Wir möchten uns in der beruflichen Vorsorge vom Vollversicherer zum Vollsortimenter entwickeln», sagt Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz, im Gespräch mit der «Handelszeitung». Aus diesem Anlass gründete der Lebensversicherer Mitte März die halbautonome Sammelstiftung «Swiss Life Business Invest». Dadurch kann Swiss Life künftig KMU auch halbautonome Standardlösungen in der 2. Säule anbieten. Zusätzlich lancierte das Unternehmen Anfang April in der Kollektivversicherung ein webbasiertes Offert- und Administrationssystem, welches die alten Systeme des Lebensversicherers ersetzen soll und wovon sich Swiss Life unter anderem hohe Kosteneinsparungen erhofft.

Swiss Life auf Kundenfang

Die Massnahmen seien nicht zuletzt die Reaktion auf die vergangene Entwicklung in der Kollektivversicherung, meint Furrer. Damit bezieht er sich vor allem auf die Unberechenbarkeit der Kapitalmärkte, das tiefe Zinsniveau sowie auf den demografischen Wandel. «Es ist aber auch der starke Glaube daran, dass wir den Geschäftskundenbereich noch ausbauen können.» In Kombination mit der neuen halbautonomen Sammelstiftung und dem neuen Offertsystem seien die idealen Voraussetzungen geschaffen worden, um künftig Wachstum zu erzielen. «Wir erhoffen uns klar, neue Kunden zu gewinnen», sagt Furrer. Bis 2015 sollen demnach 10 bis 20% der Kollektivversicherungsverträge über die halbautonome Sammelstiftung laufen. Das Vollversicherungsmodell werde jedoch nicht vernachlässigt. So gebe es noch immer viele Kunden, die eine Vollversicherung wünschen, sagt Furrer.

Damit dürfte Swiss Life nicht den gleichen Fehler machen wie die Zurich Financial Services im Jahre 2004. Der vollständige Rückzug aus dem Vollversicherungsgeschäft und die Gründung der halbautonomen Zurich Vita Stiftung wurden von vielen Kollektivversicherten nicht goutiert. Versicherungsexperten weisen darauf hin, dass Zurich durch diese Neustrukturierung rund 30% ihrer BVG-Kundschaft verlor.

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Dennoch dürfte Swiss Life heute Interesse haben, halbautonome Lösungen zu forcieren, um den in der Vergangenheit gestiegenen Druck auf das BVG-System abzufedern. Ein wesentliches Merkmal besteht darin, dass die halbautonomen Sammelstiftungen vorübergehend eine Unterdeckung aufweisen dürfen. Kommt es zu einer Sanierung, bezahlen der Arbeitgeber und die Versicherten die Zeche. Im Gegensatz dazu sind die Anbieter von Vollversicherungen dazu verpflichtet, bei vollem Anlagerisiko die Versicherungsverpflichtungen per Ende Geschäftsjahr zu 100% zu decken. Ein Verlust müsste durch den Aktionär berappt werden.

Zudem ist das Geschäft mit der beruflichen Vorsorge für Swiss Life 2009 harzig verlaufen. Nach Sondereffektbereinigung reduzierten sich die Prämieneinnahmen im Kollektivversicherungsgeschäft um 3%. Allianz Suisse hingegen erzielte ein Wachstum von 7%, Bâloise von knapp 9% und Helvetia von 15%. «Unser Negativwachstum ist sicherlich inakzeptabel», sagt Furrer. Allerdings seien die Zahlen zu relativieren. «Das Resultat in der Kollektivversicherung wurde primär 2008 erwirtschaftet», sagt Furrer. So seien die Zahlen in der Kollektivversicherung immer um ein Jahr verschoben. «2009 haben wir im Neugeschäft deutlich besser gearbeitet», sagt er.

Swiss Life als Berater

Neben der Angebotserweiterung und dem vereinfachten Offertsystem will sich Swiss Life künftig auch als Berater beweisen. Unter dem Begriff «Pension Services» bietet der Lebensversicherer mittleren und grösseren Pensionskassen Dienstleistungen im Anlage-, Risiko- und Durchführungsbereich. «Es handelt sich um Beratungsmandate. Zudem können die Pensionskassen einen Teil ihrer Anlagen der Swiss Life zur Verwaltung übergeben», sagt Furrer. Geleitet wird die neue Geschäftseinheit von Roland Schmid. Schmid war vor seinem Wechsel zu Swiss Life bei Zurich Schweiz für das Kollektivversicherungsgeschäft zuständig. Davor war er Chef der grössten Pensionskassenberatungsfirma Hewitt.

NACHGEFRAGT

«Im BVG-Geschäft wird es kaum Wechsel geben»

Ivo Furrer ist CEO der Schweizer Markteinheit von Swiss Life.

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2004 verabschiedete sich Zurich Financial Services (ZFS) von der Vollversicherung. Damals waren Sie bei ZFS mit an Bord. Warum halten Sie nun als CEO Swiss Life Schweiz am Vollversicherungsgeschäft fest?

Ivo Furrer: Es besteht nach wie vor eine Nachfrage nach Vollversicherungen. Diese Kunden dürfen wir nicht vernachlässigen. Zudem hat der Kunde dank der Bankenkrise gemerkt, dass eine Garantie ihren Preis hat.

Allianz Suisse rechnet damit, dass die Nachfrage nach Vollversicherungslösungen zunehmen wird, sobald der Grossteil der in Mitleidenschaft gezogenen autonomen und halbautonomen Pensionskassen keine Unterdeckung mehr aufweist. Teilen Sie diese Ansicht?

Furrer: Ich denke, es ist der falsche Ansatz zu glauben, dass die Kollektivversicherten es kaum abwarten können, bis ihre bisherigen Pensionskassen aus der Unterdeckung sind, um sich im Anschluss eine Vollversicherung zu leisten. Ich glaube nicht, dass es nun zu einem grossen Wechselmarkt im BVG-Geschäft kommen wird. Umso mehr muss es unser Ansatz sein, die Kunden noch besser von unseren verschiedenen Lösungen zu überzeugen. Wir müssen nun kostengünstige Dienstleistungen anbieten können und Überzeugungsarbeit leisten.

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Im Überobligatorium haben Sie den Mindestzinssatz von 2 auf 1,5% gesenkt. Währenddessen hält Ihre Konkurrenz weiterhin an einem höheren Mindestzins fest. Bleiben Sie damit konkurrenzfähig?

Furrer: Wir sind uns bewusst, dass wir uns damit stärker der Konkurrenz aussetzen. Bei einem solchen Zinsniveau, wie wir es seit einiger Zeit haben, ist es aber meiner Ansicht nach das einzig Richtige. Der Kunde wünscht sich eine gewisse Konstanz.

Im BVG-Geschäft gibt es einige Brandherde zu löschen. Einer davon ist sicherlich das schwindende Vertrauen in die 2. Säule sowie die erschwerte Lage an den Kapitalmärkten. Hat das Schweizer Vorsorgesystem überhaupt eine Zukunft?

Furrer: Ich stehe zu 100% hinter dem Vorsorgesystem Schweiz. Wir müssen unserem 3-Säulen-Prinzip Sorge tragen und das Vertrauen wieder aufbauen. Ich habe nun innerhalb von Swiss Life eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der wir uns über Adjustierungen bei den technischen und regulatorischen Parametern Gedanken machen. Innerhalb der nächsten sechs Monate prüfen wir, welche zusätzlichen Massnahmen künftig getroffen werden müssen, um unseren Beitrag an das Vorsorgesystem Schweiz weiterhin leisten zu können.

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