Cornichons und andere in Essig eingelegte Gemüse - das ist ein altes Geschäft in einem gesättigten Markt und mit multinationaler Grosskonkurrenz. Auch Senf, Ketchup, Dressings oder Saucen gelten nicht als spe-ziell schweizerische Produkte.

Das hindert Philippe Michiels aber gar nicht, als Leiter von Reitzel mit Überzeugung die 100-jährige Familientradition weiterzuführen. «Ich glaube an die Schweizer KMU gerade auch in der Nahrungsmittelindustrie. Aber fünf Anforderungen müssen immer wieder erfüllt sein, um den Erfolg zu sichern: Reitzel muss wettbewerbsfähig, kreativ und innovativ sein, ständig investieren und die Abläufe verbessern.» Unter dem Strich stehe der Standort Schweiz bei der Produktivität gut da - ohne jeden Arbeitsschritt zulasten der Beschäftigten zu maximieren.

Jährlich investiert Reitzel laut Michiels über 1 Mio Fr. in Produkte und Produktion. Bis Ende Jahr soll die jüngste Erneuerung sowie Anpassung der Packlinien abgeschlossen sein. «Das macht uns im hart umkämpften Markt wettbewerbsfähiger. Mehr unterschiedliche Verpackungsformen, flexibleres Umstellen und geringerer Personalbedarf sind die Vorteile.» Der Erfolg widerlege die pessimistische Ansicht, in der Schweiz sei eine industrielle Nahrungsmittelproduktion nicht mehr möglich.

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6 Millionen Franken Neugeld

Selbstbewusst unterstreicht er als Chef des Schweizer Marktführers für Essigkonserven, dass es auch falsch sei, KMU als weniger innovationsstark als internatio-nale Grosskonzerne zu bezeichnen. Das überzeugt offenbar auch einige Investoren ausserhalb der Familie Poupon. Kürzlich hat als neue Aktionärin die französische Cherche Midi Capital 4 Mio Fr. Kapital für das Wachstum im internationalen Geschäft eingebracht und die Groupe CIC hat ihr Engagement um 2 Mio Fr. aufgestockt.

Seine Aussagen belegt Michiels mit der Produktlinie «100% schwii-zerisch». Reitzel setzte 2007 auf die letzten paar Essiggurken-Bauern in der Ostschweiz und im Emmental. Als einziger verbliebener Abnehmer garantierte er ihnen den Kauf der ganzen Ernte zum festen Preis. Auch alle anderen Zutaten stammen aus der Heimat. Das Glas mit Schweizer Kreuz auf dem roten Deckel erfreut heute Touristen wie Einheimische gleichermassen. «Früher vermischten wir jeweils alle Provenienzen, jetzt zeigen wir die Herkunft. Die Linie bringt einen bescheidenen Umsatz, doch das Echo in den Läden ist gross», meint Michiels zum Produkt.

Erfolgreich besetzt hat Reitzel auch die Bio-Nische. Alle wichtigen Detaillisten und Spezialläden beziehen ihre Bio-Essigprodukte aus Aigle VD. Schwieriger war, die Vertragsbauern zu finden. «Unterschiedliche Kaliber und Rezepturen ergeben je eigenständige Produkte. Oft differenziert sich ein Kunde zudem mit der Ver- packung», erläutert Michiels. Eigenmarken bringen zwei Drittel der Schweizer Verkäufe. «Da sind wir wie in Frankreich Marktführer.»

Internationale Tochterfirmen

Erst in Frankreich erhältlich ist ein Salatdressing ohne Öl. «Eine sämige Sauce aus dem Saft von Äpfeln und Trauben sowie Akazienfasern herzustellen ist kompliziert - also genau das Richtige für uns als innovatives KMU. Das Bio-Siegel unterstreicht, dass es sich um ein Produkt aus natürlichen Rohstoffen handelt.» Mit dem Kauf der Marke Jardin d’Orante 2006 erweiterte Olivenöl das Sortiment.

Die Innovationskraft zeigt laut Michiels auch, dass 2008 in der Schweiz Produkte, die weniger als zwei Jahre auf dem Markt sind, 13% des Umsatzes brachten. Im Nahrungsmittelgeschäft gelten allerdings bereits andere Verpackungen oder angepasste Rezepturen als Neuerung. Innovationen und die hohe Qualität werden, so Michiels, auch in der Gastronomie geschätzt, einem wichtigen Absatzkanal.

Das Gros der verarbeiteten Gemüse kommt aus Ländern, wo Handarbeit (noch) wenig kostet. Um reife Cornichons und Essiggurken in der gewünschten Grösse zu gewinnen, müssen die Bauern während vier bis sechs Wochen täglich ins Feld zum Pflücken und Sortieren. Entsprechend beteiligte sich Reitzel 1990 an der türkischen Unternehmung Zey-Tur-San und betreibt seit 2006 eine Fabrik in Indien. Dort stehen rund 2000 Bauern unter Vertrag. Der Absatz läuft zu einem grossen Teil über die 2005 erworbene Misrachi in Marseille. Die Handelsfirma bearbeitet die Märkte von Russland bis in die USA, dort auch mit koscherer Ware. Das dritte Bein ist die 2000 erworbene Guy Briand mit Produk-tion im französischen Bourré.

Umsatzmässig sind die Schweiz, Frankreich und das weltweite Handelsgeschäft je etwa gleich gross. Der Export aus der Schweiz ist noch bescheiden. Als Nächstes peilt Michiels 5% an. «Aber nur wenn darunter die Pflege der bisherigen Kunden nicht leidet.» Mithelfen soll das aufs Jubiläumsjahr in noblem schwarz erneuerte Logo mit dem Namen des Gründers Hugo Reitzel. Trotz Konjunkturflaute hat Michiels für 2009 weitere 2% Umsatzwachstum budgetiert.