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Inkasso
Swisscom bremst Sexanbieter aus

Swisscom-Handys: Prekäre Vorwürfe gegenüber Kunden.   Keystone

Inkassounternehmen haben Schweizer Handykunden unter Druck gesetzt, die Sexdienste abgerufen haben sollen. Die Rechnungen sind teils fragwürdig. Jetzt geht Swisscom in die Offensive.

Veröffentlicht am 12.11.2014

Die Swisscom geht gegen Sexanbieter auf dem Handy vor. Der Telekomkonzern hat einen Mehrwertdiensteanbieter gesperrt, der missbräuchlich Handynummern abgegriffen haben soll. Die Handynummern sollen laut einem Bericht von «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» dazu verwendet worden sein, um Besuchern von Online-Sexseiten Rechnungen zukommen zu lassen.

Den Vertrag mit der Firma VAS Tools habe die Swisscom gekündigt, sagte Konzernsprecher Olaf Schulze am Mittwoch auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda: «Wir prüfen rechtliche Schritte.»

Sexfalle auf den Webseiten

VAS Tools habe nach Ansicht der Swisscom gegen die Nutzungsbestimmungen verstossen, indem der Mehrwertdiensteanbieter Handynummern abgegriffen habe, ohne dass der Kunde explizit einem Vertrag zugestimmt habe. Die VAS Tools bestreite das, sagte Schulze. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Sexfalle funktionierte laut «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» so: Es gebe Webseiten, auf denen ohne vorherige Eingabe der Telefon- oder Kreditkartennummer ein Kauf ausgelöst werde. Oft reiche es, dass man herunterscrolle und irrtümlicherweise irgendwo den Bildschirm berühre.

Adressen an Inkassofirmen weitergegeben

Wenn man die Internetnutzer irgendwo draufklicken lasse und dabei nicht aufscheine, dass ein Vertrag abgeschlossen werde und die Vertragsdetails nicht ersichtlich würden, «ist das klar illegal», sagte der Ombudsman der Telekommunikation, Oliver Sidler, der sda. VAS Tools habe solche so genannten Checkoutseiten nicht angezeigt, sagte Schulze. «Wir wissen von drei Fällen.» So werde ohne Wissen des Nutzers die Handynummer herausgelesen und ein Abo verkauft, schreiben der «Tages-Anzeiger» und «Der Bund». Die Vermutung der beiden Zeitungen ist, dass die Handynummer dann an ein Callcenter weitergegeben wurde.

Das Callcenter habe sich dann unter falschen Angaben beim Handynutzer gemeldet und dessen Adresse erfragt. Diese Adresse sei dann bei einer Inkassofirma gelandet, die dem Handynutzer eine Rechnung geschickt habe. Dieser habe dann völlig überrissene Rechnungen für unverlangte Dienstleistungen erhalten, schreiben die beiden Zeitungen.

Täuschende Angaben vom Callcenter

Ombudsman Sidler bestätigt gegenüber der sda, von einzelnen Kunden gehört zu haben, dass die Callcenter täuschende Angaben machten, in wessen Auftrag sie telefonierten. Zum Beispiel habe ein Callcenter angegeben, im Auftrage der Swisscom anzurufen und die Adresse zu erfragen.

Das Problem sei, dass er als Ombudsman der Telekombranche hier nicht zuständig sei, weil die die Zahlung nicht über einen Telekomanbieter abgerechnet werde, sondern direkt über Inkassofirmen. Sidler befürwortet hier eine Ausweitung des Zuständigkeitsbereichs seiner Schlichtungsstelle Ombudscom. Hierzu müsste aber entweder der Bundesrat die Fernmeldeverordnung ändern oder das Fernmeldegesetz geändert werden. Sidler will darüber Gespräche mit dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) führen.

Personelle Verquickungen

Pikant an der Geschichte ist laut «Tages-Anzeiger« und «Der Bund«, dass bei zwei solchen Inkassofirmen Hans-Ulrich Hunziker Verwaltungsratspräsident ist. Hunziker sitzt auch im Stiftungsrat der Ombudscom. Die beiden Inkassofirmen sollen im Auftrag eines Londoner Sexdienste-Anbieters Rechnungen eintreiben.

Ombudsman Sidler gefällt das nicht: Hunzikers Rolle sei problematisch, weil ein Stiftungsratsmitglied auch Auswirkungen auf den Ruf der Ombudscom habe. «Der Stiftungsrat ist an der Sache dran und sucht nach geeigneten Lösungen», sagte Sidler. Allerdings habe die Ombudscom keinen Einfluss auf Stiftungsratsmitglieder, weil gemäss Stiftungsurkunde Mehrwertdiensteanbieter einen Vertreter in Stiftungsrat delegieren können. «Das ist deren Sache», sagte Sidler.

(sda/me)

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