An Überraschungen mangelte es nicht. Immer wieder wurde das Programm der Schweizer Wirtschaftsdelegation in Russland kurzfristig geändert. So hätte etwa Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann am vergangenen Montag auf dem Gelände des künftigen Technoparks in Skolkovo ausserhalb Moskaus auffahren sollen. Doch der Besuchstermin platzte. Das Verkehrschaos auf den Stras­sen der 12-Millionen-Metropole liess keine Zeit für einen Augenschein an dem Ort, wo mit Schweizer Hilfe eine Art russisches Silicon Valley entstehen soll.

Viel hätte es indes noch nicht zu sehen gegeben. Noch liegen die 3,5 Millionen Quadratmeter der ehemaligen Kolchose brach. Ab nächstem Jahr aber schon soll die russische Wirtschaft von dort aus in die Hightech-Moderne katapultiert werden. Der Kreml investiert 3 Milliarden Dollar. Die Verantwortung für die Umsetzung hat sie dem Oligarchen und Schweiz-Investor Viktor Vekselberg auferlegt. Der macht zwar gute Miene. Vertraute in Moskau erzählen aber, wie sehr ihm das Projekt auf dem Magen liegt. Denn Vekselberg ist zum Erfolg verdammt. Dabei sprechen Kritiker bezüglich des Technoparks in Skolkovo von «viel heisser Luft».

Summers kritisierte Büchner

Vekselberg hätte der Schweizer Delegation das Projekt persönlich vorstellen sollen. Er liess den Wirtschaftsminister und die Firmenvertreter hängen. Trotz hochkarätiger Vertreter von UBS, Credit Suisse, Novartis oder Implenia. Im Plenum sass auch Michael Buscher, der neue Chef von OC Oerlikon, wo Vekselberg mit einem Kapitalanteil von 49,6 Prozent der starke Mann ist. Nicht mit dabei war dagegen der Chef von Vekselbergs zweitem Grossengagement: Ton Büchner. Er kann es sich leisten, den Hauptaktionär zu düpieren, tritt er doch schon bald als Sulzer-Chef ab.

Anzeige

Sein Nachfolger wird sich das kaum mehr erlauben können. Er wird voll auf der Linie Vekselbergs agieren müssen. Denn der Russe hält über seine Beteiligungsfirma Renova 31 Prozent an Sulzer. Aggressiver, risikofreudiger und vor allem russlandfreundlicher, das sind die Anforderungen an den künftigen Sulzer-Lenker. Für die Renova-Manager war Büchner viel zu konservativ.

Im Mai nahm Tim Summers, Nummer eins von Renova in der Schweiz und bis vor kurzem Verwaltungsrat bei Sulzer, gegenüber Bankern und Investoren kein Blatt vor den Mund: Das Sulzer-Management habe in der Krise zu vorsichtig gehandelt und zu lange mit Akquisitionen zugewartet. Auch an den Margen liess Summers kein gutes Haar. Summers, der das Öl- und Gasgeschäft von seiner Kar­riere bei BP her kennt, kritisierte, dass ­direkte Pumpen-Konkurrenten rentabler seien als Sulzer. Renova selbst wollte diese Äusserungen nicht kommentieren.

Büchner, der sich bereits vor einem Jahr anhören musste, zu wenig schnell im Renova-Heimmarkt Russland zu wachsen, kann die jüngste Kritik nicht mehr viel anhaben. Die Verhandlungen mit dem neuen Arbeitgeber Akzo Nobel waren schon weit forgeschritten.

Die harsche öffentliche Kritik und der Abgang des Chefs sorgen aber in der Firmenzentrale in Winterthur für Spannungen, wie Kenner der Verhältnisse erzählen. Auch das Vorgehen bei der Suche ­eines Nachfolgers für Büchner gibt zu reden. Verwaltungsratspräsident Jürgen Dormann und Renova-Mann Vladimir Kuznetsov haben Heiner Thorborg mit dem Mandat beuftragt. Der Headhunter gilt als «deutsche One-Man-Show». Er hat keine leichte Aufgabe gefasst. Sie gilt als eine der «schwierigsten Suchen überhaupt». Der Neue muss Integrationsfigur sein, internationale Führungserfahrung haben, am besten auch in Russland, industrieerfahrener Ingenieur sein – und natürlich vor allem auch Renova genehm.

