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Agrochemie
Syngenta: «China, wir kommen»

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Die Drohne sprüht: In China werden bereits 6 Millionen Hektaren so bewirtschaftet. Quelle: ZVG

Die ChemChina-Tochter Syngenta aus Basel läuft in China warm. Es winkt ein 10-Milliarden-Dollar-Markt.

Von Seraina Gross
am 23.05.2018

Andrew Guthrie mag es beständig. Vor dreissig Jahren hat er als junger Agronom in Australien bei der Vorgängerfirma von  Syngenta angeheuert und danach alle Volten miterlebt; den Aufbau eines Milliardenunternehmens aus den Restposten der Basler Grossfusion von Sandoz und Ciba zu Novartis, die ständigen – erfolglosen – Versuche von Platzhirsch Monsanto, den Basler Frischling unter seine Fittiche zu nehmen, und schliesslich, vor einem Jahr, das vorläufige Finale mit der 43 Milliarden Dollar schweren Lösung mit Peking. Ein Berufsleben, ein Unternehmen.

Doch das, was den gebürtigen Australier nun erwartet, ist selbst für einen altgedienten Topmanager mit Vergangenheit als APAC- und EMEA-Zonen-Chef ein Abenteuer. Seit ein paar Monaten arbeitet der 53-Jährige im Auftrag von Konzernchef Erik Fyrwald daran, für Syngenta den chinesischen Markt aufzurollen.

Umsatz von 2 bis 3 Millionen

Geschätztes Volumen für Mais, Reis, Gemüse und Pestizide im Reich der Mitte: 11 Milliarden Dollar, ein Volumen in der Grössenordnung des letzten Konzernumsatzes, von dem Syngenta zurzeit erst ein paar wenige Prozent abgreift. Oder anders gesagt: Mit den Marktanteilen von 25 bis 30 Prozent, die Syngenta und die anderen grossen Agrokonzerne mitunter in den Amerikas oder in Europa erzielen, sind in China 2 bis 3 Milliarden Dollar Umsatz mehr zu machen.

Schlüsselposten Peking

«Es ist aufregend», sagt Andrew Guthrie am Telefon, wo er von seinem Büro in Schanghai aus zugeschaltet ist. In China lebten 20 Prozent der Weltbevölkerung, doch das Riesenland verfüge nur über 7 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Die chinesische Landwirtschaft müsse deshalb beides gleichzeitig werden: effizienter und nachhaltiger. «Das ist entscheidend», sagt er. Denn die Vorgabe der Regierung sei klar: Modernisierung und Wachstum, aber ohne zusätzliche Umweltbelastung (siehe Box rechts).

Kaum eine andere Performance dürfte von den neuen Besitzern in Peking deshalb so genau verfolgt werden wie diejenige des Australiers mit Sitz in Schanghai. Doch auch für die Mannschaft um Erik Fyrwald hängt viel daran, dass das Projekt China zum Fliegen kommt. «China ist unsere grösste Wachstumschance», sagt sein Mann vor Ort. «Jetzt geht es darum, dass wir sie möglichst gut nutzen.»

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Syngenta ist kein Neuling in China, die ersten Geschäftsverbindungen wurden von den Vorväterfirmen vor bald hundert Jahren geknüpft. Seit 2009 betreibt Syngenta einen Life-Science-Park in Peking, eines von sieben globalen Schlüsselzentren für F&E. Im letzten Jahr vor der Übernahme, 2016, beliefen sich die Investitionen in China auf 360 Millionen Dollar. Doch das ist erst der Anfang.

Eine der Strategien des China-Chefs: Auf den Technologie-Zug aufspringen, der in Asien schon viel mehr Tempo hat als bei uns. Das Stichwort dazu heisst Präzisionslandwirtschaft; das heisst die Optimierung von Saatgut-, Pestizid- und Wassereinsatz mit Technologie.

«China ist die am stärksten digitalisierte Volkswirtschaft der Welt», sagt Guthrie – und die Landwirtschaft sei da keine Ausnahme. Gewiss, das Bild vom chinesischen Kleinbauern, der nur wenig Land bewirtschafte, stimme. Doch es gebe auch eine stark technologisch geprägte Landwirtschaft. Bereits würden sechs Millionen Hektaren landwirtschaftliche Fläche mit Drohnen bewirtschaftet, von total 135 Millionen Hektaren im ganzen Land, sagt er. Ein erster Schritt, um hier ganz vorne dabei sein zu können, ist geglückt. Im April ging Syngenta mit der chinesischen DJI Technology, dem grössten zivilen Drohnenhersteller der Welt, eine Partnerschaft ein.

