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Swisscom: Flatrate beim mobilen Surfen

Swisscom: Die Geschwindigkeit zählt. (Bild: Keystone)

Die Swisscom schafft die mühsame Datenvolumenzählerei bei Handyabos ab.

Veröffentlicht am 13.06.2012

Neu enthalten bei der Swisscom alle Handyabonnements unbegrenzte Datenvolumen. Die Kunden können also soviel surfen wie sie wollen, ohne Mehrkosten zu haben. Neu unterscheidet der «Blaue Riese» nach Geschwindigkeit. Kunden mit dem billigsten Handyabo sind also beim Surfen im Internet viel langsamer unterwegs als jene mit dem teuersten Angebot. Die Geschwindigkeit der insgesamt fünf Abos bewegt sich zwischen 0,2 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) und vorerst 42 Mbit/s. Ab Dezember steigt mit der Einführung der neuen Mobilfunkgeneration LTE die Spitzengeschwindigkeit auf bis zu 100 Mbit/s.

Damit führe die Swisscom als erster Anbieter der Welt im Mobilfunk die gleiche Tarifstruktur ein wie im Festnetz, sagte Swisscom-Chef Carsten Schloter am Mittwoch vor den Medien in Zürich. Dort sind bereits seit Jahren nach Geschwindigkeiten unterschiedene Abos gang und gäbe.

Zum Vergleich: Die meist genutzte Internetgeschwindigkeit im Festnetz liegt bei der Swisscom bei 10 Mbit/s.

Reaktion auf Skype, Facebook und Co.

Erhältlich sind die neuen Mobilfunkabonnements ab dem 25. Juni. Das günstigste kostet 59 Franken pro Monat, das teuerste 169 Franken. Enthalten in den neuen Abos seien auch unbeschränkte SMS und Telefoniegespräche in alle Schweizer Netze, sagte Schloter. Das teuerste Abo enthält auch unbeschränkte Gespräche in die EU und nach Nordamerika.

Die neuen Abos richteten sich nicht in erster Linie gegen die Konkurrenten Orange und Sunrise, sondern gegen Internetangebote wie beispielsweise WhatsApp, Facebook oder Skype, sagte Schloter: «Wenn wir nichts tun, werden zunehmend mehr SMS- und Sprachtelefonie-Umsätze aus unseren Büchern verschwinden.»

Die Kunden würden dann immer mehr auf solche Angebote ausweichen, um SMS zu schicken oder zu telefonieren, erklärte Schloter. Bereits jetzt würden die Jugendlichen viel weniger telefonieren als noch vor einem Jahr, weil sie sich zunehmend in den sozialen Netzwerken tummelten.

Umsatzrückgang

Dieser Effekt hinterlässt schon heute deutliche Spuren in der Rechnung. Im ersten Quartal sank bei der Swisscom der Umsatz mit einzeln verrechneten SMS im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 28 Prozent auf 59 Millionen Franken.

Die Tarifmodelle mit einzeln verrechneten SMS und Gesprächsminuten hätten ausgedient, sagte Schloter. Sie deckten die Bedürfnisse der Kunden immer weniger ab.

Die Abschaffung der Einzelabrechnung im Mobilfunk dürfte auch aufs Festnetz auswirken. Auch dort ist eine Abschaffung der Minutentarife zu erwarten.

Finanziell schlagen sich die neuen Tarifstrukturen in den Büchern der Swisscom deutlich nieder. Die Swisscom rechne durch die Preiserosion erneut mit einer Umsatzeinbusse von rund 500 Millionen Franken im laufenden Jahr, sagte Schloter.

Für den grössten Teil davon dürften die neuen Mobilfunkabos verantwortlich sein. Unklar sei noch, wie viele Kunden wegen der neuen Mobilfunkabos ihren Festnetzanschluss aufgeben würden, sagte Schloter.

Flaschenhals im Zug

Die schöne neue Welt des unbeschränkten Internetsurfens breitet sich aber nicht überall aus. Im Zug dürfte die Versorgung in den nächsten Jahren trotz Aufrüstung der Waggons eher noch schwieriger werden als heute, sagte Schloter.

In der Eisenbahn wird die Datenautobahn schnell einmal zum Flaschenhals, weil durch den Boom der Alleskönnerhandys und Tabletcomputer sich immer mehr Leute die beschränkten Übertragungskapazitäten in den Waggons teilen müssen. Selbst wenn man eine Bandbreite von 42 Mbit/s in den Zug reinbringe, müssten sich mehrere hundert Leute diese Geschwindigkeit teilen, sagte Schloter.

Comparis: Revolution

Der grundlegende Systemwechsel sei eine Revolution im Schweizer Mobilfunkmarkt, urteilte Telekomexperte Ralf Beyeler vom Internetvergleichsdienst Comparis: Die Kunden müssten sich nicht mehr mit dem Datenvolumen herumschlagen. «Denn wer kann schon ganz genau abschätzen, wie viele Daten er pro Monat verwenden und wie viele Anrufe er tätigen wird?», fragte Beyeler.

Mit den neuen Swisscom-Abos lauerten auf den Kunden bei einer Nutzung in der Schweiz keine Kostenfallen oder höhere als erwartete Monatsrechnungen mehr, sagte Beyeler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Das werde die Konkurrenten Orange und Sunrise unter Zugzwang bringen.

Orange plane derzeit keinen Systemwechsel, sagte Sprecherin Therese Wenger: Die neuen Swisscom-Abos seien eine Reaktion auf Orange Me-Angebote, insbesondere bei den inbegriffenen SMS und Minuten für Anrufe ins Ausland. Der Hauptvorteil bei Orange sei, dass die Kunden nur das wählten und bezahlten, was sie wirklich bräuchten.

Sunrise dagegen will reagieren: «Wir haben bereits interessante Pläne in der Schublade», erklärte Sprecher Michael Burkhardt, ohne Einzelheiten zu nennen. Die Unterscheidung nach Geschwindigkeit bei der Swisscom sei allerdings gegenüber den meisten Kunden ungerecht. Die Swisscom verweigere den Kunden, die weniger bezahlten, die Maximalgeschwindigkeit auch an Orten, wo sie eigentlich problemlos verfügbar wäre.

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