Nicht nur im Massentourismus führen die grossen Veranstalter den Wettbewerb, auch spezielle Ferienformen werden umkämpfter, so etwa die Studienreisen, da es ein lukratives Geschäft ist. Das jüngste Beispiel ist die Produktlinie «cultimo», die Kuoni Schweiz vor kurzem lanciert hat. Inhaltlich ähnelt das Konzept «kultimer» von Studiosus, dem führenden deutschsprachigen Studienreisen-Anbieter. Beide Marken bieten Short-Trips zu oder mit Kulturhöhepunkten.

Zu «cultimo» erklärt Guido Wiegand, Geschäftsleitungsmitglied von Studiosus in München: «Wir sehen das als Kompliment an unseren ?kultimer?. Als Kuoni-Shareholder würde es mich beunruhigen, dass das Management nicht in der Lage ist, in diesem Segment eine eigene Strategie zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit Kuoni werden wir neu bewerten.» Der deutsche Veranstalter vertreibt seine Programme hierzulande seit Mitte der 1990er Jahre fast exklusiv via Kuoni. 2007 konnte Studiosus in der Schweiz den Umsatz um 5% auf 10,5 Mio Fr. steigern.

Ein Treffen soll Klarheit schaffen

Wiegand ergänzt: «Bisher haben wir Kuoni nicht als Wettbewerber gesehen. Aufgrund der Partnerschaft bearbeiten wir die Schweiz nicht aktiv.» Ein Treffen mit dem Kuoni-Kader im August in Zürich solle Klarheit schaffen. Entsprechend wolle er das Thema nicht hochstilisieren.

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Bei Kuoni sieht man das Problem gelassen: «Dies ändert nichts an der Kooperation», meint Sprecher Peter Brun, «beide Produkte haben zwar Überschneidungen, unterscheiden und ergänzen sich auch.» Ihm zufolge bietet «cultimo» Short-Trips, die Begegnungen mit Künstlern, Autoren usw. vorsehen. «Meines Wissens sind gewisse Backstage-Geschichten so nur bei uns erhältlich.»

Allgemein verzeichne Kuoni eine grössere Nachfrage nach Studienreisen. «Dies ist mit ein Grund, warum wir die Produktlinien ?cultimo? und ?ananea? lanciert haben.» Während «cultimo» ähnlich wie die Kuoni-Tochter ACS-Reisen AG (siehe Artikel rechts) auf Musik- und Kultur-reisen setzt, begegnet «ananea» der Sehnsucht der Menschen nach verantwortungsvollem Reisen.Der Branchenführer hat vor, im Segment Studienreisen weiter zu expandieren. Dazu Brun: «Als grosser Veranstalter mit einem möglichst vielfältigen und vollständigen Programm gehören solche Produkte in unsere Angebotspalette. Sie ermöglichen auch, neue Trends zu ent- wickeln. Im Gesamtangebot haben diese Reisen aber verhältnismässig einen kleineren Anteil am Gesamtumsatz.» In der Schweiz setzte Kuoni 2007 total 1001 Mio Fr. um.

TUI Suisse, die Nummer drei des Landes, sieht Gruppenreisen unter kundiger Führung als Wachstumsmarkt, so Sprecher Roland Schmid. Nicht zuletzt deswegen lanciert man in der Schweiz drei Produktlinien des deutschen Mutterhauses auf den Winter 2008/09: «Gebeco» (Erlebnisreisen), «Dr. Tigges» (Studienreisen), «goXplore» (Abenteuerreisen).

Anteil am Umsatz ist eher gering

Aber auch mit den eigenen Marken bearbeitet TUI Suisse das Segment, etwa unter Flex Travel, TUI, 1-2-Fly und Imholz Spezialreisen. «Bei diesen Marken ergänzen die Gruppenreisen die Auswahl an Badeferien und Individualreisen an einzelnen Orten. Der Umsatzanteil ist tendenziell eher gering.»

Anders sieht es gemäss Schmid bei Vögele Reisen mit der Produkt-linie «Select» aus: «Von vielen Kunden hören wir, dass dies auch eine Art Studienreisen sind, nicht unter akademischer, doch unter kompetenter Führung.» Diese Rundreisen seien ein umsatzstarkes Angebot und Vögele sei ein führender Anbieter auf diesem Gebiet. 2007 setzte TUI Suisse über 700 Mio Fr. um, Vögele steuerte 120 Mio Fr. bei.