Anzeige

Der künftige Chef von Sulzer übernimmt einen Konzern, der zwar unbestritten gut aufgestellt ist. Er muss aber eine Gross- und einige Klein-Akquisitionen integrieren, die sein Vorgänger eingefädelt und nicht zu Ende geführt hat. Etwa das Abwasserpumpengeschäft der schwedischen Cardo Flow Systems, das Büchner im April aufkaufte (siehe Kasten).

Der neue Sulzer-Chef muss sich auch auf Unsicherheit im Verwaltungsrat gefasst machen. Die Amtsperiode von Präsident Dormann geht nächstes Jahr zu Ende. Der 71-Jährige muss wohl verlängern. Ein neuer Konzernchef und ein ­neuer Präsident, das würden Investoren nicht goutieren. Doch die Karten auf den Tisch legen will Dormann nicht.

Vor allem muss der Nachfolger Büchners aber die Interessen des Hauptaktionärs vermehrt wahrnehmen und im Management vertreten. Denn offenbar ist man dort nicht durchwegs gut auf die Gschäftsideen der Russen zu sprechen. Renova habe Sulzer bei der Expansion im Riesenstaat bislang kaum etwas gebracht, sagt ein Firmenkenner. Geschäftsideen hätten sich oft in Luft aufgelöst. Ein Joint Venture in Russland, wie von Vekselberg angestrebt, hat Büchner daher immer erfolgreich umgangen. «Der neue Chef wird sich dagegen nicht sperren können.»

Anzeige

Gesichtsverlust vermeiden

Vekselbergs Grossprojekt Skolkovo wird der Neue auch nicht umgehen können. Bisher hat sich Sulzer für einen Auftrag im Technopark beworben, wartet aber noch auf den Bescheid. Büchner betonte, Sulzer mache mit, wenn es Sinn mache. Im Interview mit der «Handelszeitung» im Mai gab er aber zu, dass Vekselbergs Engagement für Skolkovo das Unternehmen auch unter Druck setze – weil der Grossaktionär selbst unter Druck stehe.

Der neue Technopark vor Moskau soll die rohstoffbasierte Wirtschaft Russlands in Richtung Technologie umbauen und so auch die ausgewanderten russischen TopWissenschafter ins Land zurückholen. «Es ist ein Prestigeprojekt der Regierung und muss Erfolg haben», sagt Daniel Rehmann, Russlandexperte der Osec. Alles andere wäre ein Gesichtsverlust. Den will Vekselberg vermeiden. Er kündigt Absichtserklärung über Absichtserklärung an, wie kürzlich mit Österreich, Microsoft oder Siemens. Doch die sind alle unverbindlich. Fest steht noch nichts.

Anzeige

Skolkovo-Vertreter Dmitri Politov spricht von Novartis, mit der Ende Sommer eine Absichtserklärung unterschrieben werden solle. Doch in Basel wiegelt man ab. Beim Russland-Engagement konzentriere man sich vor allem auf die neue Produktionsstätte in St. Petersburg. Politov erwähnt auch die Ruag. Doch der Bundeskonzern zieht frühere Angaben, wonach die österreichische Tochter eine Absichtserklärung eingegangen sei, wieder zurück. Das habe keine Priorität. OC Oerlikon wolle einen Teil der Solarforschung nach Skolkovo ausgliedern, sagt Politov. Oerlikon-Sprecher Burkhard Boendel sagt: «Für uns ist das Skolkovo-Projekt sehr interessant. Wir stehen in Gesprächen, um mögliche Kooperationen auszuloten.» Konkreter will auch er nicht werden.

Vekselberg hat auch mit einheimischen Kritikern zu kämpfen. Hightech bringe Russland nicht voran, weil die Wirtschaft noch nicht so weit sei, das umzusetzen. Korruption und Rohstoff-Lobby seien zudem starke Widersacher. Seit 1990 hat es fast 1000 Versuche gegeben, Innova­tionszentren zu kreieren, entstanden sind gerade mal 17. Mit Auftritten und Interviews versucht Vekselberg, Kritiker zu entkräften. Bei der Schweizer Delegation verpasste er die Gelegenheit. Der offiziellen Schweiz machte er aber doch noch die Aufwartung. Ausser Programm traf er Wirtschaftsminister Schneider-Ammann.

Anzeige