der erneuerbaren Energien der Anteil an dezentraler Erzeugung zunehmen. Photovoltaiksysteme auf Dächern oder Biogasanlagen sind ihrer Natur nach dezentral.

Verfügen wir heute im Prinzip nicht über genügend Energie? Stellt deshalb nicht die Energie- bzw. Stromspeicherung mit die grösste Herausforderung dar?

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Härtel: Zukünftig ganz bestimmt. Die Stromspeicherung im Grossmassstab ist zweifellos eines der Probleme, für die praktikable Lösungen erst noch entwickelt werden müssen. Gerade der erwartete Ausbau der Windenergie macht die Speicherung zu einem ganz wichtigen Thema, weil man Angebot und Nachfrage im Stromnetz sonst nur sehr schwer aufeinander abstimmen kann. Auch GE arbeitet sehr intensiv am Thema Stromspeicherung. Man muss dabei übrigens zwischen Kurzzeit- und Langzeitspeicherung des erzeugten Stroms unterscheiden.

Gibt es da schon Ansätze für eine Lösung?

Härtel: Einer der Ansätze, die wir konkret verfolgen, ist die Druckluftspeicherung. Gemeinsam mit dem RWE, der Firma Züblin und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt arbeiten wir hier an einem Projekt, das den schönen Namen Adele trägt. Der entscheidende Punkt bei der Druckluftspeicherung ist, Wärmeverluste im Prozess zu vermeiden, damit möglichst wenig vom ursprünglich erzeugten Strom beim Durchgang durch den Speicher verloren geht.

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Welchen Beitrag leistet GE beim Ausbau intelligenter Stromnetze?

Härtel: Intelligente Stromnetze der Zukunft brauchen eine ganze Reihe von Komponenten. Zum einen sind dies «Smart Meter», also Stromzähler, die es erlauben, den aktuellen Stromverbrauch intelligent zu überwachen. Auch Haushaltsgeräte wie Kühlschränke werden «smarter» werden und auf Preissignale oder Warnungen bei Lastspitzen im Netz selbstständig reagieren. In beiden Bereichen bietet GE heute schon Produkte an. Es gibt darüber hinaus aber noch eine Menge weiterer Komponenten und Systeme von GE, die für das intelligente Netz der Zukunft wichtig sein werden.