Rosemary Craven ist empört: «Seit Juli 2008 haben sie meine Rente sechsmal nicht bezahlt, und ich bekam nie eine Erklärung oder Entschuldigung. Das ist eine schreckliche Firma mit null Kundenorientierung!» Der geharnischte Kommentar auf der Webseite der Tageszeitung «Daily Mail» ist nur eine von vielen negativen Kundenreaktionen, die sich gegen den britischen Versicherer Windsor Life richten.

Was Frau Craven wohl nicht weiss: Die Gesellschaft gehört zum Swiss-Re- Geschäftsbereich Admin Re. Deren oberster Chef, David Blumer, in Personalunion auch Anlageverantwortlicher des Gesamtkonzerns, beteuerte am diesjährigen Investorentag die Bedeutung der Kundenpflege. Doch Tony Silverman, Versicherungsanalyst bei Standard & Poor’s Equity Research, sagt dazu: «Der übliche kommerzielle Zwang, sich um die Reputation zu sorgen, ist klar tiefer, wenn man im Markt keine Neukunden akquirieren muss.»

Führender Anbieter

Und genau das entfällt bei Admin Re. Der Konzernbereich beschränkt sich nämlich auf Run-off-Geschäfte. Das heisst, Swiss Re kauft Policenbestände auf, an denen Lebensversicherer kein strategisches Interesse mehr haben, und sie führt die Verträge bis zum Laufzeitende weiter. Solche Portefeuilles werden in der Finanzbranche salopp auch als «Zombie-Fonds» bezeichnet. In diesem Geschäft zählt Swiss Re zu den führenden Run-off-Managern, neben kotierten Spezialisten wie Resolution und Phoenix Life. Letztere ist Marktleader in Grossbritannien, und ihren Angaben zufolge gibt es dort schon rund 70 jener Run-off-Portefeuilles mit Kundengeldern von insgesamt über 190 Milliarden Pfund. Sehr viel Run-off-Geschäft sei entstanden, weil anders als in der Schweiz die indirekte Amortisation von Hypotheken nicht mehr steuerprivilegiert sei, sagt Werner Kuhn von der Zürichsee Treuhand in Küsnacht.

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Admin Re ist bei Swiss Re für rund 8 Prozent der konzernweiten Prämien- und Honorareinnahmen verantwortlich und erscheint damit als Randgeschäft, das auf den ersten Blick nicht recht zu den angestammten Rückversicherungsaktivitäten passen mag. Analyst Silverman erläutert: «Admin Re wurde von Swiss Re grösstenteils deswegen aus der Taufe gehoben, weil der Konzern aus der übrigen Leben- und Krankenrückversicherung viele Mortalitätsrisiken in den Büchern hatte und einen Teil davon mit Langlebigkeitsrisiken aus dem Run-off von Rentenprodukten kompensieren konnte.»

Seit den 1990er-Jahren hat Admin Re über 50 Transaktionen in Grossbritannien und in Amerika getätigt. Doch in den letzten zwei Jahren erfolgten keine Zukäufe mehr. Nun sieht Blumer neue Chancen, und auch sein Kollege John Tiner, Chef der Mitbewerberin Resolution, kündigt neue Akquisitionen an. Hintergrund sind aufsichtsrechtliche Änderungen.

So erhöht das Regelwerk Solvency II den Kapitalbedarf der Versicherer und könnte zum Verkauf gewisser Geschäftszweige zwingen; zudem führen verschärfte Eigenmittelvorschriften für Banken (Basel III) bei Finanzkonglomeraten zur Aufgabe von Allfinanz-Aktivitäten. Das fördert Run-off-Geschäfte speziell in Kontinentaleuropa, wo Admin Re noch nicht aktiv ist. «Wir glauben aber», so Blumer, «dass es weiterhin auch in den USA und Grossbritannien bedeutende Opportunitäten für Admin-Re-Transaktionen zu attraktiven Preisen gibt.»Und ein günstiger Preis ist der entscheidende Faktor für das Geschäftsmodell. «Ein überteuerter Kauf eines Portefeuilles lässt sich später nicht mehr durch eine noch so effiziente Kundenadministration auffangen», sagt Blumer.

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Die gestiegenen Übernahmepreise seien auch der Grund, weshalb das Run-off-Geschäft aus der Investorengunst gefallen sei, erklärt Analyst Silverman. «Das Geschäft boomte vor einigen Jahren, als die Bewertung der Lebensversicherungsaktien auf sehr tiefe Niveaus fiel. Damals war es möglich, Run-off-Portefeuilles mit Abschlägen von 35 Prozent zum Buchwert zu erwerben – heute betragen diese oft nur noch 15 Prozent oder noch weniger.»

Ein Verlustgeschäft

Damit schrumpfen die Margen. Das zeigt auch die Betrachtung des Economic Value, also des ökonomischen Werts, den Admin Re unter Einschluss der Kapitalkosten erwirtschaftet. Hierbei erweist sich der Bereich für sich allein betrachtet als Verlustgeschäft. Gewinne entstehen offenbar einzig durch die Verwaltung der Kundenvermögen – 55 Milliarden Dollar aus 6,2 Millionen Policen. Doch die heutige Firmenstruktur von Swiss Re erlaubt keine transparente Zuteilung der konzernweit erwirtschafteten Anlageerträge auf Admin Re. Anleger und Analysten können somit über die wahre Profitabilität nur rätseln. Das soll sich nun immerhin bessern. Swiss Re führt eine neue Holdingstruktur ein, die Admin Re zum dritten Konzernstandbein aufgewertet. Die anderen beiden Divisionen stellen die traditionelle Rückversicherung und die Grossindustrie lösungen.

Keine Änderung bringt die neue Unternehmensstruktur für Rosemary Craven, die Kundin der Swiss-Re-Tochter Windsor Life. Sie versuchte, ihr Kundenvermögen zu einer anderen Versicherung zu transferieren – vergeblich.