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Swisscom: Fernsehen der Vergangenheit

Video-Angebot von Swisscom TV: Die Filmverleiher freuen sich über einen neuen Ertragspfeiler. (Bild: ZVG)

Den zeitversetzten TV-Angeboten droht das Aus. Die Filmindustrie prüft eine Klage gegen die Anbieter. Sie fürchtet um ihr Geschäft mit Abrufvideos.

Von Sven Millischer
am 24.10.2012

Seit 13 Jahren leitet Liliane Forster die Zürcher Videothek Filmriss. Digital-TV und Internet-Angebote haben dem Kleinbetrieb in den letzten Jahren arg zugesetzt. In den zeitversetzten Fernsehangeboten sieht die Filmriss-Geschäftsführerin aber keine Konkurrenz. «Unsere Kunden wollen die Filme geniessen. Da stören all die Werbeunterbrechungen, die man überspulen muss.»

Was Liliane Forster kalt lässt, sorgt bei der amerikanischen Filmindustrie für helle Aufregung. «Zeitversetztes Fernsehen konkurrenziert unser Geschäftsmodell der kostenpflichtigen Abrufvideos», sagt ein Filmverleiher eines grossen Hollywoodstudios. Die meisten Filme würden nach wenigen Jahren am Fernsehen ausgestrahlt. Mit den zeitversetzten Diensten erhalte der Konsument also gratis und franko eine Filmothek zur Verfügung gestellt. «Wir prüfen deshalb eine Zivilklage gegen Betreiber solch zeitversetzter Fernseh-Angebote», sagt der Mann in Hollywoods Diensten.

Bereits im Frühjahr schickte die Schweizerische Vereinigung zur Bekämpfung der Piraterie (SAFE), bei der die ­amerikanische Filmindustrie im Vorstand sitzt, den Internet-TV-Anbietern Wilmaa, Zattoo, Teleboy und Blick TV eine Abmahnung. Entweder man kläre die Rechtslage abschliessend oder es drohe eine Unterlassungsklage mit möglichen Schaden­ersatzforderungen. Hollywood fürchtet, von der rasanten technischen Entwicklung überrollt zu werden. Seit Jahren sind die Erlöse in der Schweiz rückläufig. Die Kinos verzeichnen kontinuierlich weniger Besucher. Gleichzeitig sinken die Preise für Filme auf DVD oder Blu-Ray. Betrugen die Bruttoeinnahmen aus Kino und Heimvideo 2004 noch rund 700 Millionen Franken, so waren es sechs Jahre später 150 Millionen Franken weniger.

Zeitversetztes Fernsehen dagegen boomt hierzulande. Knapp 1,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer nutzen ­Internet-TV-Dienste wie Zattoo, Wilmaa oder Teleboy, welche diverse Aufzeichnungsfunktionen im Programm haben. Auch die verschiedenen Digital-TV-Angebote setzen auf zeitversetztes Fernsehen. Alleine bei Swisscom TV nehmen 150000 der rund 700000 Abonnenten das Replay-Angebot wahr. Dies, obwohl die Kunden die zeitversetzte Wiedergabe extra aktivieren müssen. Swisscom schreibt auf ihrer Website, dass die Replay-Funktion «vorläufig im Markttest» zur Verfügung stehe. Zunächst habe man dies aus technischen Gründen getan, um das Fernseherlebnis stabil zu halten, sagt Sprecher Olaf Schulze. Doch nun spiele auch die rechtliche ­Situation eine Rolle. «Im schlimmsten Fall kann es sein, dass in der Schweiz die zeitversetzten Dienste nicht mehr angeboten werden können», erklärt der Swisscom-Sprecher.

Schiedskommission tagt

Ende November entscheidet die eid­genössische Schiedskommission für die Verwertung von Urheberrechten und verwandten Schutzrechten. Die Schiedskommission prüft den Verwertungstarif, der ab 2013 gilt, und regelt, wie die Digital-TV- und Internet-Streaming-Anbieter künftig die Urheberrechte an den gesendeten ­Inhalten abgelten müssen. Der Verwertungstarif setzt stets eine private Nutzung voraus. Genau dies ist der Zankapfel im Streit ums Replay-TV. Die entscheidende Frage ist, ob der Konsument, wenn er zeitversetzt fernschaut, auf eine Privatkopie zurückgreift oder eben nicht.

Früher war der Fall klar. Im analogen Zeitalter wurden leere Videokassetten mit einer Urheberrechtsabgabe belegt. Später kamen auch Speichermedien wie DVD und die Festplatten in den TV-Setup-­Boxen hinzu. Doch die Internet-Revolu­tion hat den physischen Speicher zuhause obsolet gemacht. Wer heute zeitversetzt fernsieht, tut dies über eine Datenwolke im Netz. Der entsprechende Server steht irgendwo auf der Welt.

Praktisch unbegrenzte Speicher und lange Aufbewahrungszeiten – je komplexer und konvergenter die digitalen Anwendungen würden, sagt ein auf Urheberrecht spezialister Anwalt, desto schmaler werde der Grat für kollektive Verwertungsgesellschaften und damit die Digital-TV-Anbieter. «Inzwischen gibt es über ein Dutzend verschiedene Verwertungstarife, die sich bei gewissen Anwendungen wie Streaming gar überlappen.»

