Diese Nachricht schreckt auf: Rund die Hälfte aller Schweizer Unternehmen beurteilt die Versorgung mit Basisrohstoffen in den kommenden drei Jahren als gefährdet oder sogar als sehr hoch gefährdet. Dies gilt selbst beim derzeit wieder tieferen Stand der Rohstoffpreise. Zu diesem Schluss kommt der neuste Report des Logistikfachverbandes GS1 Schweiz. Befragt wurden 340 Schweizer Unternehmen aus den Bereichen Konsumgüterherstellung, Gross- und Detailhandel sowie Logistikdienstleistung.

Schnelles Auf und Ab

Auch beim Bund macht man sich Sorgen über die Rohstoffversorgung. Die Globalisierung der Wirtschaft führe zu minimalen Betriebsvorräten bei intensivem Güteraustausch, heisst es beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) auf Anfrage. Bereits geringfügige Störungen könnten zu empfindlichen Versorgungsengpässen führen. Die Binnenlage der Schweiz, ihre ausgeprägte Rohstoffarmut und der hohe Technologiestandard verstärkten die Störungsanfälligkeit.

Mit Störungen ist definitiv zu rechnen. Zwar schätzt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut, dass die meisten Rohstoffpreise ihren Tiefpunkt noch vor sich haben. «Aber die momentane Wirtschaftslage ist gekennzeichnet durch grosse Unsicherheiten. Dadurch ergeben sich auch extreme Preisschwankungen», so Dirk Dreisbach, Co-Autor der GS1-Studie.

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Kommt hinzu, dass bei gewissen Rohstoffen selbst jetzt kein Nachfrageeinbruch stattgefunden hat. «Und zumindest bei Nahrungsmitteln kann auch mittelfristig nicht von einem Nachfrageschwund ausgegangen werden», sagt Nestlé-Mediensprecherin Anna Lorthiois-Lennman. Der für die Schokoladenindustrie wichtige Kakaopreis ist jüngst trotz Krise gar wieder gestiegen.

Was die restlichen Rohstoffe angeht, so könnte die Bedrohung der Versorgungssicherheit wieder zum Thema werden, wenn die Nachfrage in den Emerging Markets erneut steigt. «Und sollte es neben wirtschaftlichen Problemen in einigen Teilen der Welt zu politischen Spannungen kommen, könnte dies in sehr kurzer Zeit wieder zu einer Teuerung und zu einer Rohstoffverknappung führen», sagt Dirk Dreisbach.

Behörde zur Rohstoffsicherung

Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann warnt deshalb davor, das Thema Rohstoffversorgung zu vernachlässigen. «Der Wettbewerb auf den Beschaffungsmärkten wird von marktmächtigen Unternehmen und durch protektionistische Praktiken einzelner rohstoffexportierender Staaten bedroht», sagt er. Ein rohstoffarmes Land wie die Schweiz sei aber zwingend auf offene und wettbewerbsorientierte Beschaffungsmärkte angewiesen.

Das glaubt man auch bei Nestlé: «Freiere Märkte beziehungsweise ein geringerer Marktinterventionismus seitens der einzelnen Staaten würden zur Versorgungssicherheit beitragen», sagt Lorthiois-Lennman.

Die Industrievereinigung Swissmem will deshalb laut Schneider-Ammann die Idee einer internationalen Kartellbehörde lancieren. Diese Behörde sollte bei der WTO angesiedelt sein und die Versorgung aller Länder mit Rohstoffen sicherstellen.

Mit dieser Idee stösst Schneider-Ammann auf offene Ohren. «Staatenübergreifende Abstimmungen bei der Rohstoffbeschaffung machen durchaus Sinn», meint Wolfgang Stölzle, Logistikprofessor an der Universität St. Gallen. Eine internationale Behörde könne Interessenkonflikte zwischen den Ländern mindern.

Kritisch äussert sich dagegen Gerald Romagna, CFO von Alu Menziken. «Bei solchen Projekten stellt sich immer die Frage: Haben wir nicht schon zu viele Behörden auf der Welt?» Zudem bezweifelt Romagna, dass eine internationale Kontrollstelle den Zugang der Schweiz zu Rohstoffmärkten sicherstellen könnte. «Und zumindest bezüglich Aluminium ist die Rohstoffversorgung der Schweiz keinesfalls gefährdet», fügt er an. Hier sei die Kleinheit der Schweiz ein Vorteil. «Denn weil im Vergleich zu den grossen Ländern wenig Rohstoffe gebraucht werden, fällt immer etwas ab.»