Sunrise-Chef Christoph Brand spekuliert, Swisscom käme im Falle einer Privatisierung in den Besitz von Private-Equity Gesellschaften. Teilen Sie diese Meinung?

Carsten Schloter: Ich habe keine Ahnung, weshalb Christoph Brand dieser Überzeugung ist. Ich kann mich nicht dazu äussern.

Rechnen Sie mit einem Fortschritt in der Privatisierungsdiskussion?

Schloter: Aufgrund der politischen Diskussionen gehe ich davon aus, dass eine Vollprivatisierung im Moment nicht zur Debatte steht. Allenfalls ist eine Teilprivatisierung eine denkbare Variante. Ob dies jedoch der dringendste Punkt auf der Agenda des Bundesrates ist, kann ich nicht beurteilen.

Wie dringend ist dieser Punkt in Ihrer Agenda?

Schloter: Sehen Sie, wir als Unternehmen sollten keine dedizierte Position haben zur Frage, was die richtige Eigentümerstruktur der Swisscom ist. Es gibt nämlich weder eine richtige noch eine falsche. Es gibt nur solche, welche die Strategie des Konzerns unterstützen, und solche, die es nicht tun.

Ist einzig die Risikobereitschaft des Hauptaktionärs entscheidend?

Schloter: Das ist richtig. Wir müssen Risiken eingehen können, wie etwa ein schweizweites Glasfasernetz zu bauen. Das ist essenziell für das Unternehmen.

Ist der Bund dazu bereit?

Schloter: Wir haben uns in den letzten zweieinhalb Jahren stark bemüht, die Zusammenarbeit mit dem Bund zu verbessern. Wir haben aus unserer Sicht eine sehr gute Basis. Wir sind in den vergangenen Jahren nie an Grenzen gestossen, bei welchen wir mit einem anderen Hauptaktionär eine andere Strategie verfolgt hätten. Wir konnten alle Risiken eingehen, die wir mussten.

Und das wird so bleiben?

Schloter: Wir haben keine anderen Signale. Sollte sich dies bei zukünftigen Themen ändern, müsste man gegebenenfalls über das Thema Eigentümerstruktur wieder sprechen.

In Kürze wird es ein Hearing der Fernmeldekommission des Ständerates geben. Thema ist die Umsetzung des neuen Fernmeldegesetzes. Nervös?

Schloter: Nein. Dieses Hearing wird eine gute Gelegenheit sein, unsere Position und unsere Standpunkte darzulegen. Bislang hat Sunrise mit den Politikern geredet, und wir wussten nicht, worüber. Und wir haben mit den Politikern geredet, und Sunrise wusste nicht, worüber. Jetzt können wir endlich mal unsere Karten offen zeigen. Wir müssen uns nicht verstecken. Swisscom setzt das neue Fernmeldegesetz gut und rasch um.

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Trotzdem gibt es Unmut bei Politikern.

Schloter: Natürlich ist die Politik sehr daran interessiert, wie die Umsetzung der Liberalisierung läuft. Aber es ist auch grosses Bewusstsein vorhanden, dass sie Zeit braucht. In Europa hat es im Schnitt zwei Jahre gedauert, bis nach der Verabschiedung des Gesetzes die erste Leitung entbündelt wurde. In der Schweiz waren es gerade mal sechs Monate.

Eine Beurteilung der Effektivität des Gesetzes ist noch nicht möglich?

Schloter: Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass es gut zwei Jahre braucht, bis man beurteilen kann, wie effizient es ist. Deshalb sollte man jetzt erst einmal abwarten.

Genau das kritisiert Sunrise.

Schloter: Jede Partei hat Eigeninteressen. Fakt ist, dass die Schweiz in Sachen Breitbandversorgung an fünfter Stelle weltweit steht. Das sagt nicht die Swisscom, sondern die OECD. Kaufkraftbereinigt liegen auch die Preise hierzulande im unteren Drittel. Selbstverständlich ist es legitim, noch mehr zu fordern. Aber schon nach 13 Monaten ein neues Fernmeldegesetz zu fordern, ist etwas gar schnell.

Angesichts der Marktanteilgewinne von Swisscom kaum.

Schloter: In einem funktionierenden Markt ist es doch normal, dass mal ein Teilnehmer Anteile gewinnt und dann wieder ein anderer. Nur das hält uns am Rennen.

