Bei der Swisscom gibt man sich betont gelassen. Eine gestärkte Konkurrenz, wie sie nach der geplanten Fusion zwischen Orange und Sunrise zu erwarten ist, sei immer noch besser als eine stärkere Regulierung, sagt Swisscom-Chef Carsten Schloter (siehe «Nachgefragt»). Er geht davon aus, dass die Kunden von der neuen Marktsituation profitieren werden und sich die Preisspirale im Mobilfunk künftig noch schneller nach unten drehen wird. Dass die Swisscom dabei nicht mehr mithalten könnte, davon geht er nicht aus.

Die grosse Frage ist für Schloter vielmehr, was Kabelnetzbetreiberin Cablecom jetzt unternehmen wird, um ihr Angebot abzurunden. Für sie wird es nun eng: Orange fehlte vor dem Zusammengehen mit Sunrise ein eigenes Angebot im Festnetz. Diese Lücke hat man mit der Übernahme von Sunrise geschlossen. Bei Cablecom ist es genau umgekehrt: Das Unternehmen besitzt zwar eine Festnetzinfrastruktur, hat aber kein eigenes Angebot im Mobilfunk. Bisher bietet Cablecom Handyangebote nur in Zusammenarbeit mit Sunrise an - und auch das erfolgte zuletzt nur noch halbherzig.

Würde die Swisscom ihr Mobilfunknetz der Kabelnetzbetreiberin denn zur Verfügung stellen? «Cablecom wird aufgrund ihrer Positionierung Mobilfunkkunden gewinnen», sagt Schloter. «Wenn es Sinn macht, werden wir das diskutieren.» Für die Swisscom wäre eine solche Öffnung ein Strategiewechsel: Bisher arbeitet sie nur mit der Migros zusammen und stellt ihr Netz für deren M-Budget-Dienste zur Verfügung.

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Swisscom-TV: Gewinn Ende 2010

Trotz zunehmender Konkurrenz gewinnt Swisscom in Schlüsselmärkten wie Mobilfunk und Breitband drei von vier Neukunden, im digitalen Fernsehen sind es sogar vier von fünf. Schloter: «Drei Jahre nach Lancierung unseres Fernsehangebotes entscheiden sich rund 80% der Kunden für unser TV-Angebot.» Und er ergänzt: «Hier hatten wir keinerlei historischen Vorteile. Unser Marktanteil bei Neukunden ist im Breitbandmarkt, wo wir reguliert werden, am tiefsten.»

Der Einstieg ins Fernsehgeschäft sei für die Swisscom damals ein Wagnis gewesen. Deshalb habe man zuerst auf den Namen Bluewin TV gesetzt. Nachdem sich nun der Erfolg eingestellt hat, verkauft die Swisscom das Produkt seit Kurzem unter dem Namen der Dachmarke. Trotz grossem Kundenzulauf ist Swisscom TV aber noch nicht gewinnbringend. Zwar werde man die Zielgrösse von 220000 bis 230000 Kunden bis zum Jahresende erreichen, sagt Schloter. Die Gewinnzone beginne erst bei rund 350000 Kunden. «Und diese Zahl möchten wir bis Ende 2010 erreichen.»

Bald Daten speichern im Netz

Um die jährliche Preiserosion im Markt aufzufangen, sucht der Swisscom-Chef weiter neue Geschäftsfelder. Möglichkeiten sieht Schloter vor allem in der Art, wie Kunden heute die Netze nutzen: «In zehn Jahren hat der Festnetzanschluss wohl Bandbreiten von etwa 1 GBit/s. Da entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten.» So böten Apple und Yahoo ihren Kunden Speicherungsmöglichkeiten im Netz an. «Aufgrund der Leistungsfähigkeit des Netzes kann der Kunde, egal mit welchem Gerät, immer auf seine Daten zugreifen. Die mühsame Synchronisation entfällt. Das ist ein Markt, für den sich die Swisscom interessieren könnte.»


NACHGEFRAGT
«Rasche Privatisierung ist unrealistisch»

Nach dem geplanten Zusammengehen von Orange und Sunrise wird eine Privatisierung der Swisscom wieder zum Thema. Gemäss Konzernchef Carsten Schloter würde eine Minderheitsbeteiligung dem heutigen Mehrheitseigner Bund ähnliche Vorteile bieten.

Was halten Sie von der geplanten Fusion zwischen Orange und Sunrise?

Carsten Schloter: Ich begrüsse diese Pläne. Der Wettbewerb wird dadurch zunehmen, am Ende gewinnen die Kunden. Wir sind lieber am Markt gefordert, als uns mit regulatorischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Denn diese Diskussion hat in letzter Zeit einen immer grösseren Platz eingenommen, und wir können darauf kaum Einfluss nehmen.

Wird der Preiskampf im Mobilfunk bei nur zwei Anbietern wirklich intensiviert oder entsteht ein Duopol?

Schloter: Die Preise im Mobilfunkmarkt werden weiter dramatisch sinken, allein schon wegen der technologischen Entwicklung. In fünf bis zehn Jahren werden Kunden wohl nicht mehr pro Gesprächsminute und SMS bezahlen. Wir werden immer breitbandigere Netze haben mit dem gleichen Effekt auf die Preise, wie wir ihn im Festnetz gesehen haben. Dank IP-basierten Diensten wird das Angebot von der Netzinfrastruktur gelöst. Das erlaubt den Markteintritt von neuen Anbietern. Wir werden einen globalen Wettbewerb haben.

Wie hoch sind die Preisnachlässe im Mobilfunk?

Schloter: 7 bis 8% pro Jahr, und das ist viel.

Das Orange-Mutterhaus France Télécom hätte die Power, um die Preise zu drücken, was schlecht für die Swisscom wäre.

Schloter: Zunächst hoffe ich, dass France Télécom diese Stärke nutzt, um sich am Infrastrukturwettbewerb zu beteiligen. Dass sie also selbst aktiv wird in Sachen Glasfasern.

Haben Sie entsprechende Signale oder ist das nur ein Wunsch?

Schloter: Es ist ein reiner Wunsch, wir stehen ja kurz vor Weihnachten.

Wird durch die Stärkung der Swisscom-Konkurrenz die Privatisierungsdiskussion wieder neu entfacht?

Schloter: Damit ist zu rechnen in einem Markt, der von Konsolidierung geprägt ist. Die Frage ist aber: Ist es für weltweit tätige Konzerne möglich, international Skaleneffekte zu erzielen? Heute schafft das nur Vodafone, die verschiedene Bereiche länderübergreifend zusammengefasst hat. Telefónica, Deutsche Telekom und andere sind in jedem Land anders aufgestellt. Skaleneffekte lassen sich nur erzielen, wenn man in verschiedenen Märkten die gleichen Produkte anbietet. France Télécom in der Schweiz hat einen Schritt in diese Richtung getan, indem sie sich mit Sunrise auch ein Festnetzgeschäft gekauft hat.

Ist eine rasche Privatisierung der Swisscom realistisch?

Schloter: In den nächsten fünf Jahren erscheint mir eine Privatisierung der Swisscom unrealistisch. Aber eine Minderheitsbeteiligung könnte dem Bund ähnliche Vorteile bieten wie heute, würde aber die Flexibilität erhöhen. Darüber kann man diskutieren.