Dies berge juristischen Zündstoff auch fürs Replay-Fernsehen. Für die Digital- TV-Anbieter sei es «extrem attraktiv», dass auch zeitversetztes Fernsehen weiterhin als Privatkopie abgerechnet werde, sagt der Branchenanwalt. «Es gibt einen einheitlichen Tarif. Die Transaktionskosten sind entsprechend tief. Dies, weil die Anbieter nur mit den Kollektivverwertungsgesellschaften verhandeln müssen.» Statt also jeden Film, jede Sendung für Replay-TV einzeln lizenzieren zu müssen, gilt für alle ein pauschaler Verwertungstarif.

Entsprechend versuchen die Internet-TV-Anbieter ihr zeitversetztes Angebot als virtuellen Videorekorder – im Sinne einer Privatkopie – auszugestalten. «Bei uns müssen die Benutzer stets selbst den Befehl erteilen, wenn sie etwas aufzeichnen wollen», betont Jörg Meyer vom Internet-TV-Anbieter Zattoo. In diesem Sinne handle es sich um eine Aufnahmefunktion «wie bei einem herkömmlichen Videorekorder zu Hause auch». Meyer warnt davor, den Internet-TV-Anbietern solche Aufzeichnungsfunktionen zu verbieten. Die Erfahrung in Deutschland habe gezeigt, dass fehlende legale Angebote wie Fernseh-Streaming durch Pirateriedienste ersetzt würden. «Alleine in diesem Jahr wurden in Deutschland Hunderttausende illegale Applikationen verkauft», betont Meyer.

Demgegenüber betonen SAFE und die Hollywood-Studios, dass zeitversetztes Fernsehen längst nicht mehr als Privat­kopie gelten könne. Die Replay-TV-Angebote basierten auf zentralen Kopien und würden mehr als nur einzelne Sendungen umfassen. «Je nach Anbieter können die Benutzer mehrere Wochen lang auf die ­gesamte Programmpalette zurückgreifen. Der Konsument selber hat darauf keinen Einfluss und kann die Kopien auch nicht löschen», sagt der Filmverleiher. Die gesamte Verwertungskette sei bedroht.

Individuell statt kollektiv

Statt einer Kollektivverwertung drängen die amerikanischen Studios deshalb auf eine individuelle Lizenzierung der ­Inhalte. Gerade für Blockbuster-Filme sei dies deutlich attraktiver als die kollektiven Pauschalen, erklärt ein Branchenanwalt. Dies auch, weil individuelle Lizenzen nicht durch die Schiedskommission auf ihre Angemessenheit hin geprüft werden.

Allerdings ist die Lizenzierung extrem aufwendig. Letztlich müssten die Anbieter mit den Rechteinhabern der Sendungen ­aller TV-Programme individuelle Verträge aushandeln. Eine kostspielige Sisyphus­arbeit, gerade für die kleinen Internet-TV-Anbieter wie Wilmaa oder Zattoo schlicht nicht realisierbar.

Ihre Verhandlungsmasse ist gegenüber den Filmmultis gering, weil nur die wenigsten Internet-TV-Anbieter über eigene Video-on-Demand-Angebote verfügen. Im Gegensatz zu den Digital-TV-Riesen wie Swisscom oder UPC Cablecom, deren Angebot an Abrufvideos für die Film­verleiher einen zunehmend wichtigeren ­Ertragspfeiler darstellt. Alleine Swisscom-TV-Kunden haben 2011 über sechs Millionen kostenpflichtige Inhalte abgerufen, was fast eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr ist. Für den Branchenanwalt ist deshalb klar: «Kein grosses Filmstudio würde ohne Not gegen die Telekomkonzerne vor Gericht ziehen.»

Für Liliane Forster spielen derlei juristische Winkelzüge keine Rolle. Mit Klassikern und Stummfilmen pflegt die Videothek auch in Zukunft die Nische.

 

Internet-Fernsehen: Fall für die Gerichte

Verfügung
Die amerikanische Filmindustrie ging bereits gegen den Internet- TV-Dienst Zattoo in Deutschland vor. Vor drei Jahren erwirkten Universal und Warner Brothers vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen den Zürcher Streamingdienst. Mehrere Hitchcock-Filme mussten dann geschwärzt verbreitet werden. Zattoo verzichtete auch aus Kostengründen darauf, in die Berufung zu gehen.

Lizenz
Streitpunkt war die Frage, ob für die Weitersendung des Kabelsignals Zattoo die Urheberrechte direkt mit den Studios zu verhandeln habe oder mit den Verwertungsgesellschaften im Fernsehanbieter. Inzwischen schloss Zattoo Deutschland Verträge mit mehr als 50 Sendern ab, um die Signale weiter verbreiten zu dürfen. Allerdings sind im deutschen Streaming-Dienst die Programme der RTL- und Sat.1/Pro7- Gruppe nicht zu empfangen. Ebenso fehlt die Aufnahmefunktion.

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