Roger Federer sagte Nein und düpierte Swiss Olympic. Der Schweizer Sportdachverband hätte es gerne gesehen, wenn der Tennisstar die Schweizer Delegation wie schon in Athen 2004 und Peking 2008 beim Einlauf der Athleten in London angeführt hätte. Da auch Radfahrer Fabian Cancellara wegen eines Rennens an den Olympischen Sommerspielen als Fahnenträger ausfällt, kommt nun die drittbeste Lösung zum Einsatz. Federers Teamkollege Stanislas Wawrinka wird mit der Schweizer Fahne in der Hand die insgesamt 102 Schweizer Sportler beim Gang ins Olympiastadion anführen.

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Vier Chefs in sechs Jahren

Wawrinka statt Federer an der Spitze – das ist ein Sinnbild für die gegenwärtige Verfassung von Swiss Olympic. Missionschef Gian Gilli betont zwar, man wolle Eliteathleten und keinen Durchschnitt. Doch ausgerechnet beim Dachsportverband selbst scheint dieser Anspruch von untergordneter Relevanz. Statt mit Erfolgsgeschichten Schlagzeilen zu schreiben, gaben in den letzten Jahren interne Personalien zu reden. Statt olympischen Teamgeist zu leben, kommt es innerhalb des Dachverbands zu Rangeleien um die Verteilung des knappen Geldes. Dabei steht der echte Lackmustest für Swiss Olympic noch bevor. Der Verband will, dass die Schweiz für die Olympischen Winterspiele im Jahr 2022 kandidiert.

Präsident der Organisation ist seit 2006 der vormalige Basler Regierungsrat Jörg Schild. In den mittlerweile sechs Jahren seiner Präsidentschaft überlebte er bereits drei Geschäftsführer. In seiner Ära verliess der vormalige Sportchef Werner Augsburger den Verband, der in einem Machtkampf im Jahr 2009 Swiss-Olympic-Chef Marc-André Giger unterlag. Dieser quittierte seinen Job allerdings im September 2010 schon wieder. Rund um Gigers Kündigung verliessen drei weitere Kaderleute Swiss Olympic: Der Finanz- und der Marketingchef sowie der Generalsekretär. Gigers Nachfolger Daniel Suter kündete das Arbeitsverhältnis bereits in der Probezeit. Mit ihm gingen zwei seiner Vertrauenspersonen, die er mitgebracht hatte. Schliesslich blieb auch der interimistische Chef, Hans Babst, als Nachfolger Suters nur wenige Monate im Amt.

«Für Suter war eine Bedingung, zwei Personen mitzunehmen. Es war ein Fehler, darauf einzugehen», sagt Schild. Seit Anfang 2012 sei aber Ruhe eingekehrt, so der Präsident. Aktuell ist Roger Schnegg Chef von Swiss Olympic. Er war zuletzt Beamter im Kanton Bern und nennt sich jetzt Swiss-Olympic-Direktor statt CEO.

Auffällige Fluktuationsrate

Als einen der Gründe für die auffällige Fluktuationsrate im Verband nennen Kenner der Verhältnisse die Person von Präsident Schild. Anders als sein Vorgänger Walter Kägi dränge er gerne ins Rampenlicht. Der Basler sei ein typischer Politiker – mit allen Vor- und Nachteilen. «Er hat ein grosses Bedürfnis nach Einfluss auf die Geschäftsstelle und nach öffentlichen Auftritten», erläutert ein Insider, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Schild entgegnet, genau deswegen sei er in das Amt gewählt worden. Mit der starken Figur im Verband, mit Sportchef Gilli, würde er bestens harmonieren.

Schwierig war es für Schild in der kurzen Ära Suter. Der Vollblutunternehmer auf der einen Seite, der Vollblutpolitiker auf der anderen – das war keine Kombination, die funktionierte. Gerne hätte Suter, der langjährige Direktor des Verkehrshauses in Luzern, Swiss Olympic «unternehmerisch» geführt, sagt er. Doch dieses Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Zu viele unterschiedliche Interessen prallen innerhalb des Verbandes aufeinander, zu viele Empfindlichkeiten erschweren die Arbeit. Sitzungen, Tagungen und Untergruppen verkomplizieren zusätzlich die eigentliche Aufgabe von Swiss Olympic: Die Förderung von Spitzensport und die Unterstützung des Breitensports in der Schweiz. Schild sagt, es sei sehr schwierig, allen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Das Geld ist knapp

Swiss Olympic umfasst 83 Sportverbände, die 1,6 Millionen Mitglieder in 20 000 Vereinen zählen. Das wichtigste Gut ist knapp: Das Geld. Die Jahresrechnung 2011 ist noch nicht abgesegnet, die aktuellsten Zahlen stammen von 2010. Damals erzielte der Verband einen Umsatz von 43 Millionen Franken. Fast 60 Prozent der Einnahmen stammen aus Schweizer Glücksspielen. Mit 25 Millionen Franken ist die Sport-Toto-Gesellschaft der wichtigste Geldgeber.

