Die Voten aus dem Branchentreffen der Rückversicherer in Monte Carlo sind mehrheitlich zurückhaltend und abwartend. Nur eine Stimme hebt sich ab, verbreitet positive Stimmung und pokert um steigende Preise: Ausgerechnet der Schweizer Rückversicherer Swiss Re, der im letzten Jahr wegen der verheerenden Ausflüge in die Welt der strukturierten Kreditderivate die Finanzgemeinde und die Anleger schockte und Milliardenabschreiber vornehmen musste.

Zurückhaltung bei Munich Re

Ist das Schlimmste nun vorbei? Werden die Rückversicherer im nächsten Jahr höhere Preise verlangen können? Der weltgrösste Rückversicherer, die Munich Re, sieht den erhofften Preisanstieg im Rückversicherungsgeschäft noch immer nicht. In den vergangenen zwölf Monaten habe die Wirtschafts- und Finanzkrise die Preise bei weitem nicht so stark ansteigen lassen wie erwartet, beklagte sich der Branchenprimus in Monte Carlo. Im Fürstentum tauschen sich jedes Jahr Erst- und Rückversicherer über die Bedingungen aus, die bei der Erneuerung der Verträge ab dem kommenden Jahr gelten sollen. Munich Re rechnet mit einer «Seitwärtsbewegung». Grund: Die Erstversicherer - und damit auch die Rückversicherer - seien unter Druck, weil die Leute weniger Geld für Versicherungen ausgäben.

Die Hannover Rück rechnet aber der 2. Hälfte 2010 mit steigenden Preisen. Dann werde man «die ersten Schmerzen in den Bilanzen der Erstversicherer sehen». Bekommen die Erstversicherer Probleme mit ihren Eigenmitteln, so die Hoffnung, könnten die Rückversicherer als Kapitalgeber wieder stärker gefragt sein. Und diesbezüglich ortet Moodys Potenzial. Die Ratingagentur hat ausgemacht, dass die 40 global tätigen Rückversicherer derzeit über 20 Mrd Dollar mehr Eigenmittel verfügten als Ende 2008. Damit nehme die Kapazität zur Übernahme von Risiken wieder zu.

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Swiss Re setzt auf Qualität

Swiss Re, vor Ausbruch der Krise noch weltgrösster Rückversicherer, jetzt die Nummer zwei, berichtet von positiven Feedbacks aus den Kundengesprächen (siehe Nachgefragt»). Laut Konzernleitungsmitglied Martin Albers heisst dies, dass Swiss Re die hohe Qualität in der Zeichnungspolitik beibehält. «Dabei nehmen wir lieber etwas weniger Wachstum in Kauf.» Diese Philosophie habe sich bisher ausbezahlt, denn in den letzten zwei Jahren sei der Schaden-Kosten-Satz, die Combined Ratio, tiefer als jene der Mitbewerber. «Das zeigt, wir sind operativ sehr gut unterwegs», sagt Albers.

Trotz der Losung «back to the roots», also der Fokussierung auf das Versicherungs- und Rückversicherungsgeschäft, ist Albers überzeugt, dass innovative Lösungen wie die Verbriefung von grossen Katastrophenrisiken, also die Auslagerung dieser Risiken an den Kapitalmarkt, weiterhin eine Zukunft haben.

NACHGEFRAGT

«Kunden überzeugt»
Der Europa-Chef von Swiss Re, Martin Albers, zur Strategie.

Ihre Konkurrenten sind bezüglich Preisentwicklung zurückhaltender als Swiss Re. Machen Sie auf Zweckoptimismus?

Martin Albers: Nein, überhaupt nicht. Wir haben festgestellt, dass Erstversicherer im Nichtlebengeschäft in der Krise 15 bis 20% an Eigenkapital eingebüsst haben. Jetzt fehlen jene Akteure aus der Hedge-Fonds- und Private-Equity-Branche, die bis vor Ausbruch der Krise in der Lage waren, schnell viel Kapital einzuschiessen. Wir sind überzeugt, dass das Kapital knapp bleiben wird und deshalb die Rückversicherer wieder gefragt sind.

Warum ausgerechnet die Swiss Re mehr als die Mitbewerber?

Albers: Wir haben unseren Kunden klar gezeigt, dass wir in der Lage sind, eine schwierige Situation zu meistern. Ende 2008 lag die Kapitalstärke von Swiss Re knapp unter dem für ein AA-Rating erforderlichen Niveau. Wir haben schnell Massnahmen ergriffen wie die Aufnahme von Kapital über Berkshire Hathaway und die Kostensenkungsmassnahmen. In dieser Situation stand klar der Kunde im Fokus. Kommt hinzu, dass wir im 1. und 2. Quartal 2009 operativ gewachsen sind und die Risiken in unserer Bilanz weiter reduziert haben. Diese Massnahmen haben unsere Kunden überzeugt.

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Hat Swiss Re ihren Vertrauens- und Imageverlust überwunden?

Albers: Ja. Was indes bleibt, ist die Tatsache, dass sich Erst- und Rückversicherer genauer beobachten als vorher, und zwar im Rahmen des Kapitalmanagements. Das ist eine Folge der Krise, die die gesamte Branche betrifft.

Steigen nächstes Jahr die Preise?

Albers: Ja. Je nach Markt und Produktionslinie kann der Preisanstieg aber stark variieren. Generell beobachten wir aber einen Aufwärtstrend.

Wo konkret?

Albers: Wir werden nächstes Jahr im Sach-Rückversicherungsgeschäft und in den Windsturm-szenarien zulegen. Zurückhaltend sind wir im Motoren-, US-Haftpflicht- und Berufshaftpflichtgeschäft - namentlich bei Klagen, die sich aus der Finanzkrise ergeben.