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Freie Sicht
Super-Konzerne, Super-Städte, Super-Branchen

Amazon New York Long Island City
Neues Ökosystem: Das Quartier Long Island City in New York, Standort der neuen Amazon-ZentraleQuelle: 2018 Getty Images

Amazon verlegt ein Hauptquartier nach New York. Der Fall beleuchtet eine folgenschwere Entwicklung, die noch kaum beachtet wird.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 18.11.2018

Superstar-Firmen? Vor zwei Jahren kannte kaum einer den Begriff. Vor einem Jahr tauchte er langsam auf. Dann stieg er hoch zum Nebenthema bei Networking-Apéros, und nun werden die Superstars bereits zum Politikum: Denn vielleicht entwickeln einzelne Konzerne tatsächlich solch einen gewaltigen Einfluss, dass sie sogar makroökonomische Proportionen verschieben.

Einige Studien machen inzwischen die Macht von digitalen Riesenfirmen mitverantwortlich dafür, dass die Löhne in den letzten Jahren kaum stiegen, trotz tiefster Arbeitslosigkeit und solider Konjunktur. Auch könnten sie die Gefahr von Schocks im Wirtschaftsystem erhöhen oder die Kreditlandschaft verändern.

Und in Amerika zeigte der spektakuläre Kampf um das neue Hauptquartier von Amazon schliesslich, welche Wucht die Politiker solch einem Superstar zutrauen, welche Hoffnung er weckt.

Das Resultat wurde am Montag verkündet: Amazon setzt – neben Virginia – auf New York. Damit trifft Superstar auf Superstar.

Denn nicht nur unter Unternehmen kommt es vor, dass einer noch mehr Geld, Macht, Effizienz und gute Leute anzieht, weil er bereits mehr Geld, Macht, Effizienz und gute Leute hat als die anderen. Darauf weist nun der Beratungskonzern McKinsey hin: Seine neue Studie zeichnet nach, dass das Superstar-Phänomen auch unter den Metropolen und unter den Branchen grassiert.

  • Ein paar wenige Sektoren – etwa Pharma, Finanzen und Tech – sahnen heute 70 Prozent der Gewinne ab; vor zwei Jahrzehnten waren die Verhältnisse viel diffuser.
  • In den fünfzig stärksten Metropolen der Erde stieg das Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen Jahren viel klarer als in vergleichbaren Städten.
  • Und bei den Privatfirmen ist die Kluft zwischen den rentabelsten und den unrentabelsten 10 Prozent in den letzten zwei Jahrzehnten massiv grösser geworden.

Die Macht ballt sich also zusammen. Das geschieht gleich auf mehreren Ebenen. Und in den letzten Jahren hat sich diese Tendenz verschärft.

Patente oder Parks

Dieser Dreisatz scheint – oh Wunder – angetrieben durch die Technologie. Die Superstars sind gemeinhin digitalisierter als die Städte respektive Firmen respektive Branchen nebendran. Sie sind intensiver global vernetzt. Sie beschäftigen auch mehr Höherqualifizierte. Und haben mehr immaterielle Vermögenswerte – ob Patente oder Parks.

Der Verdacht liegt also nahe, dass hier Super-Ökosysteme ins Kraut schiessen, wo sich alles gegenseitig befruchtet, mit mehr Amazon in New York (und mehr Google in Zürich). Aber das wäre zu simpel gedacht. So gibt es Superstar-Branchen, die keine Superstar-Firmen hervorbringen, etwa die Immobilienwirtschaft. Und eben: Es gibt Superstar-Citys, wo die Löhne seit Jahren nicht vom Fleck kamen.

Eine Schlussfolgerung drängt sich dennoch auf: Das Phänomen der zwiespältigen Wirtschaft wird uns noch lange beschäftigen. Vielleicht stehen wir erst am Anfang.

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