Hohe Bevölkerungsdichte, praktisch keine Bodenschätze, eine starke Exportindustrie und ein grosser Bankensektor – die Rede ist nicht von der Schweiz, sondern von Südkorea.

Tatsächlich hat das G-20 Land, das in der westlichen Welt zusammen mit Singapur, Hong Kong und Taiwan zu den aufstrebenden «Tiger»-Staaten gezählt wird, hinsichtlich Lebensstandard und Einkommen inzwischen zum Westen aufgeschlossen: Firmen wie Samsung und LG sind die letzten ernst zu nehmenden Konkurrenten von Apple und Google/Motorola – die europäische Konkurrenz, die mit Nokia, Ericsson und Alcatel noch zur Jahrtausendwende den Ton im Handymarkt angab, ist angeschlagen oder längst verschwunden.

Dominierende Konglomerate

Nicht verschwunden sind die grossen Konglomerate: Der Schiff- und Autobau bildete in den 1970er bis 1990er Jahren das industrielle Rückgrat der Wirtschaft. Zu den oft vergessenen Elementen der Exportwirtschaft zählt der Bau. Im Mittleren Osten gelten die südkoreanischen Baufirmen als die Marktführer für den Bau von Schnellbahnen, Autobahnen und Wolkenkratzer.

Und die Folgen der Finanzkrise von 1997/1998 sind längst verdaut. Südkorea wird von den Ratingagenturen mit A (S&P) bzw. A1 (Moody’s) eingestuft und würde damit in der Eurozone im Mittelfeld rangieren.

Deutlich stärker ist der Bankensektor: Seoul gilt laut Umfragen – vor Zürich – als der neuntwichtigste Finanzplatz auf dem Planeten. Zwei Bankengruppen, die Shinhan Financial Group und die KB Financial Group sind mit Börsenbewertungen von umgerechnet 17 und 12 Milliarden Franken deutlich grösser als die weiteren gelisteten Banken.

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Zum Vergleich: Die UBS, die am höchsten kapitalisierte Schweizer Bank, ist gegenwärtig an der Börse mit 47 Milliarden Franken bewertet, die Credit Suisse mit 30 Milliarden Franken. Auch die Bilanzlängen unterscheiden sich deutlich: Shinan kommt laut Schätzungen der Analysten von Nomura auf 292 Milliarden Won, entsprechend 237 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Bilanz der UBS war Ende 2011 1419 Milliarden Franken lang, die der Credit Suisse 1049 Milliarden Franken.

Kaum too big to fail

Hinsichtlich der Bewertungen gleichen sich die grossen Schweizer und Südkoreaner: Aktuell werden an den Börsen das 0,7- bis 0,9-fache des Buchwertes bzw. das 8-fache der Ertragserwartungen für das laufende Jahr bezahlt.

Das ist schon wieder nahe dem tiefen Niveau nach der Asienkrise, als Investoren eine Auflösung eines Teils der Banken befürchtet hatten und in den Augen von Analysten weit unter dem Potenzial dieser Banken. Und auch bei der Eigenkapitalrendite gelten die jetzt hüben wie drüben von Analysten erwarteten 8 bis 12 Prozent als Standard.

Die grossen südkoreanischen Banken sind damit im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt bei weitem nicht so systemgefährdend wie beispielsweise die beiden Schweizer Grossbanken und keine ist auf der Top-29-Liste des Financial Stability Boards der global systemgefährdenden Banken, obwohl es in Südkorea Ende der 1990er Jahre zu einer grossen Konsolidierungswelle gekommen war.

Kreditwachstum von 3 bis 4 Prozent

So hatte die Shinan Financial Group die Dongwha Bank, die Chungbuk Bank und die Gangwonk Bank übernommen. Die Woori Finanical Group hatte sich mit dern Sangup Bank, der Hanil Bank und der Korea Peace Bank verstärkt, die Hana Financial Group mit der Seoulbank, der Boram Bank und der Chungcheong Bank.

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Für das laufende Geschäftsjahr wird für die Branche ein Kreditwachstum von 3 bis 4 Prozent zugebilligt. Belastend wirken die relativ schwachen Preise der Privatimmobilien. Das gesamte Exposure gegenüber den schwachen Euroländern liegt bei 2,6 Milliarden US-Dollar und gilt als beherrschbar.

