Wie beurteilen Sie den Einfluss der jüngsten Marktkorrektur auf den
Private-Equity-Markt?

Susan Kish: Die Bewertungen der Firmen sind zurückgekommen. Normalerweise beginnt in volatilen Zeiten auch der IPO-Markt auszutrocknen. Davon scheinen einzelne Sektoren, wie die alternativen Energien, noch ausgenommen zu sein.

Sehen Sie Parallelen zu grösseren Korrekturen in den vergangenen Jahrzehnten?

Kish: Am ehesten mit 1987. Es gibt einige Parallelen in der Dynamik, die damals vorherrschte. Mit dem Dot-com-Crash sind die Ähnlichkeiten dagegen geringer. Die Fundamentaldaten sind heute sehr robust und es bestehen keine irrationalen Übertreibungen wie Ende der 90er.

Seit dem Tiefpunkt im Jahr 2003 hat der Run auf Aktien wieder stark zugenommen.

Kish: Die Leute sind zwar wieder aktiver im Aktienmarkt tätig und nehmen vielleicht auch höhere Risiken in Kauf. Dennoch spüre ich keine Übertreibungen im Markt und kriege auch noch keine Finanzanfragen von meiner Putzfrau. Problematisch ist heute vielmehr, dass mit Private-Equity- und Hedge-Fonds-Investments sowie strukturierten Produkten zahlreiche interessante Anlagemöglichkeiten bestehen, die sehr komplexe Strukturen aufweisen. Für diese Konstrukte das richtige Pricing zu finden und allfällige Übertreibungen zu korrigieren, wird noch einige Monate andauern.

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Die Übertreibungen im Dot-com-Boom versuchte man, mit neuen Regulatorien in den Griff zu bekommen. Erwarten Sie, dass die aktuelle Kreditkrise vergleichbare Reaktionen hervorruft?

Kish: Es wird wohl aufgrund der Probleme im Subprime-Bereich zu einer Verschärfung der Regulatorien kommen. Denn immer wenn es Probleme im Finanzmarkt gibt und Gerichtsverfahren eingeleitet werden, kommt man zum Schluss, dass die Regulatorien zu locker sind. Manchmal ist dies tatsächlich so, aber in der Regel wird danach übertrieben. Sarbanes-Oxley beispielsweise hat langfristige Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der US-Märkte, was Börsenkotierungen betrifft.

Sarbanes-Oxley hat dazu geführt, dass die Attraktivität der US-Börsen gegenüber anderen Finanzplätzen abgenommen hat?

Kish: Nicht nur. Ein Grund ist sicherlich die Verunsicherung, welche die Regulatorien im Finanzbereich ausgelöst haben. Daneben spielt aber auch die Gerichtsbarkeit eine wichtige Rolle: Wenn ein Unternehmen in den USA ein Problem hat, gelangen die Schwierigkeiten dort schnell nach aussen in die Medien. Und am Ende werden die Firmen häufig in Gerichtsverfahren verwickelt. Anders in England: Wenn die Financial Services Authority (FSA) ein Problem feststellt, wird es in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen bearbeitet, um eine Lösung zu finden. Zudem strahlen zurzeit andere Finanzplätze eine stärkere Anziehungskraft auf Talente aus als New York. Dabei denke ich vor allem an London, aber auch an Frankfurt oder Singapur.

Was ist mit Zürich?

Kish: Zürich scheint im Kreis der Grossen, mit Ausnahme im Private Banking, keine wichtige Rolle mehr zu spielen.

Was, denken Sie, ist der Grund dafür?

Kish: Noch vor wenigen Jahren gab es eine Gruppe von wichtigen Finanzzentren, zu denen auch Zürich gehörte. Diese Finanzmärkte haben sich in der Zwischenzeit zu Cluster mit einem Spezialgebiet entwickelt. Diesen Prozess hat Zürich nicht mitgemacht, weshalb es nun zweitrangig ist.

Wie kommen Sie darauf?

Kish: Wir haben uns intensiv mit den Finanzzentren beschäftigt und Think Tanks durchgeführt. Zürich ist als Finanzzentrum für die Schweiz von Bedeutung und hält im Private Banking eine starke Stellung. Die Investmentbanken, die über eine globale Ausstrahlung verfügen, haben sich aber nach London abgesetzt.

Weshalb gehen sie weg von hier?

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Kish: Früher hat die Schweiz in bestimmten Märkten eine führende Position inne gehabt. Die Stellung ging allerdings verloren, weil die Gesetzgebung geändert wurde. Dies gilt beispielsweise für den Goldmarkt: Es wurden Steuern auf Gold und neue Strukturen eingeführt. Eine ähnliche Entwicklung konnte im Fonds-Bereich festgestellt werden, wo mittlerweile in Luxemburg und Brüssel ein wichtiger Teil der Wertschöpfungskette erzielt wird.

Wie kann Zürich zurück in die Spitzengruppe finden?

Kish: Es gibt zwei oder drei Nischen, in denen sich der Finanzplatz Zürich hervortun könnte. Dazu gehört zum Beispiel der Bereich der Hedge-Fonds und der Fund of Funds. In Zug und Schwyz bilden sich Cluster von Hedge-Fonds, die sehr robust und weltweit anerkannt sind. Wenn der Finanzplatz sich im Bereich der alternativen Asset-Klassen, die übrigens zu den am schnellsten wachsenden Gruppen gehören, einen Namen macht, könnte er zur alten Stärke zurückfinden.

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Mit Hedge-Fonds tut sich die Schweiz allerdings eher schwer.

