Wir werden uns nicht um die Online-Überwachung des Handels, sondern vielmehr um die Schaffung eines einheitlichen europäischen Regelwerkes für strukturierte Produkte kümmern», sagte EU-Kommissionsvertreter Niall Bohan am Deutschen Derivatetag in Frankfurt.

Dringender Handlungsbedarf

Der Erfolg strukturierter Produkte für Retail-Anleger in Europa zwingt die europäischen Institutionen zur Schaffung eines einheitlichen Regelwerkes. Und wenn die europäische Regelung steht, wird die Schweiz in einigen wichtigen Punkten nachziehen. Denn die Schweiz gilt als das Land mit dem höchsten Umsatz bei strukturierten Produkten, der Grossteil des Geschäfts findet mit institutionellen Anlegern statt.
Die EU-Kommission beabsichtigt laut Bohan zunächst, günstige Rahmenbedingungen herzustellen, um sicherzustellen, dass liquide und integrierte Finanzmärkte entstehen und erhalten bleiben. Grundprinzip ist eine Balance von Freiheit für die Marktteilnehmer und der Schutz der Kleinanleger. Die Emittenten haben sich, wie in der Schweiz oder in Deutschland, in eigenen Branchenverbänden organisiert und streben teilweise eine Selbstkontrolle an. Die paneuropäischen Regeln sollen nach Abschluss von den einzelnen Ländern implementiert werden. Erfahrungen machte man europaweit bereits mit den MiFID- und CRD-Regelwerken, die auch für die Schweiz relevant sind, und der Schaffung von vernetzten Regulierungsbehörden. Mit der Vereinheitlichung soll laut Bohan erreicht werden, dass keine «regulatorische Arbitrage» möglich ist. Vor allem bei strukturierten Produkten bestehen zwischen den einzelnen Ländern beträchtliche Differenzen hinsichtlich der Hinweise auf Risiken, der exakten Angaben zu den Produkten und der Ausgestaltung der Beziehungen zu den Vermögensverwaltern. «Es besteht deshalb die Möglichkeit, dass führende Finanzinstitutionen ihre Lösungen so verpacken, dass sie in weniger regulierter Form auf den Markt gebracht werden, um gesetzliche Bestimmungen zu umgehen», sagte Bohan weiter.
Hinzu kommen die anhaltenden Bedenken, ob Kleinanleger wirklich wissen, was sie zu welchem Preis, welchen Risiken und Potenzialen kaufen. Zudem stellt sich auch die Frage, ob die Verkäufer solcher Produkte diese angemessen gut erklären und ob Intermediäre ihre eigenen kommerziellen Interessen – etwa Verkaufsprovisionen – über die Interessen ihrer Kunden stellen. Hierzulande müssen solche Provisionen gegenüber den Kunden deklariert werden.

Das erforderliche Wissen fehlt

Die Bedenken um den Schutz der Anleger erscheinen nicht ganz aus der Luft gegriffen. In einer kürzlich von «Financial News» veröffentlichten Umfrage unter den 100 grössten europäischen Vermögensverwaltungsfirmen bezeichneten die Befragten das fehlende Verständnis hinsichtlich der Produkte, der Marktschwächen und der Verkäufe von zu komplexen Produkten an Kunden, die damit gar nicht umgehen können und denen das dafür erforderliche Wissen fehlt, als Hauptrisiken im Umgang mit ihren Kunden.
Vor raschen Fortschritten auf europäischer Ebene warnte Bohan. Es seien noch einige Untersuchungen und Konsultationen mit den Marktteilnehmern erforderlich. Die MiFID-Bestimmungen sind indes schon jetzt auch auf strukturierte Produkte anwendbar, einige Passagen müssten lediglich hinsichtlich der Anwendbarkeit für Retailanleger geprüft werden. Schweizer Anleger profitieren bereits jetzt von den Bemühungen des Verbandes für Strukturierte Produkte, einheitliche Bezeichnungen und Klassifikationen bei Produkten herzustellen.

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