Dass die südkoreanischen Banken viele Risiken abgebaut haben, liegt (auch) an den konstanten Eingriffen der Regulationsbehörde Financial Supervision Services (FSS). De facto hat der Staat via FSS die Kontrolle über die wichtigsten Banken übernommen.

Auch hier: Scherereien mit Derivaten

So wurde auf der Passivseite, wo die Banken nach wie vor stark von der kurzfristigen Refinanzierung abhängen, der Anteil der kurzfristigen Verschuldung um 21 Prozent gesenkt und umgekehrt die flüssigen Reserven seit der Finanzkrise um 50 Prozent gesteigert. Die Derivate, die den südkoreanischen Banken und ihren Kunden nach der Finanzkrise viel Ärger bereitet , hiessen hier «Kiko» («Knoch-in-knock-out») und waren Währungswetten auf einen gegenüber dem US-Dollar stabilen Won.

Laut der Finanzaufsicht hatten sich 571 gelistete Firmen damit um umgerechnet 1,25 Milliarden Dollar verspekuliert, weil der Won 2008 unerwartet schwächer wurde. Alleine GM Daewoo, ein Autohersteller, verlor Millairden. Diese Kiko’s, die in ganz Asien verbreitet waren und dem Nicht-Finanzsektor laut einer Schätzung des IMF einen Verlust von 28 Milliarden Dollar eingebracht hatten, sind praktisch ganz verschwunden.

Was bei den südkoreanischen Banken noch an CDS-Kreditversicherungen in den Büchern steht, lautet meist auf staatlich gesponserte Firmen und gilt als risikoarm. Auch das Eigenkapital der Branche ist seit der Finanzkrise von 7,4 Prozent auf über 10 Prozent gesteigert worden. Wie andernorts genügt das den FSS-Regulatoren (noch) nicht – die Messlatte soll noch höher Richtung 12 Prozent gelegt werden.

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Gewinnaussichten «gedeckelt»

Und wie in Europa und den USA gab es und gibt es staatliche Stimulierungsmassnahmen. Im Vorfeld der Wahlen – im April wird das Parlament, um Dezember der Präsident gewählt – soll die Wirtschaft möglichst florieren.

Was gut ist für die Gesamtbranche ist, erfreut nicht zwangsläufig die Aktionäre. Laut Analysten haben die Eingriffe der Regulatoren zwar die Bilanzen gestärkt und die Qualitäten der Assets verbessert. Umgekehrt wurden jedoch auch die Gewinnaussichten «gedeckelt» und weil von der Erholung nach 2009 die schwächten Banken am meisten profitiert hatten, haben sich auch die Bewertungen stark angenähert.

So gilt die Aktie der Shinan Financial Group als zu teuer, weil hier der verordnete Abbau des Verschuldungsverhältnisses die Gewinnaussichten auf absehbare Zeit trüben wird. Umgekehrt gilt Woori als vergleichsweise schlecht geführtes Institut mit nicht lupenreiner Bilanzqualität – aber mit dem grössten Aufholpotenzial. Die weitgehende staatliche Regulierung reduziert hier nicht nur die Rückstände bei den Bankguthaben, sondern ebnet laut Analysten auch die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Top-Managements ein.

 

Die grossen südkoreanischen Banken

Bank

Shinan Financial Group

KB Financial Group

Woori Finance Holdings

Hana Financial Group

Industrial Bank of Korea

Korea Exchange Bank

DGB Financial Group

BS Financial Group

Marktkap. (Mrd.

Dollar)

19,1

13,0

7,9

7,4

6,1

4,6

1,8

2,1

Eigenkapital-rendite

12,2

9,8

11,6

9,0

10,9

8,9

14,0

13,0

PE der Aktie

7,3

7,1

4,2

7,4

5,0

6,7

5,9

6,2

Analysten-
empf.

Halten

Kaufen

Kaufen

Kaufen

Kaufen

Halten

Kaufen

 

Halten

 

Tier-1-Kapitalquote

9,8

11,1

9,2

10,3

k.a.

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12,7

11,5

11,8

Quellen: Unternehmensangaben, Nomura, Citigroup