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Im Gegensatz zu den Mitbewerbern baut die Nummer zwei ab. Dies habe mit der Zusammenlegung von Hotelplan Schweiz und Travelhouse zu M-Travel Switzerland zu tun. «Aus wirtschaftlichen Gründen haben wir entschieden, die Abteilung Themenreisen per 31. Oktober 2008 einzustellen», sagt Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir, «somit wird der Katalog ?Entdeckungen? nicht mehr produziert. Wobei wir nicht a priori die Produkte aufgeben, sondern die Abteilung.» Die zehn betroffenen Mitarbeiter erhalten laut Huguenin intern neue Aufgaben.

Geführte Gruppenreisen machten ihr zufolge an die 3% der Produktion in der Schweiz aus. 2007 setzte M-Travel Switzerland 933,2 Mio Fr. um. Studienreisen bietet die Marke Globus Reisen. Gruppenreisen findet man bei Hotelplan und TPT. Es sei jedoch möglich, dass neue Angebote unter neuen Marken konzipiert würden, deutet Huguenin an.

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«Wir organisieren Exklusivitäten, die man sonst nicht kaufen kann»

Die ACS-Reisen AG in Zollikofen BE sei der führende Spezialist für Musik- und Kulturreisen in der Schweiz. Die Vormachtstellung in ihrer Nische der geführten Gruppenreisen habe sich die Kuoni-Tochter in 50 Jahren erarbeitet sowie gefestigt, so Geschäftsführer David Frauch: «2007 war das beste Jahr in unserer Firmengeschichte.» Es wurde ein Rekordumsatz erzielt, der sich geschätzt im einstelligen Millionen-Franken-Bereich bewegt. Das Geschäft läuft auch 2008 gut. Ein Beleg dafür ist, dass das Team seit Anfang Juli aus sieben statt sechs Mitarbeitenden besteht.

Frauch schlüsselt im Gespräch mit der «Handelszeitung» den Umsatz der profitablen ACS-Reisen AG auf: Er verteile sich zu fast gleichen Teilen auf drei Segmente: Musikreisen (Durchschnittspreis pro Person: 1400 Fr.); Kulturreisen (3800 Fr.); Klubreisen und Kreuzfahrten (8600 Fr.). Zudem werden pro Saison rund 20000 Karten für Opern, Konzerte usw. vermittelt. Für die Seebühne in Bregenz oder das KKL in Luzern werden sogar Tickets ohne Arrangement (Hotel usw.) vermittelt.

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Musik- und Kulturreisen liegen laut Frauch mehr denn je im Trend: Die Zahl der reiselustigen Senioren (50+), Alleinstehenden (Singles) oder Paare ohne Kinder (Dinks) wachse ? und allen drei Gruppen gehe es finanziell gut. «Diese Kunden wollen das massgeschneiderte Besondere, weil sie schon fast alles gesehen haben. Deshalb suchen sie musikalische und kulturelle Erlebnisse, um ihren Horizont zu erweitern, wobei das Niveau der Mitreisenden stimmen muss. Zudem organisieren wir Exklusivitäten, die man sonst nicht kaufen kann.» Etwa Essen mit dem Dirigenten oder Gespräche mit den Künstlern.

Geboten werden laut Frauch: Kurzreisen mit musikalischen und kulturellen Höhepunkten verbunden mit Blicken hin-ter die Kulissen. «Wir pflegen enge Kontakte zu allen Opern- und Konzerthäusern in Europa sowie New York, selbst zu den Kassendamen.» Die Trend-Ziele bei ACS-Reisen seien: Dresden, Mailand und Wien im Winter, Bregenz, Salzburg und Verona im Sommer oder Paris, München und Berlin je nach Besetzungen. «Die Künstler stehen im Vordergrund, nicht die Destinationen.»

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Zudem hätten die Reiseleiter einen hohen Stellenwert für die Gruppenreisen, die zwar einen Studienreisencharakter besässen, aber eigentlich keine seien, weil der Bildungsfaktor weniger wichtig sei als das gesellschaftliche Element. «Unsere Reiseleiter haben eine Fan-Gemeinde», sagt Frauch. Nicht zuletzt deshalb liege der Anteil der Stammkunden bei weit über 50%. Die Reisenden sind 45 bis 75 Jahre alt.

Dank jungen Stars wie Anna Netrebko oder Rolando Villazón sei die Oper noch lange nicht tot. «Die klassische Musik liegt im Trend, daher sind wir nach erfolgreichen 50 Jahren auch für die nächsten 50 Jahre gut aufgestellt.» Die ACS-Reisen AG wurde am 8. Juli 1958 vom Automobil Club der Schweiz (ACS) in Bern gegründet. Vor vier Jahren wurde sie von der Kuoni-Tochter Railtour übernommen.(ncb)