Ein Rennen, bei dem Swisscom acht Runden Vorsprung hat.

Schloter: Swisscom hat jahrelang Marktanteile verloren. Jetzt gewinnen wir seit zwölf Monaten Anteile dazu, und plötzlich gibt es Stimmen, die behaupten, es sei beinahe schon gesetzeswidrig, dass wir Marktanteile gewinnen.

Es ist bedenklich.

Schloter: Wir gewinnen ja nicht nur Marktanteile im Festnetzbereich, wo die Forderung nach zusätzlicher Regulierung da ist, sondern auch im Mobilfunkgeschäft. Und dort haben alle Marktteilnehmer ein eigenes Netz und somit dieselben Chancen.

In wie vielen europäischen Märkten hat der ehemalige Monopolist noch Marktanteile von 60 bis 75%?

Schloter: Solche Beispiele gibt es in Norwegen, Belgien und Italien. Doch das ist nicht der entscheidende Punkt.

Sondern?

Schloter: Ausschlaggebend ist doch der Kundenentscheid.

Weshalb macht sich dann der Telekom-Regulator Marc Furrer Sorgen, es könnte wieder Richtung Monopolsituation gehen?

Schloter: Marc Furrer als Regulator würde sich diese Sorgen machen, wenn wir Richtung 70%-Marktanteile gehen. Und diese Sorgen kann ich mir leider nicht machen (lacht).

Weshalb nicht?

Schloter: Weil unsere Kundengewinne die Konkurrenz wieder aggressiver gemacht haben und das Pendel wieder drehen wird.

Wann?

Schloter: Wir reden noch einmal in zwölf Monaten darüber.

Gut. Doch selbst wenn dieses Pendel kehren sollte: Fakt ist, dass Swisscom ihren hohen Marktanteil zumindest halten wird.

Schloter: Wichtig ist im Wettbewerb doch einzig: Profitiert der Kunde oder nicht? In der Schweiz profitiert er von ständig mehr, besseren und günstigeren Angeboten. Der Markt funktioniert.

Weshalb wachsen Orange und Sunrise nicht?

Schloter: Diese Unternehmen schreiben Gewinne. Und im Falle von Orange steigt dieser sogar. Marktanteile sind nicht das zentrale Kriterium.

Also leben wir im Paradies.

Schloter: Der Markt funktioniert, selbst wenn sich die Anteile nicht verschieben.

Wenn die Marktanteile gleich bleiben, die Preise und damit das Marktvolumen aber sinkt, dann folgt eine Konsolidierung.

Schloter: Es kann sein, dass wir auf lange Zeit bei den Infrastrukturen eine Konsolidierung sehen werden.

Wie weit ist die Entbündelung der Letzten Meile schon gediehen?

Schloter: Zurzeit sind rund 380 Zentralen an unsere Mitbewerber übergeben worden. Damit sind fast 40% aller Anschlüsse in der Schweiz entbündelt. Es gibt aber sehr grosse Unterschiede zwischen den Unternehmen, wann diese die Anschlüsse umschalten.

Welches Unternehmen macht seinen Job am besten?

Schloter: Ich kann Ihnen das nicht sagen. Damit würde ich Geschäftsgeheimnisse verletzen.

Welche Konsequenzen hat die Entbündelung?

Schloter: Die Preise für die Festnetztelefonie werden sehr schnell und massiv sinken. Auch die Breitbandpreise werden unter Druck kommen. Wie stark sich die Marktanteile verschieben werden, kann ich noch nicht sagen. Die Konsumenten werden jedoch spürbar davon profitieren.

In welcher Grössenordnung?

Schloter: Die Festnetztelefoniepreise könnten in den nächsten 12 bis 24 Monaten um etwa 30% sinken. Und die Durchschnittskosten für das übertragene Datenvolumen werden in den Keller gehen. Weil aber die Kunden immer mehr Bandbreite nutzen werden, werden sie durchschnittlich auch ein wenig mehr bezahlen.

Die zusätzliche Bandbreite wird vor allem für das Swisscom-Fernsehen, Bluewin-TV, gebraucht.

Schloter: Nicht nur. Auch wenn Sie mehrere PC zuhause und zudem noch Kinder im jugendlichen Alter haben, brauchen Sie mehr Bandbreite (lacht).

Wie viele Rechner haben Sie zu Hause?

Schloter: Wir haben vier PC, Bluewin-TV sowie Apple-TV.

