Die wichtigsten Fragen wird die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom noch zu klären haben», sagt Stefan Krummenacher, Geschäftsführer der unabhängigen Beratungsfirma Enerprice Partners AG. Mit seinem Team beobachtet er derzeit Tariferhöhungen bis zu 30%, die so «nicht immer nachvollziehbar» seien.

Auf diese Ankündigungen reagieren immer mehr Strombezüger mit Klagen beim unabhängigen Elektrizitätsmarktregulator ElCom. Dieser dient jetzt statt des Preisüberwachers als Klagestelle und Kontrollgremium. Bei der neuen Behörde stapeln sich die Beschwerden, und erste Entscheide werden so bald wie möglich gefällt, wie ElCom-Präsident und ehemaliger CVP-Ständerat Carlo Schmid früher in Aussicht stellte, wahrscheinlich im Herbst.

Begründung wirft Fragen auf

Just in dem Moment, wo die Schweiz in «Strom-Europa» die «Niedrigpreisinsel» par excellence ist, hebt die Stromwirtschaft auf breiter Front ihre Preise an. Dies und vor allem die Begründung gibt Experten wie Krummenacher zu Fragen Anlass. «Wir beobachten zum Teil drastische Preiserhöhungen bei den Bezugsverträgen», sagt Krummenacher. Als Ursache gelten die höheren Preise etwa an der Leipziger Strombörse EEX, der wichtigsten in Europa. Die EEX schuf eigens einen eidgenössischen Handelswert, den «Swiss-IX». Er wird durch Geschäfte der Elektrizitätswerke untereinander, aber auch durch spekulative Beteiligung von Bank-Tradern gebildet.

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Die neuen Schweizer Preise werden mit dem Hinweis auf «Swiss-IX» gerechtfertigt. Die Begeisterung für Europa ist allerdings neu: Als vor zehn Jahren der Strom deutlich billiger war, gab es grundsätzlich nur langlaufende Verträge zu den Inlandkonditionen der Gebietsmonopolisten. 1997 verurteilte der damalige Strombeschaffer und Novartis-Manager Hans Kindler vor der Basler Handelskammer die Branche scharf: «Das Stromkartell ist ein besonders brutales Kartell. Es verweigert jedes Gespräch – höchste Zeit, dass wir es knacken.»

Paradoxe Wirkung

Die Pressesprecherin des Verbands schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE), Dorothea Tiefenauer, bestätigt gegnüber der «Handelszeitung» den neuen Vertragstrend: «Der VSE vertritt die Haltung, dass Unternehmen ihre Verträge selbst gestalten können sollen.»

Diesmal trifft es die Branche selbst, und dies paradoxerweise wegen eines Artikels in der neuen Stromversorgungsverordnung (StromVV), der eigentlich Kleinkunden schützen soll. Er schreibt eine schweizerische Tarifstruktur vor, die sich an «langfristigen Bezugsverträgen» orientiert.

Nicht im Sinne des Gesetzgebers

Ein Prozess, der die meisten der rund 900 Verteilwerke in der Schweiz erfasst hat, obwohl diese nicht an der Börse sind. Ob das im Sinne des Gesetzgebers war, wird immer lauter bezweifelt. Strommarktbeobachter Stefan Krummenacher: «Die Regulierungsbehörde ElCom wird zu klären haben, was mit diesem Paragraphen genannten ‹langfristigen Bezugsverträgen› wirklich gemeint ist.»