Ganz im Sinne der chinesischen Eigentümer ist auch der Good Growth Plan (GGP); ein Instrument, mit dem Syngenta seit Jahren versucht, Ertragssteigerungen und Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen, und das inzwischen vollständig geschäftsrelevant ist. «Der GGP passt sehr gut zur Modernisierungsagenda der Regierung», sagt Guthrie. Ziel sei es, die ländlichen Gegenden zu revitalisieren, den Kleinbauern moderne Bewirtschaftungstechniken zur Verfügung zu stellen.

Konkurrenz ist mit sich beschäftigt

Doch auch das Umfeld spricht dafür, dass sich die Milliardenwette der chinesischen Syngenta-Besitzer rechnen wird. Während die Basler in China längst angekommen sind, steht die Konkurrenz noch immer in Europa und in den USA auf dem Rollfeld und wartet auf das Okay zum Start. Die Übernahme von Monsanto durch die deutsche Bayer ist zwar auf der Zielgeraden, die Verantwortlichen rechnen noch im zweiten Quartal mit einem Abschluss. Und auch die Führungsmannschaft der künftigen Division Crop Science steht seit ein paar Tagen – mit einem prominenten Abwesenden übrigens, dem aktuellen Monsanto-Chef und Syngenta-Feindbild Hugh Grant. Aber die deutsch-amerikanische Unternehmung dürfte auch nach erfolgreichem Abschluss der Übernahme länger mit sich selbst beschäftigt sein. Fusionieren hat seinen Preis.

Noch schlechter sieht es in den USA aus. DuPont und Dow Chemical haben ihren 130 Milliarden Dollar schweren Zusammenschluss zwar schon seit einem Jahr hinter sich; die geplante Ausgliederung der Agrarsparte aus dem fusionierten Unternehmen aber lässt auf sich warten. Vorläufiger Termin: Juli 2019. Immerhin, einen Namen hat man schon: Der Dritte im Bund der neuen «Big Three» der Agroindustrie soll Corteva Agriscience heissen und seinen Sitz in Wilmington, North Carolina, haben.

Derweil sind bei Syngenta alle Schalter auf Grün. Mit Michel Demaré ist der Letzte weg, der im Verwaltungsrat auf der Bremse stand. Sein Nachfolger Jürg Witmer, der nun die Gruppe der vier vom chinesischen Eigner unabhängigen Verwaltungsräte anführt, gilt als deutlich flexibler. Auch finanziell sieht es besser aus als auch schon. Vor einem Jahr war das Unternehmen mit dem Versuch gescheitert, eine Anleihe aufzunehmen. Nun kommt der zweite Versuch. Im April legte das Unternehmen Anleihen über 4,75 Milliarden Dollar auf – um seine eigene Übernahme zu finanzieren und sein Geschäft weiterzuentwickeln.

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Der wirtschaftliche Aufschwung hat dazu geführt, dass 55 Prozent der Bevölkerung Chinas in Städten leben. Trotzdem, das Riesenreich zählt noch immer 600 Millionen Bauern, die 7 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche bewirtschaften.

Die Revitalisierung des ländlichen Raums ist im «No. 1 Central Document» der Regierung festgehalten. Die Ziele könnten vom Bundesamt für Landwirtschaft stammen: eine starke Landwirtschaft, schöne Landschaften und zufriedene Bauern.

2017 legte der chinesische Staatskonzern Chem-China 43 Milliarden Dollar für die Basler Syngenta auf den Tisch. Die Übernahme ist ein wichtiger Baustein im Vorhaben, die chinesische Landwirtschaft produktiver und nachhaltiger zu machen.

Ziel ist es zudem, die Abhängigkeit Chinas von landwirtschaftlichen Importen zu senken. China importiert vor allem Mais und Soja, die für die Schweinefleischproduktion gebraucht werden. Mit dem zunehmenden Wohlstand steigt auch in China der Fleischkonsum.