Kish: Es ist nicht eine Frage der Befindlichkeit, sondern ob man das Finanzzentrum stärken will. Dazu muss man hierzulande aber auch erkennen, dass der Sektor mit dem höchsten Potenzial eigentlich gar nicht mehr die Banken sind, sondern vielmehr Hedge-Fonds, Private Equity, Rohstoffhandel oder andere Bereiche. Der Finanzplatz wird aber aus historischen Gründen nach wie vor durch die Swiss Bankers Association dominiert, die wiederum durch die UBS, Credit Suisse und die Kantonalbanken geprägt ist.

Wer müsste demnach eine Führungsrolle im Aufbau eines neuen Finanzzentrums übernehmen?

Kish: Entscheidend ist, dass alle in dieselbe Richtung gehen wollen, wie dies derzeit in London oder New York der Fall ist. Sie haben gut geführte Organisationen, die mit Leib und Seele dabei sind, den Finanzplatz auszubauen, dafür zu lobbyieren und neue Stärken zu identifizieren. Wir tun dies eher in einer gefälligen Weise.

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Mit der Finanzplatz-Holding und dem «Masterplan Finanzplatz Schweiz» wurde ein erster Schritt dorthin gemacht.

Kish: Nun ja, der Finanzplatz beeindruckt mit Absichtserklärungen – dafür weniger mit der Umsetzung. Zumindest hätte viel Zeit von McKinsey gespart werden können, wenn die Studie «Finanzplatz Zürich: Eine ungewisse Zukunft» gelesen worden wäre, die bereits 2003 für das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich erstellt wurde. Trotzdem: Vielleicht wird es nun eine gute Sache. Denn jetzt sind alle Player zur Zusammenarbeit gezwungen. Neu und vielversprechend ist auch, dass eine gemeinsame Zukunftsvision für den Finanzplatz Schweiz besteht. Die Ziele scheinen vernünftig. Die hohe Bedeutung des Sektors für Arbeitsplätze und Steuern sollte den politischen Willen und den Einsatz der Wirtschaft begünstigen, diese Ziele auch zu erreichen. Denn der Wettbewerb zwischen den Finanzzentren wird auch ohne uns weiter zunehmen.

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Welche Bedeutung hat heute der Venture Capital-Markt (VC) in der Schweiz?

Kish: Das Umfeld in der Schweiz ist schwierig. Es gibt zwar unzählige Initiativen, um Start-up-Firmen zu unterstützen. Jedoch fehlt die richtige VC-Kultur.

Woran mangelt es?

Kish: In der Med- und Biotechnologie und in der Pharma existiert insbesondere im Raum Basel ein sehr starker Cluster. Insgesamt haben es Start-ups in der Schweiz aber schwer wegen der Kultur und der Strukturen, die nicht über Nacht geändert werden können. Dies hängt auch damit zusammen, dass in der Schweiz der Erfolg toleriert, aber der Misserfolg gefeiert wird. Zudem fehlt auch eine richtige VC- und Gründerkultur. Schliesslich muss man genügend Erfolgsstorys vorweisen können. Vor knapp zwei Jahren wurde die Schweizer Firma Media-Streams an Microsoft verkauft. Ein positives Beispiel ist auch Actelion, das sich innerhalb von zehn Jahren seit der Gründung zu einem globalen Player entwickelt hat. Solche Big Deals und Erfolge müssten öfters geschehen.

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Ist eine Besserung in Sicht?

Kish: Vielleicht wird sich die Situation mit Google verbessern. Durch die Präsenz dieses Unternehmens in Zürich ist eine neue Dynamik entstanden und es werden viele clevere Personen angezogen. Vielleicht ist dies ein Katalysator für die zukünftige Entwicklung und es wächst eine zweite Generation von Investoren heran, die wieder in neue Projekte investiert.

Ist im VC-Bereich überhaupt genügend Geld für neue Ideen vorhanden?

Kish: Die einen sagen, dass Geld überhaupt kein Problem ist, jedoch die guten Ideen und die Unternehmerkapazitäten fehlen. Von anderen Leuten hört man genau das Gegenteil. Die Wahrheit liegt wohl am ehesten in der Mitte.

Wie wird sich der VC-Markt in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Kish: Es gibt heute drei oder vier VCs mit Weltformat, die in der Schweiz stationiert sind. Dazu gehört Index Ventures aus Genf sowie Emerald Technology Ventures (ehemals SAM Private Equity). Angesichts der Tatsache, dass die erfolgreichen Unternehmer ihr Geld wieder investieren, und dank den global anerkannten VCs sind wir auf dem richtigen Weg, um ein interessantes Land für Start-ups zu werden. Aber es braucht Zeit.

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Zur Person

Steckbrief

Name: Susan Kish
Funktion: Member of the Board, First Tuesday Inc., CEO First Tuesday Zurich
Alter: 48
Wohnort: Zürich, Schweiz
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: Harvard-Radcliffe

Karriere
- 1980–1985 Chase Manhatten Bank, Commodity Finance
- 1985–1998 UBS, Global Functional Head, Structured Finance
- Seit 1999 First Tuesday Zurich

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First Tuesday

Think Tank
Die Networking-Veranstaltungen von First Tuesday waren Ende der 90er Jahre beliebte Treffpunkte der IT-Community und Venture-Capital-Szene. Nach dem Dot-com-Crash erfolgte eine Neuausrichtung als Think Tank im Businessbereich und die Rückkehr in die Gewinnzone. Anfang 2006 wurde First Tuesday von der Online-Networking-Plattform Xing (ehemals openBC) übernommen. Xing ist seit Ende 2006 in Frankfurt kotiert.

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