1. Home
  2. Unternehmen
  3. Swisscom: Alder erhält Audienz bei Merz

Swisscom: Alder erhält Audienz bei Merz

Eine hochkarätige Delegation der Swisscom versucht, im direkten Gespräch mit dem Bundesrat den Schaden zu begrenzen. Trotzdem bleiben die Aussichten für die Swisscom düster.

Von Michael Kuhn
am 29.11.2005

Alles wartet auf die entscheidende Verwaltungsratssitzung der Swisscom, bei der das weitere Vorgehen beschlossen werden soll. Intern ist dieses jedoch schon klar: Denn noch am Tag der Bekanntgabe des ominösen Bundesratsentscheides hat sich das Gremium das erste Mal abgesprochen, darauf folgten weitere Telefonkonferenzen und E-Mail-Kontakte. Die strategischen Eckpunkte wurden besprochen, die Situation analysiert. Die «alles entscheidende» VR-Sitzung ist deshalb obsolet.
Viel bedeutsamer für den Swisscom-Verwaltungsrat sind dagegen die direkten Gespräche mit dem Bund, dem Swisscom-Hauptaktionär. Sie finden dieser Tage statt, wie die «HandelsZeitung» aus zuverlässigen Quellen erfahren hat. Landesregierung und Swisscom werden mit hochkarätigen Delegationen vertreten sein. Auf Seite des Bundes sollen voraussichtlich die zuständigen Departementsvorsteher Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz teilnehmen, Swisscom wird durch Konzernchef Jens Alder und Mitglieder des Verwaltungsrates repräsentiert.
*Das Ziel: Schadenbegrenzung*
Dem Schweizer Telekommunikationsriesen geht es bei den Aussprachen in erster Linie um Schadenbegrenzung. Wichtigstes Traktandum: Das Verbot des Bundes, das Swisscom sämtliche Akquisitionen im Ausland untersagt. Der blaue Riese will jedoch nicht auf Biegen und Brechen seine aktuellen Projekte - die Übernahme der irischen Telekomgesellschaft Eircom und/oder der dänischen TDC - durchboxen, sondern vielmehr seinen unternehmerischen Freiraum für die nächsten Jahre wahren können. Konkret sollen zumindest kleinere Kooperationen von der generellen Weisung ausgenommen werden, ebenso wie Zukäufe, die für den Kernmarkt Schweiz von hoher Bedeutung sind. Ein solcher Kompromiss könnte gegenüber der Öffentlichkeit als Konkretisierung des bundesrätlichen Akquisitionsstopps verkauft werden, bei dem auch die Magistraten ihr Gesicht wahren würden - so hofft man zumindest auf der Teppichetage von Swisscom.
*Das Risiko: Konfrontation*
Bleibt der Bundesrat hart, droht eine Konfrontation. Der Verwaltungsrat der Swisscom hat gemäss Insidern dem Management nämlich noch keine Strategieänderung verordnet. Es gilt nach wie vor die Maxime, dass strategische Beteiligungen und Akquisitionen dann getätigt werden, wenn sie den Unternehmenswert sichern und nachhaltig steigern können. Damit handeln Verwaltungsrat und Management im Einklang mit dem Bundesrats-Papier «Strategische Ziele für die Swisscom AG», das bis Ende 2005 gilt. In einem Entwurf vom September zu einer Neuauflage dieser Ziele heisst es sogar, dass «der Bundesrat erwartet, dass die Swisscom im In- und Ausland Kooperationen eingeht».
Obwohl das Management die Legitimation für eine Übernahme hätte, wird Swisscom die Kontakte mit Eircom und TDC unter den heutigen Bedingungen - zumindest im Moment - nicht mehr vertiefen. Dazu würde von den entsprechenden Telekommunikationskonzernen auch kaum Hand geboten. «Das Vertrauen in die Swisscom als Verhandlungspartnerin ist irreparabel geschädigt», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Telekomanalyst der Bank Vontobel. So lange der Bund Hauptaktionär sei, werden allfällige neue Übernahmen wohl nur durch einen happigen Aufpreis möglich sein.
