Der Wettbewerb um die besten Talente zwingt die Firmen dazu, immer attraktivere Einstiegsprogramme für Hochschulabsolventen anzubieten. McKinsey Schweiz beispielsweise hat ein verlockendes «Fellow Program» eingeführt. Es richtet sich an Studienabgänger mit Bachelor- oder Masterabschluss und mündet nach zwei bis drei Jahren Berufstätigkeit in einen finanziell unterstützten MBA-Lehrgang oder eine Dissertation an einer international renommierten Hochschule, wie McKinsey-Schweiz-Sprecher Charles Whitehouse erklärt.

ABB ihrerseits reagiert mit zusätzlichen Fördermassnahmen auf den erhöhten Bedarf an Hochschulabsolventen. «Wir haben die Betreuung der Einsteiger durch erfahrene Mitarbeiter verstärkt, damit ein persönlicher Know-how-Transfer stattfindet», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Kommendes Jahr will ABB rund 100 Stellen für Studienabsolventen anbieten. Das sind 20 mehr als im laufenden Jahr. Die jungen Mitarbeitenden können an der internen ABB University fachliche und persönlichkeitsbildende Kurse besuchen, um sich das nötige Wissen und Techniken anzueignen. Eine hauseigene Akademie leistet sich auch Swisscom mit der internen SAP-Akademie.

Förderung mit interner Schulung

«Die internen Schulungen haben bestimmt an Wichtigkeit gewonnen», beobachtet Lindt & Sprüngli-Sprecherin Sylvia Kälin. Der Schokoladekonzern benutzt ein internes Mitarbeiter-Entwicklungsprogramm, um gezielt Talente aufzubauen. Um Nachwuchs zu gewährleisten, habe Lindt & Sprüngli zudem auf Stufe Produktion ein internationales Trainee Programm entwickelt.
Der Rückversicherer Swiss Re umwirbt die talentiertesten Studienabgänger mit einem Graduate- Programm. Das ist eine 18-monatige massgeschneiderte Ausbildung. In der Schweiz würden für kommendes Jahr 45 Stellen ausgeschrieben, dreimal mehr als im laufenden Jahr, sagt Swiss-Re-Sprecherin Brigitte Meier.
Die Zürich führt die Hochschulabsolventen mit dem internationalen Trainee-Programm «Global Associate Program» (GAP) in 44 Wochen in die Versicherungswelt ein. Pro Jahr werden 20 bis 30 Studienabgänger selektioniert. Im Gegensatz zu Lindt & Sprüngli, die nächstes Jahr die Zahl der Einstiegsjobs um drei erhöht, will die Zürich nicht mehr Graduatejobs offerieren. Aber, betont Zürich-Sprecherin Katrin Schnettler, es seien zurzeit bei Zürich in der Schweiz gut 150 Stellen offen, wovon sich rund ein Drittel bis die Hälfte vor allem für Akademiker eignen.

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Keine Kompromisse

Obwohl Hochschulabsolventen derzeit gefragt sind, heben die Firmen hervor, dass sie nicht daran denken, ihre Anforderungen herunterzuschrauben, um die personellen Lücken zu füllen. Der Leiter Personalmarketing bei KPMG, Alexander Senn, betont: «Wir machen trotz des grösseren Bedarfs an Hochschulabsolventen im Selektions- und Rekrutierungsprozess keine Kompromisse bei der Qualität.» Schliesslich bewegten sich die Einsteiger schnell an der «Kundenfront», weshalb Falscheinstellungen rasch teuer zu stehen kommen könnten. Um an die besten Talente zu gelangen, will KPMG die Personalsuche nach Akademikern ausbauen. Bei der Lonza, die sich vor allem für Studenten mit Abschluss in Chemie sowie für Chemie- und Verfah-rensingenieure interessiert, spürt man den War for Talents deutlich. Lonza-Sprecher Dominik Werner: «Durch die Schwierigkeit gute Fachkräfte zu finden, sind wir flexibler geworden, was die Qualifikationen betrifft.»
Wie auf dem gesamten Arbeitsmarkt genügt es nicht, die besten Talente mit breiten Entwicklungs- und Schulungsangeboten anzulocken. Auch bei den Löhnen müssen die Unternehmen attraktiv sein. So hat Lindt & Sprüngli den Einstieg für Hochschulabgänger versüsst. «Aufgrund der Arbeitsmarktlage sind die Eintrittslöhne für Studienabgänger in den letzten zwölf Monaten um 5 bis 7% gestiegen», sagt Lindt & Sprüngli-Sprecherin Sylvia Kälin. Auch ABB erhöht auf 2008 die Saläre für ausgewählte Einsteiger, die das ABB Trainee-Programm absolvieren.

Lohn doch ein Lockvogel

Zu zusätzlichen Personalausgaben gezwungen sieht sich auch das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT). «Aufgrund des verschärften Wettbewerbs bei der Rekrutierung von Fachkräften, die ins Berufsleben einsteigen, haben wir unsere Anfangslöhne um 10% erhöht», sagt BIT-Sprecher Claudio Frigerio. In Diskussion ist eine Lohnerhöhung auch bei der Post, wie Post-Sprecher Richard Pfister sagt.
Die am meisten nachgefragten Studienabschlüsse sind Informatik, Betriebswirtschaft, gefolgt von naturwissenschaftlichen Fächern (siehe Tabelle). Eine Jobgarantie stellen diese Abschlüsse aber nicht dar. «Die Studienrichtung und die Art des Abschlusses sind nicht matchentscheidend: Viel wich-tiger sind Methoden- und Sozialkompetenz sowie Lust und Neugier auf das komplexe Umfeld unseres Betriebs», sagt Frigerio von BIT. Sprachwissenschaftler, Chemiker, Journalisten, Geografen und Historiker hätten im Bundesamt ebenso Karriere gemacht wie Informatiker oder Betriebswirtschafter.
IBM hebt auf der Recruting-Homepage hervor: «Es ist ein Mythos, dass IBM nur an Graduates mit Informatikausbildung Interesse hat. Nicht alle unsere Jobangebote verlangen einen Studienabschluss in Informatik.» Als eines der grössten Beratungsunternehmen der Welt suche IBM genauso viele Graduates mit einem Abschluss in Betriebswirtschaft, Wirtschaftswissenschaften oder auch aus anderen Studienrichtungen.

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Quereinsteiger willkommen

Auch KPMG zeigt sich offen, Studienabgänger fachfremder Studienrichtungen zu prüfen und ihnen einen individuellen Einstieg zu ermöglichen. KPMG definiert Quereinsteiger als intelligente Persönlichkeiten, welche sich mit ihrer beruflichen Zukunft konkret auseinandergesetzt und ihr Berufsziel klar vor Augen haben.
Ein Quereinstieg ist auch bei der Zürich möglich. Allerdings müssen Bewerber eine besonders hohe Motivation für die neue Aufgabe, Flexibilität und Lernbereitschaft mitbringen.