Swisscom-Chef Carsten Schloter konnte tun, was seinem Vorgänger Jens Alder verwehrt blieb: Im Ausland gross einkaufen. Dank des italienischen Breitbandanbieters Fastweb wollte Schloter die Umsatzrückgänge im Inland kompensieren. Fastweb sollte sein ganz persönliches Meisterstück und für die Swisscom eine Wachstumsmaschine werden.

Fast 7 Mrd Fr. oder beinahe 7000 Fr. pro Breitbandkunde zahlte die Swisscom 2007. Zu viel, monierten Analysten. Dies um so mehr, als Fastweb selbst nur rund ein Drittel ihrer Breitband-Infrastruktur besitzt - den Rest hat sie bei der Telecom Italia gemietet.

Nun muss sich die Crew um Schloter die Frage gefallen lassen: Hat die Swisscom Fastweb vor dem Kauf wirklich genügend durchleuchtet? Swisscom-Sprecher Sepp Huber erklärt: «Es gab eine detaillierte Due Dilligence. Damals lagen auch die beiden Gutachten bezüglich des laufenden Verfahrens rund um die angeblichen Mehrwertsteuer-Verstösse vor.»

2,6 Milliarden Franken Goodwill

Klar ist: Die Politiker, die zuvor von einem Irland-Engagement der Swisscom nichts hatten wissen wollen, erhoben keine Einwände gegen den Kauf von Fastweb. Im Jahr 2005 verbot der Bundesrat der Ex-Monopolistin lediglich, sich an ausländischen Grundversorgern zu beteiligen. Diese neue Strategie sei risikoärmer, hiess es.

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Tatsächlich ist es seit dem Kauf von Fastweb durch die Swisscom unternehmerisch rund gelaufen: Die italienische Firma hat die gesteckten Wachstumsziele in den vergangenen drei Jahren erreicht. Und die Swisscom musste bisher auch keine Abschreibungen vornehmen: Gemäss aktuellem Geschäftsbericht weist Swisscom für Fastweb 2,6 Mrd Fr. Goodwill aus - nur unwesentlich weniger als 2008. Um auch weiterhin Abschreiber zu vermeiden, auferlegte die Swisscom Fastweb ein jährliches Umsatzwachstumsziel von 6,5%.

Doch nun holen die Altlasten, die der Swisscom zum grossen Teil schon beim Kauf bekannt waren, die Akteure ein - und der Druck auf Schloter nimmt zu. Denn was die italienischen Behörden Fastweb vorwerfen, sind alles andere als Peanuts: Es soll sich nicht nur um Mehrwertsteuer-Betrug im grossen Stil handeln. Nun wurde die Untersuchung ausgedehnt. Zum Mehrwertsteuerbetrug kommen noch Vorwürfe der Geldwäscherei hinzu. Eine Gesamtsumme von 365 Mio Euro hinterzogener Mehrwertsteuern soll im Spiel sein, weil eine Vielzahl von Unternehmen betroffen sind, darunter Fastweb mit rund 70 Mio Euro. Die Untersuchungsbehörde beantragt dem Gericht die Bestellung eines Kommissars gegenüber Fastweb. Vorerst ist ein Entscheid darüber jedoch vertagt worden.

Millionenzahlungen vor Verkauf

Im Zentrum der Vorwürfe steht Fastweb-Firmengründer Silvio Scaglia. Er sitzt seit ein paar Tagen in Untersuchungshaft. Seine Rolle war bereits beim Kauf durch die Swisscom von Branchenkennern kritisiert worden. Schon 2005 wollte Scaglia Kasse machen und Fastweb verkaufen. Er erteilte der Deutschen Bank damals im November ein Verkaufsmandat. Viele Interessenten geisterten durch die Medien. Zu einem Abschluss kam es nicht. Anfang 2006 nahm Scaglia seine Firma offiziell wieder vom Markt. Fastweb brauche keinen strategischen Partner.

Doch die Spekulationen, dass man trotz gegenteiliger Beteuerungen einen Käufer suche, rissen nie ab. Zudem hatte Scaglia in den letzten Monaten vor dem Verkauf an die Swisscom zweimal Sonderausschüttungen in Millionenhöhe für die Fastweb-Teilhaber angekündigt. Dabei hatte das Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt seit seiner Gründung im September 1999 noch nie Gewinn erzielt. Die Ausschüttungen finanzierte Fastweb über Kredite, was die Verbindlichkeiten Ende 2006 auf 1,1 Mrd Euro getrieben hatte.

Privatisierung gefordert

Nach dem Verkauf an die Swisscom war Scaglia ein gemachter Mann. Die Swisscom-Verantwortlichen dagegen sehen sich nach den jüngsten Entwicklungen im Kreuzfeuer der Kritik - gerade auch von der Politik. Waren Verwaltungsrat und Management tatsächlich zu wenig kritisch beim Kauf? Hätte sich ein Unternehmen, bei dem der Bund die Mehrheit hält, gar nie in Italien engagieren dürfen?

Dabei ist klar, dass wer wirtschaftet, auch Risiken eingeht - eingehen muss. Doch die Swisscom ist ein gebranntes Kind. Sie hat sich - noch vor dem Amtsantritt von Carsten Schloter als CEO - im Ausland bereits einmal im grossen Stil geirrt und 3 Mrd Fr. verloren, in Deutschland mit dem Mobilfunkanbieter Debitel. Auch Debitel sollte für die Swisscom zur Wachstumsmaschine werden.

Die neuerliche Situation heizt die Diskussionen um eine Swisscom-Privatisierung wieder an. SVP-Vordenker Christoph Blocher, der sich als Bundesrat seinerzeit gegen ein Irland-Engagement der Swisscom wehrte, sagte gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Ich bin grundsätzlich dagegen, dass sich ein staatlich kontrolliertes Unternehmen im Ausland engagiert.»