Dennoch resultierte 2010 ein Jahresverlust von 390000 Franken. Laut Budget soll der Verlust im aktuellen Olympiajahr über 1,3 Millionen Franken betragen. Mit ein Grund dürften die 4 Millionen Franken für die Olympiadelegation sein. Das Budget verdoppelte sich seit den Spielen im Jahr 2000. Parallel dazu wurden auch die Erfolgsprämien für die Sportler verdoppelt: Für Gold gibt es 40000 Franken, für Silber 30000, für Bronze 20000 Franken. Ziel von Swiss Olympic sind zehn Medaillen.

Nach den Sommerspielen in London steht für Swiss Olympic das grösste Projekt erst noch bevor. Die Schweizer Sportverbände wollen die Olympischen Winterspiele 2022 nach Graubünden holen. Auch für Schild ist dies ein Prestigeprojekt: «Allein schon die Kandidatur bringt unserem Land und auch unserem Sport sehr viel.»

Wohl im nächsten März müssen die Bünder Stimmbürger über einen Kredit für das Megaprojekt abstimmen. Sie sollen Ja dazu sagen, dass der Kanton einen Drittel der Kosten für die offizielle Kandidatur beim Internationalen Olympischen Komitee übernimmt. Über die Höhe der Kosten gibt es unterschiedliche Zahlen. Ursprünglich war die Rede von 36 Millionen Franken. Zwei Drittel sollen Bund, Kanton sowie Davos und St. Moritz übernehmen. Den letzten Drittel soll Swiss Olympic mit Hilfe von Sponsoren beisteuern. Das Sportparlament – das sind die Vertreter aller Mitgliedsverbände von Swiss Olympic – stimmte dem Projekt im Mai ohne Gegenstimme zu. Doch seither ist der Preis für die Kandidatur bereits gestiegen. Statt mit 36 Millionen rechnen die Initianten nun mit 60 Millionen Franken.

Für die Gesamtkosten rechnet Swiss Olympic mit 2,8 Milliarden Franken. Bei Einnahmen von 1,5 Milliarden bleibt ein Defizit von 1,3 Milliarden. Wer dafür aufkommen soll, ist laut Swiss-Olympic-Sportchef Gilli noch nicht geklärt. Er kündigte an, dass Bund, Kanton, Gemeinden und der Sport darüber verhandeln werden. Angeblich habe Swiss Olympic bereits einen Sponsor gewonnen, der 2,5 Millionen Franken beitrage. Vielleicht müsste Schild Roger Federer als Sponsor anfragen. Er könnte es sich leisten.

 
 
 

Schweizer Beteiligung: Geschäft mit Uhren, Kleidern, Dopingproben und Bänken

Ausbau
Nur 2 Prozent aller Aufträge für die Olympischen Spiele in London wurden an ausländische Firmen vergeben. Lokale Branchen und KMU sollten so gefördert werden. London nutzt den Event, um den Ausbau seines unterentwickelten Ostens zu beschleunigen. Auch nach den Spielen bleibe die Stadt für Schweizer KMU interessant, meint Patrick Djizmedjian von der Aussenwirtschaftsförderin Osec. «Im Stadtteil des Olympiageländes werden in den nächsten 30 Jahren rund 19 Milliarden Pfund für Infrastrukturmassnahmen und den Hausbau zur Verfügung gestellt.»

Swatch
Das Schweizer Uhrenunternehmen ist mit seiner Luxusmarke Omega offizieller Zeitnehmer der Spiele. In Zukunft soll das so bleiben. Vor drei Jahren hat Swatch mit dem Olympischen Komitee einen Langzeitvertrag bis ins Jahr 2020 abgeschlossen.

Berlinger
Die 1998 gegründete St.Galler Firma Berlinger Special liefert Sicherheitsbehälter und Verschlusssysteme für Blut- und Urintests bei Dopingkontrollen. Das System sorgt für einen sicheren Transfer und schützt vor Manipulation. Die Produkte wurden in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Olympischen Verband entwickelt und kommen weltweit bei Sportanlässen zum Einsatz.

Burrda
Der Sportkleiderhersteller macht Trikots für den Fussball-, Rugby- und Handballsport. An den Olympischen Spielen in London wird etwa die britische Handballmannschaft ausgerüstet. Die Marke gehört dem Genfer Unternehmen Pilatus Sports Management. Finanziert wird dieses allerdings von Investoren aus Katar. 2010 erwirtschaftete die Firma einen Umsatz von 80 Millionen Euro.

Burri
Das Zürcher Traditionsunternehmen Burri Public Elements entwickelt Bänke, Tische, Liegen, Leuchtschilder oder Wartehallen für den öffentlichen Raum. Es stattete den für die Olympischen Spiele neu gebauten Victory Park des Londoner Olympiadorfes mit Sitzbänken, Sperrpfosten und einem Abfallsystem aus.

Nüssli
Der Messe- und Ausstellungs-bauer lieferte mehrere temporäre Bauten nach London. So steht eine Trainings- Basketballhalle der Thurgauer im O lympiapark. Nüssli entwickelte ferner eine temporäre Schwimmhalle, Sponsorenpavillons und ein Tribünensystem bei der Judoanlage. (dbe)