Alle werben um die gleichen Köpfe», titelte die «Handelszeitung» vor exakt einem Jahr. Der Titel könnte auch in der aktuellen Ausgabe stehen. Denn der Mangel an Ingenieuren und anderen hoch qualifizierten Fachkräften bleibt eklatant. Und das nicht nur in der Schweiz. «Auf Fachkräfte-Fang» lautet eine Schlagzeile im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Dass sich die Situation in den kommenden Monaten entspannen würde, ist nicht absehbar. Allein der Technologiekonzern ABB sucht in den nächsten fünf Jahren weltweit 20 000 Fachkräfte - ein grosser Teil davon Ingenieure, wie CEO Fred Kindle jüngst sagte.

*Attraktivere Studiengänge*
Der Mangel an Hochqualifizierten ist ein globales Problem. Gunter Stephan, Vizerektor an der Universität Bern, stellt fest: «Weltweit sind generell zu wenig Studierende in den naturwissenschaftlichen Fächern.» Die Universität Bern wirke diesem Problem mit «attraktiven Bachelor- und Masterstudienangeboten, spezialisierten Masterstudiengängen sowie international renommierten PhD-Programmen entgegen».
Vor dem gleichen Problem wie in Bern steht man auch in Basel: Zu wenig Nachwuchs in den Naturwissenschaften. Die aktuellsten Zahlen publiziert die Universität Basel zwar erst zu Semesterbeginn nächsten Montag. Der Blick in die Vergangenheit zeigt aber: «2006 war hier kein Trend zur Besserung absehbar», sagt Reto Caluori von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit an der Uni Basel. Das soll sich ändern. «Wir wollen die Naturwissenschaften pushen», sagt Caluori. Informationstage und -material sollen Gymnasiasten - und vor allem Gymnasiastinnen - die Materie näher bringen. Auch vom so genannten Café Scientifique erhofft man sich einiges. Lanciert im Januar 2007 sollen die regelmässigen Workshops zu wissenschaftlichen Themen Erwachsenen und Kindern die Welt der Wissenschaft näher bringen.
Immerhin scheint der Ruf der Industriefirmen bei den künftigen ETH-Studenten und -Studentinnen auf offene Ohren gestossen zu sein. Beim Projekt Acap (Academic and Career Advisory Program), einem Programm, das Studienanfänger in den Fächern Maschinenbau und Verfahrenstechnik sowie Physik an der ETH Zürich begleitet, stellt man fest: Die Studienwahl wird oft auch mit den guten Berufsaussichten begründet (siehe auch Artikel rechts).
Aber: Die ETH Zürich verzeichnet - gemäss den provisorischen Zahlen - 2100 Neueintritte auf Bachelor-Stufe. Insgesamt dürften die Neueintritte auf Bachelor- und Masterstufe gegenüber dem Vorjahr um 6% zunehmen, sagt Mediensprecher Roman Klingler. "Das liegt im Rahmen der Erwartungen." Ein stark gestiegenes Interesse bestehe - vor allem auch aus dem Ausland - an den Master-Studiengängen. Auch in Lausanne gibt es erste Trends für das kommende Semester: Laut Nicolas Henchoz von der ETH Lausanne interessieren sich Studierende speziell für Ingenieurwissenschaften, aber auch die Naturwissenschaften kommen an. «Die Zahl der Neueintritte dürfte steigen», erwartet Henchoz, «ebenso der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften.»

*Beliebte Wirtschaftsfächer*
Die Universität Zürich verweist auf die Zahlen vom vergangenen Jahr: Sie verzeichnete 3147 Eintritte, was Stagnation bedeutet. Aber Zulauf gab es in den Bereichen, in denen heute auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht: Naturwissenschaftliche Fächer wie Chemie und Biochemie legen mit 16,4% neuen Studierenden massiv zu, ebenso wie Politikwissenschaft (plus 15%). Oben hinaus schwingen an der Uni Zürich aber zwei andere Fächer: Zahnmedizin mit plus 34% einerseits und andererseits Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (plus 32%).
An der Kaderschmiede in St. Gallen belegen 75% der Studierenden Wirtschaftswissenschaften. Im vergangenen Jahr haben diese mit plus 17% am stärksten zugelegt, vor den Politikwissenschaften (+14%). Auch an der Universität Bern ist Wirtschaft besonders beliebt. Vizerektor Stephan: «Die Anzahl Studierender in der Betriebswirtschaftslehre haben um mehr als 100 Personen zugenommen. Alle anderen Studiengänge sind in der Anzahl Studierende stabil.»

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