Wie gross der Verlust an Swisscoms Glaubwürdigkeit ist, zeigt der Kurs der Aktie: Diese verlor seit Mittwoch fast 17 Fr. und notierte bei Redaktionsschluss auf 406.75 Fr. Zeitweise fiel das Papier gar unter 400 Fr., und damit auf ein 18-Monats-Tief. Der Wertverlust der Firma beträgt mehr als 1 Mrd Fr.
*Das Szenario: Finanztricks*
Neben möglichen Allianzen im Ausland ist die Höhe der Bundesbeteiligung und damit die Ausschüttungspolitik der zweite Knackpunkt, den die Swisscom-Delegation aufs Tapet bringen will. Konkret geht es um die Frage, bis wann der Bund seinen Anteil von heute 66,1% auf welchen Stand reduzieren will - und wie Swisscom dies ermöglichen kann. Allein für die Reduktion der Bundesbeteiligung auf 50,1% müsste Swisscom mehr als 4 Mrd Fr. aufbringen. Heute verfügt das Unternehmen auf Holdingstufe über Gewinnrücklagen in der Höhe von 3,2 Mrd Fr. Zusätzlich erwirtschaftet Swisscom jährlich einen Equity Free Cashflow von rund 2 Mrd Fr.
Damit sich der Bund komplett aus der Swisscom zurückziehen könnte, müsste das Unternehmen auf «Financial Engineering» setzen. Eine Option: Eine Sparte würde eine andere so teuer erwerben, dass ein hoher Buchgewinn resultiert. Damit erhöhten sich die Gewinnrücklagen so stark, dass Swisscom über einen Rückkauf eigener Titel die Ausschüttungen an die Aktionäre massiv erhöhen könnte.
Swisscom hat dieses und andere Szenarien bereits durchgespielt, die Unterlagen liegen in der Schublade. Bislang wurde ein solches Unterfangen immer als letzte Möglichkeit gesehen, weil Management und Verwaltungsrat davon ausgingen, mit den vorhandenen Mitteln eine oder mehrere wertsteigernden Akquisitionen tätigen und damit die Bilanz optimieren zu können.
*Der Spielraum: Eingeschränkt*
Wie die Verhandlungen zwischen Swisscom und Bund auch ausgehen: Der strategische und finanzielle Spielraum des Unternehmens und damit von Konzernchef Jens Alder wird in jedem Fall massiv eingeschränkt. Dies hat kurz- und mittelfristig auf die nackten Kennzahlen der Swisscom wenig Einfluss. Weil sich die Höhe der Abschreibungen Jahr für Jahr reduziert, kann der um jeweils rund 2 bis 3% sinkende Umsatz kompensiert werden. Für die Aktionäre wird der Gewinn pro Aktie dank den Rückkäufen sogar gesteigert - selbst wenn Swisscom am Gängelband der Politik gehalten wird. Langfristig jedoch droht dem Telekommunikationskonzern der Abstieg in die europäische Regionalliga. Denn in den nächsten ein bis zwei Jahren werden die attraktivsten Firmen auf dem Kontinent auf die heutigen und künftigen Leader der europäischen Telekomszene aufgeteilt. Wenn Swisscom hier aussen vor bleibt, wird sie nach Abgabe der Bundesmehrheit von einem der grossen verbleibenden Konzerne geschluckt. Der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit wäre so gut wie besiegelt.
Keine Hilfe wäre dabei ein typisch schweizerischer Kuhhandel auf Parlamentsebene. Dort, so spekulieren Politkenner, könnte eine Sicherung für die Wahrung der Schweizer Interessen eingebaut werden, damit eine politische Mehrheit für den Verkauf der Swisscom-Beteiligung zu Stande kommt. Dies, so Analyst Spiliopoulos, würde den Scherbenhaufen nur noch vergrössern: «Wenn die Swisscom nur unter der Auflage eines staatlichen Mitspracherechts übernommen werden könnte, würde der Kaufpreis massiv gesenkt.» Zudem wäre eine solche Klausel wohl kaum EU-kompatibel.

Anzeige