Was wollen Sie mit den geplanten Erlebniscentern?

Schloter: Es ist noch keine Entscheidung gefallen. Bei den Erlebniscentern von Swisscom geht es darum, den Kunden alle Möglichkeiten von Bild, Ton und Sprache zu vermitteln. Viele Menschen wissen nämlich noch nicht, was heute schon alles für Möglichkeiten existieren. Deshalb sollen Menschen, die diese Erlebnisshops besuchen, ohne Verkaufsdruck und ohne Hektik alles ausprobieren und erleben können, was es aktuell auf dem Markt gibt.

Das Vorbild für die Erlebnisshops ist Apple.

Schloter: Es ist sicher ein wichtiger Orientierungspunkt. Jeden Tag gehen tausende Menschen in Apple-Shops, nur um im Internet zu surfen und Kaffee zu trinken. Nach einiger Zeit haben viele das Bedürfnis, selbst ein Apple-Laptop oder ein iPhone besitzen zu wollen. Und schon hat Apple neue Kunden. 


Wie Carsten Schloter vom iPhone-Effekt profitieren will

Er ist ein wahrer Fan. Der angebissene Apfel, das Image, das Design, die Vermarktungsstrategie: Swisscom-Chef Carsten Schloter liebt die Apple-Welt. Der 44-jährige Deutsche besitzt vom Notebook über das Fernsehen bis zum iPhone alles.

«Apple arbeitet mit dem iPhone und Apple-TV in Kombination mit Apple-PC an einem Kundenerlebnis, das einzigartig ist. Auf allen Bildschirmen wird man dieselben persönlichen Daten und das gleiche Erlebnis haben.» Die Erklärung von Schloter ist fast schon euphorisch. Er merkt es. «Ich weiss, ich mache jetzt Werbung, aber ich bin begeistert von dieser Idee und den Produkten.» Diese Begeisterung will er auf die Swisscom-Kunden übertragen. Und damit seinem Unternehmen zu mehr Umsatz und Gewinn verhelfen.

Die Voraussetzungen sind hervorragend: In keinem Land der Welt ist der Anteil von Apple an privat verkauften PC so hoch wie in der Schweiz. Auch wächst der Hersteller hierzulande drei Mal schneller als der Markt. Zudem verkauft Swisscom schon seit langem MP3-Player des amerikanischen Riesen. Schloter: «Weil Swisscom nun Vertriebspartner von Apple in der Schweiz ist, gewinnen wir nicht nur neue Kunden, sondern können auch bestehende begeistern.» Der wesentliche Nutzen des iPhones sei, dass es das Geschäftsmodell für mobile Datenübertragung demokratisieren werde. «Ich kenne so viele Leute, die es nie gewagt oder versucht hätten, mit einem traditionellen Handy ins Internet zu gehen. Mit dem iPhone surfen sie ab dem ersten Tag durchs Internet. Das ist das bemerkenswerte am iPhone: Alles ist so einfach.» Das wiederum motiviere andere Hersteller, dieselben Wege zu beschreiten. «Und das gibt dem mobilen Datengeschäft einen Auftrieb», resümiert Schloter. Mit anderen Worten: Durch die nutzerfreundliche Bedienung verwenden iPhone-Besitzer ihr Gerät überdurchschnittlich für datenintensive Anwendungen wie Internet und Videos. Das bringt Umsatz und Marge für Telekom-Anbieter wie Swisscom und Orange. Wie wichtig das Datengeschäft ist, zeigt sich im Festnetzbereich. Hier werden die rückläufigen Erträge mit Telefonie durch TV und Internet kompensiert und überkompensiert. Die Schweiz gehört zu den Spitzenreitern (siehe Grafik).

Auf die Frage, wie viele iPhones er absetzen wolle, gibt er sich ungewohnt wortarm. «Viele.» Wie viele zehntausend? «Viele.» Wie viele hundertausend? «Sie wissen, dass ich darauf keine Antwort gebe.» So viel ist sicher: Es soll eine sechsstellige Zahl geben. Und das auf einer rentablen Basis. «Jeder iPhone-Kunde wird die gleich gute Wirtschaftlichkeit wie jeder andere Kunde aufweisen. Ob man das Gerät jetzt subventionieren oder den Umsatz mit Apple teilen muss, am Schluss geht die Rechnung für Swisscom auf.»(mik)