Seit über fünf Monaten sitzt die Investmentfirma Everest des russischen Industriellen Viktor Vekselberg auf ihrem Sulzer-Aktienpaket. Die Beteiligung von 21,04% ist heute über 1,28 Mrd Fr. wert. Die Stimmrechte aber kann Everst noch immer nicht ausüben: Die Aktien sind nach wie vor nicht ins Aktionärsbuch des Winterthurer Industriezulieferers eingetragen.

*Forderungskatalog an Everest*
Der Grund für die Verzögerung sind Informationen, die Sulzer laut eigenen Aussagen für die Eintragung benötigt. Bewegten sich die früher geforderten Angaben, etwa zu den wirtschaftlich Berechtigten des Sulzer-Pakets, im normalen Rahmen, übersteigen die jüngsten Eintragungsbedingungen das gewohnte Mass. Das zeigen Recherchen der «Handelszeitung».
Die Bedingungen des Sulzer-VR haben einen formellen Charakter, denn die Konzernführung liess den Katalog laut Informationen der «Handelszeitung» schriftlich abfassen. Dabei soll es unter anderem darum gehen, dass:
• Everest sich verpflichtet, im Falle einer Eintragung ihre Beteiligung nicht weiter aufzustocken;
• Everest während zwei Jahren die Strategie des von Ulf Berg präsidierten Verwaltungsrats mitzutragen hat. Bei Änderungen muss Hauptaktionärin Everest generell mit dem Gremium stimmen, unabhängig davon, welche Entscheidungen anstehen.
Offenbar kein Thema mehr ist ein früheres Angebot von Sulzer, gemäss dem dem Everest-Vertreter für einen formalen Verzicht auf Einsitznahme im Sulzer-VR eine Art «ständiger Beobachterstatus» im Strategiegremium zugesprochen werden sollte.

*Sulzer beharrt auf Stillschweigen*
Sulzer hält sich bedeckt: Laut Sprecherin Verena Gölkel laufen die Gespräche mit Everest über die Eintragung noch. Zudem «haben die beiden Parteien Stillschweigen über den Inhalt vereinbart». Man sei sich allerdings bewusst, dass Informationsbedarf bestehe. Inhaltliches, etwa die Forderungen an Everest, kann Gölkel weder bestätigen noch dementieren.
Auf Anfrage bei Everest-Besitzerin Renova will Mediensprecher Markus Blume die aktuellen Vorgänge nicht kommentieren.
Zu den Gründen für das widerstrebende Verhalten des Sulzer-VR kursieren diverse Gerüchte. Regelmässig ist zu hören, dass VR-Präsident Ulf Berg seinen gut dotierten Job bei Sulzer über die Zeit retten will. Denn Berg wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Strategiegremium abgewählt, wenn Everest als grösste Aktionärin die Kontrolle über den Öl-, Gas- und Petrochemiezulieferer übernommen hat. Berg, der seit April 2007 den Sulzer-VR präsidiert, soll angeblich bis zu 2 Mio Fr. pro Jahr erhalten. Sulzer will diese Zahl nicht kommentieren.
Everest steckt nun in einer Zwickmühle. Gibt sie ihr Investment in Sulzer auf, gilt dies als Niederlage. Versucht Everest dagegen die Eintragung ihrer Aktien juristisch durchzusetzen, steht ein langer und vor allem kostspieliger Weg bevor. Everest-Sprecher Markus Blume sagt zum weiteren Vorgehen nur: «Wir prüfen alle Optionen.»

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*Trennung von Victory nutzlos?*
Everest meldete den Einstieg bei Sulzer am 20. April 2007. Das Beteiligungsvehikel gehörte damals je zur Hälfte Vekselberg und der Investmentgesellschaft Victory von Ronny Pecik. Die Frage, wie Everest in einem Tag eine Beteiligung von 32% aufbauen konnte, ohne vorher das Überschreiten der Schwellen von 5%, 10% und 20% zu melden, beschäftigt nach wie vor die Eidgenössische Bankenkommission.
Lange galten als Hauptgrund für die verzögerte Eintragung die angeblich undurchsichtigen Verhältnisse bei Victory. Als Vekselberg einlenkte und sich Ende August von Pecik trennte - er übernahm die 50%ige Beteiligung des Wieners am Investmentvehikel Everest -, schien der Eintragung nichts mehr im Wege zu stehen. Jetzt stellt sich heraus, dass die Ablehnung von Victory durch Sulzer womöglich auch nur eine Verzögerungstaktik war.