Zunächst ändert sich nichts. Sulzer-Chef Klaus Stahlmann hat zwar bekannt gemacht, dass er den Konzern verlassen wird. Doch der deutsche Manager hat eine Kündigungsfrist von zwölf Monaten. Gründe für den Wechsel wurden nicht genannt. Stahlmann habe den Verwaltungsrat am Nachmittag informiert, hiess es in einer Mitteilung vom Konzern am Nachmittag. Ein Sulzer-Sprecher sagt: «Das ist ein persönlicher Entscheid von Herrn Stahlmann, von dem er uns heute informiert hat.»

Die erste Reaktion von Seiten des Winterthurer Industriekonzerns deutet darauf hin, wie überraschend Stahlmanns Entscheid war. Die Mitteilung kam – unüblich für eine börsenkotierte Firma – mitten während der Handelszeit. Ein Nachfolger für die Konzernspitze wird gesucht.

«Es gibt viel Verbesserungspotenzial»

«Es gibt viel Verbesserungspotenzial», hatte Klaus Stahlmann bereits im April im Interview mit der «Handelszeitung» gesagt. Er bezog sich dabei auf das «Full Potential Program», nach dem Sulzer bis 2017 seine Profitabilität erheblich steigern will. Stahlmann beschrieb, wie Zukäufe aus dem Jahr 2010 – vor seiner Amtszeit – auf dem Unternehmen lasteten. Auch den niedrigen Ölpreis nannte Stahlmann eine «Herausforderung».

War die Lage des Unternehmens im Frühjahr bereits durchzogen, hat sich in den letzten Monaten alles noch zum Schlechteren entwickelt. Wegen der flauen Nachfrage aus der Öl- und Gasindustrie fuhr Sulzer in den letzten beiden Monaten das Geschäft mit Pumpen und Verfahrenstechnik zurück.

Franken macht Sorgen

Dem Unternehmen macht zudem die Stärke der Konzernwährung Franken zu schaffen. Im ersten Halbjahr brach bei einem Umsatz von 1,4 Milliarden Franken (1,3 Milliarden Euro) der Gewinn um 95 Prozent auf 27 Millionen Franken ein. Im ganzen Jahr erwartet der Konzern weniger Umsatz und Betriebsgewinn (Ebita).

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Entgegen Stahlmanns Aussage, dass Kosten nicht in erster Linie beim Personal eingespart werden sollen, musste Sulzer kräftig Jobs reduzieren. Bei Meldung der Halbjahreszahlen hatte Sulzer 335 Mitarbeiter weniger als Anfang Jahr. Den Schweizer Standort Allschwil kann das Unternehmen nicht halten, das macht nochmals 20 Stellen. Im Ausland wird der Rotstift noch stärker angesetzt: Heute früh vermeldete Sulzer, dass weitere 410 Stellen in China, den USA und Brasilien eingespart werden. Sulzer beschäftigt weltweit rund 15’000 Mitarbeiter.

Drastische Massnahmen angegangen

Dabei war Stahlmann bereits drastische Massnahmen angegangen: Nachdem der frühere MAN-Manager vor dreieinhalb Jahren zu Sulzer gestossen war, hatte er einen Restrukturierungs- und Sparkurs verordnet. Unter seiner Ägide verkaufte Sulzer das Beschichtungsgeschäft Metco. Im letzten Jahr scheiterte Stahlmann mit dem Kauf der US-Firma Dresser-Rand – Siemens schnappte den Schweizern den Turbinenspezialisten im letzten Moment vor der Nase weg.

Der Druck war also gross, dennoch stellt sich auch die Frage, ob die schlechten Zahlen alleine ausgereicht hätten, um Stahlmann zum Rücktritt zu bewegen. Immerhin wird Sulzer vom russischen Oligarchen Viktor Vekselberg kontrolliert. Der Milliardär unterbreitete jüngst allen Aktionären ein Pflichtübernahmeangebot für ihre Aktien, nachdem er die Beteiligungsschwelle von einem Drittel überschritten hatte. Vekselbergs Beteiligungsgesellschaft Renova will Sulzer allerdings gar nicht kaufen, sondern ist offenbar an der prall gefüllten Kasse des Unternehmens interessiert. Durch das Angebot soll möglichen Kapitalmassnahmen wie einem Aktienrückkauf der Weg geebnet werden.

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Freude an der Börse nur kurzfristig

An der Börse hat die überraschende Nachricht denn auch nur kurzzeitig zu einem Kurssprung geführt: Rund eine Viertelstunde nach Bekanntgabe der Personalia war eine Sulzer-Aktie kurzzeitig über 3 Prozent mehr wert als noch am Freitagabend. Bereits kurze Zeit später notierte der Anteilschein aber mit einem nur noch unwesentlichen Kursplus bereits wieder bedeutend tiefer.

Unter Stahlmanns Leitung hat der Aktienkurs von Sulzer sich deutlich schlechter als der Markt entwickelt. Zwar waren die Anteilscheine etwas mehr als ein Jahr nach seinem Amtsantritt zeitweilig über einen Drittel mehr wert als zu Beginn, danach ging es mit dem Kurs aber abwärts. Mittlerweile ist eine Sulzer-Aktie mit rund 105 Franken knapp 15 Prozent weniger wert als zu Beginn von Stahlmanns Amtsantritt. Dies dürfte aber auch mit der Lage auf dem Öl- und Gasmärkten zu tun haben, wo der tiefe Rohölpreis die Investitionsbereitschaft der Energiekonzerne schmälert.

 
(me; mit Material von Reuters)