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Agrochemie
Syngenta: ChemChina braucht starke Nerven

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Ren Jianxin , Chairman von ChemChina

Quelle: Keystone

Wäre Syngenta noch an der Börse kotiert, würden die harzigen Zahlen des Konzerns beunruhigen. Doch ChemChina bewahrt Ruhe – vorerst.

Von Seraina Gross
am 21.02.2018

In China wird in diesen Tagen chinesisches Neujahr gefeiert, man begrüsst das Jahr des Hundes. Die Menschen sind zu Hause bei ihren Familien; für viele ist es das einzige Mal im Jahr. Man gönnt sich was, isst Jiaozi, die chinesischen Hackfleischtäschchen, die traditionell zu Neujahr gereicht werden, und sitzt zusammen. Das öffentlichen Leben steht so gut wie still – eine Zeit, vergleichbar mit Weihnachten.

An der Basler Schwarzwaldallee aber, dem Sitz der vom chinesischen Staatskonzern ChemChina übernommenen Syngenta, ist es nicht weit her mit der Feierlaune. Der Champagner muss warten, das Unternehmen hat ein durchzogenenes Jahr hinter sich. ChemChina-Chairmann und Syngenta-Verwaltungsratspräsident Ren Jianxin hat dem Unternehmen eine Verdoppelung der Verkäufe in den nächsten Jahren verordnet. Doch statt aufwärts wie geplant gab es einen Dämpfer.

Weniger Umsatz

Das Geschäft schrumpfte, um ein Prozent, auf noch 12,65 Milliarden Dollar. Grund waren Brasilien und Argentinien, wo die bäuerlichen Einkommen nicht vom Fleck kommen. Die Ebitda-Marge hielt sich bei 21 Prozent – die Strafzahlung von 1,5 Milliarden Dollar nicht mit inbegriffen, mit der Syngenta in einem Rechtsfall Tausende amerikanischer Bauern entschädigen muss. Die Ironie der Geschichte: Den Rechtsfall hat ihr die chinesische Regierung mit Einfuhrsperren für einen genveränderten Mais eingebrockt. Der Cashflow lag im vergangenen Jahr zwar bei rekordhohen 1,7 Milliarden Dollar, aber da kommen die nicht genauer bezifferten Transaktionskosten noch weg.

Rückläufige Umsätze im Hauptgeschäft, den Pestiziden, ein dicker Rechtsfall, Transaktionskosten: Wäre Syngenta noch kotiert, Konzernchef Erik Fyrwald und seine Mannschaft müssten sich etwas einfallen lassen, um ihre Investoren bei Laune zu halten. Doch Syngenta ist nicht mehr an der Börse und die neuen Besitzer in Peking scheinen nicht gleich die Nerven zu verlieren, wenn die Zahlen einmal nach unten zeigen. Im Gegenteil: Das Management habe volle Rückendeckung aus Peking, sagt Finanzchef Mark Patrick. Die Unterstützung von ChemChina sei «just terrific».

Die Zahlen sind nur das eine. Syngenta hatte in den ersten Monaten unter chinesischem Regime einiges zu verkraften, dass unter anderen Umständen eine Hiobsbotschaft wäre. Im September scheiterte das Management beim Versuch, eine 7-Milliarden-Dollar-Anleihe am Markt zu platzieren. Mit der Anleihe hätte die eigene Übernahme finanziert werden sollen.

Ein schlechtes Rating

Ein Grund für das Scheitern: Das Rating, das nach der Übernahme durch ChemChina nach unten gerasselt war. Syngenta, einst ein gut schweizerischer A-Schuldner, figuriert heute bei S&P bei BBB minus, eine Stufe über Junk.

Gleichzeitig hat das Unternehmen eine Reihe an Projekten in Arbeit, die in nächster Zeit einiges an Investitionen erfordern werden. Da ist einmal die Erschliessung des chinesischen Landwirtschaftsmarktes; schliesslich haben die Chinesen ja vor allem dafür 43 Milliarden Dollar in Basel zugeschlagen. Das Unterfangen ist gewaltig. Die chinesische Landwirtschaft gilt als technologisch rückständig, kleinteilig und zu wenig produktiv; viele Böden sind derart belastet, dass sie für die landwirtschaftliche Produktion verloren sind. Es wird Jahre dauern, sie wieder aufzupäppeln.

«Der chinesische Markt ist substantiell für uns», sagt Mark Patrick. Ziel sei es, dass Geschäft möglichst schnell in die Gänge zu bringen. Zur Zeit liegt Syngenta in China bei einem Marktanteil von 6 Prozent.

Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell

Dazu kommt die Nachhaltigkeit, die nun Teil des operativen Geschäfts werden soll. Auch hier geht es um ein «gewaltiges Investitionsprogramm», wie Alexandra Brand sagt, ehemals Chefin der Zone Europa, mittlerer Osten und Afrika und seit anfang Jahr Nachhaltigkeitschefin von  Syngenta.

Und dann will das  Management ja auch weiterhin zuschlagen können, wenn sich die Möglichkeit einer Akquisition ergibt – auch wenn die organische Weiterentwicklung des Geschäfts im Vordergrund steht, wie Finanzchef Mark Patrick sagt. Um Milliardenbeträge wird es dabei wohl kaum mehr gehen. Die Agrobranche ist nach den drei Mega-Deals der letzten Jahre – ChemChina/Syngenta, Bayer/Monsanto und DuPont/Dow – bereits stark konsolidiert. Die Wettbewerbsbehörden haben die Gangart verschärft, weitere Übernahmen dürften es schwer haben bewilligt zu werden.

Doch eine Transaktion in der Grössenordnung der eben abgeschlossenen Nidera-Übernahme dürfte weiter möglich sein. Mit Nidera, einer holländischen Saatgutfirma mit einem starken Lateinmamerika-Geschäft, hat Syngenta eben 300 bis 350 Millionen Dollar Umsatz zugekauft.

Keine schlaflosen Nächte

Ein nicht gerade berauschender Geschäftsgang, ein anspruchsvolles Umfeld, eingeschränkte Möglichkeiten am Kapitalmarkt und ein grosser Invetitionsbedarf: Für Erik Fyrwald und seine Mannschaft ist das alles kein Grund, schlaflose Nächte zu haben. «Wir bekommen die Firepower, die wir brauchen, um unsere Pläne umzusetzen», sagt Finanzchef Mark Patrick. «Der finanzielle Spielraum ist vorhanden».

Das alles aber heisst nicht, dass sich das Management zurücklehnen kann. Denn nicht nur bei westlichen Investoren, sondern auch bei chinesischen Müttern komme irgendwann die Stunde der Wahrheit. Dann nämlich, wenn ihre westlichen Töchter ganz oder teilweise wieder kotiert werden, wie das im vergangenen Jahr bei der italienischen ChemChina-Tochter Pirelli der Fall war.

Die Re-Kotierung des Reifenherstellers gilt als Testfall für einen Return on Investment nach chinesicher Art. Noch ging die Rechnung ging nicht ganz auf. Der Start war holprig, der Anfangskurs lag unter dem Ausgabepreis. Die chinesischen Besitzer werden besorgt sein, dass sich das nicht wiederholt, wenn Teile von Syngenta dereinst wieder an die Börse gebracht werden.

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