Seit Sonntag treffen sich die Rückversicherer wieder an ihrer jährlichen Konferenz in Monte Carlo. Sie diskutieren dort die Entwicklung in der Branche und leiten daraus die nächste Preisrunde für ihre Kunden –  die Erstversicherer – ab. Die Stimmung in der mondänen Mittelmeerstadt ist aufgeräumt.

Dabei blickte die Industrie noch vor kurzem sorgenvoll in die Zukunft. Zwei Entwicklungen bereiteten den Rückversicherern Kopfschmerzen. Einerseits litten sie unter den niedrigen Zinsen. Früher konnten sinkende Erträge im Kerngeschäft  über hohe Kapitalrenditen aufgefangen werden. Heute gibt es diese Möglichkeit angesichts von niedrigen Renditen auf Obligationen mit guter Bonität nicht mehr.

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Sind die fetten Jahre wirklich vorbei?

Ausserdem buhlen mittlerweile auch branchenfremde Anbieter um Marktanteile. Hedgefonds, Pensionskassen und andere professionelle Anleger haben sich insbesondere im Nachgang zu Hurrikan Katrina etablieren können. Weil der Sturm historisch grosse Schäden angerichtet hatte, konnten die Rückversicherer hohe Preise durchsetzen. Angelockt von guten Renditemöglichkeiten drängten die neuen Anbieter in den Markt.

Beide Entwicklungen führten dazu, dass die führenden Ratingagenturen im Frühjahr 2014 meldeten, die fetten Jahre seien vorbei. Nach acht aufeinanderfolgenden guten Jahren senkte Standard & Poor’s den Branchenausblick. Der steigende Konkurrenzdruck werde die Profitabilität der Branche beeinflussen. «Zum ersten Mal seit 2006 erwarten wir mehr negative als positive Unternehmensbewertungen», meinte Dennis Surgue, Direktor der Versicherungssparte von Standard & Poor’s.

Warnung vor Preisverfall

Auch die anderen beiden grossen Ratingagenturen – Moody’s und Fitch – warnen vor einem weiteren Preisverfall. In der Branche herrschen Überkapazitäten. Die Tarife, vor allem jene für Naturkatastrophen, brechen ein. Es wird erwartet, dass sich die Eigenkapitalrendite halbieren wird, von heute 14 Prozent auf nur noch 7 Prozent. Moody’s Bonitätsexperten sehen die Aussichten für die Branche in den nächsten 12 bis 18 Monaten nicht mehr als «stabil», sondern als «negativ». Branchenbeobachter sprechen von einer Revolution im Rückversicherungsmarkt, die derzeit im Gang sei.

Der Katzenjammer bleibt allerdings aus. Die drei grössten Rückversicherer geben sich verhalten positiv. In einem Interview mit der deutschen Börsen-Zeitung sprach Jörg Schneider, Finanzchef des Branchenführers Münchener Rück, im April von einer verbesserten Ergebnisqualität des Konzerns. Der Gewinn sei nicht mehr so stark von Kapitalanlagen geprägt wie noch in der Vergangenheit. Der Anteil des versicherungstechnischen Ergebnisses sei gestiegen.

Geschäftsmodelle unterschiedlich

Ähnlich klingt es bei der Hannover Rück und der Swiss Re. Nach dem Preisverfall der letzten Jahre rechnen beide mit einer baldigen Stabilisierung. Der Konzern sei gut positioniert im Wettberwerb, sagte Michael Gawthorne, Pressesprecher von Swiss Re. Der Rückversicherer nehme die zunehmende Konkurrenz zwar Ernst. «Aber wir haben ein anderes Geschäftsmodell», sagt Gawthorne. 

Ausserdem müsse sich erst noch zeigen, wie robust die neuen Anbieter im Rückversicherungsgeschäft seien. Ein unerwarteter Anstieg des Zinsniveaus, plötzlich sinkende Einnahmen oder eine grosse Katastrophe könnten die Neuen wieder aus dem Markt spülen.

Swiss Re rechnet mit steigender Nachfrage

«Ich erwarte nicht, dass der Preisabrieb im Markt noch lange weitergeht», sagte auch Ulrich Wallin, Chef des drittgrössten Rückversicherers, der Hannover Rück in Monte Carlo. In Deutschland und anderen Ländern Europas erwartet die Hannover Rück nach hohen Sturm-, Flut- und Hagelschäden seit vergangenem Jahr nun mindestens stabile Rückversicherungspreise. Im Luftfahrtgeschäft dürften die Unglücke der Malaysian-Airlines-Maschinen den Preisverfall stoppen, schätzt Wallin.

Auch die Swiss Re rechnet damit, dass sich extreme Wetterereignisse häufen werden, was die Nachfrage nach Versicherungen befeuern wird. Ausserdem führe eine wachsende Wirtschaft zu einer grösseren Mittelklasse und mehr Vermögen in exponierten Gebieten, so der zweitgrösste Rückversicherer in einer Medienmitteilung. Beides treibe die Nachfrage, in reifen Märkten um bis zu 50 und in Wachstumsmärkten sogar um 100 Prozent.

Überraschender Optimismus

Die positive Einschätzung überrascht angesichts der pessimistischen Einschätzung der Rating-Agenturen und den kürzlich präsentierten Halbjahreszahlen von Swiss Re. Der Rückversicherer mit Sitz in Zürich konnte seinen Gewinn kaum steigern. Finanzchef David Cole sagte damals gegenüber der deutschen Presseagentur, dass er mit dem Gewinn nicht zufrieden sei.

Im Schaden- und Unfallgeschäft kämpft das Unternehmen mit dem Preisdruck. Neben dem Reingewinn hat auch der Schaden-Kostensatz enttäuscht. Mit diesem Mass wird in der Versicherungswirtschaft das Verhältnis von Aufwendungen für Versicherungsbetrieb und –leistungen zu den Prämien aufgezeigt. Für 2015 prophezeite Standard & Poor's einen Branchenschnitt von 98 bis 104 Prozent. Liegt die Quote über 100 Prozent, schreibt das Geschäft Verluste. In den vergangenen fünf Jahren lag die Quote im Schnitt bei 92 Prozent.