Das zum chinesischen Staatskonzern ChemChina gehörende Basler Agrounternehmen Syngenta tritt Spekulationen um einen Wiederverkauf entgegen. «Die chinesische Regierung steht vollumfänglich zu Syngenta», sagte Finanzchef Mark Patrick bei der Präsentation der Jahreszahlen.

Das Unternehmen reagierte damit auf Aussagen des chinesischen Botschafters in Bern. Der hatte zu Monatsbeginn gesagt, der Verkauf an ChemChina sei «kein gutes Geschäft für die chinesische Seite» gewesen.

Das sei die «persönliche Meinung» von Botschafter Gen Wengbing, so Finanzchef Patrick: «Es ist nicht die Haltung der Regierung.»

«So stark wie eh und je»

Das Bekenntnis der chinesischen Regierung zu Syngenta sei so «stark wie eh und je». Die Aussagen seien vor der Hintergrund der Debatte in der Schweiz um chinesische Firmenkäufe zu sehen.

Gen Wengbing, chinesischer Botschafter in der Schweiz, hatte im «Tages-Anzeiger» (Paywall) gesagt: «Wenn ich ein Jahr früher hier Botschafter geworden wäre, dann hätte diese Übernahme nicht stattgefunden.»

Anders als für die Schweiz, die über 40 Milliarden Dollar «bekommen» habe, sei der Deal für China kein gutes Geschäft gewesen. Und: Wenn «die Schweiz» Syngenta zurückhaben wolle, «dann werde ich ChemChina überzeugen, die Firma wieder zu verkaufen.»

«Absurd»

Bei Syngenta kann man sich darauf keinen Reim machen. Allein schon die Formulierung, die Schweiz habe das Geld «bekommen», sei absurd, sagte ein Insider der «Handelszeitung». Schliesslich sei das Geld an Investoren auf dem ganzen Globus gegangen.

In der Tat hatte Syngenta vor der Übernahme ein sehr atomisiertes und internationales Aktionariat, bevor es verkauft und 2018 in New York und Zürich von der Börse genommen wurde. Die Eigentümer-Struktur war mit ein Grund, weshalb der Verkaufsdruck auf die damalige Syngenta-Spitze mit Verwaltungsratspräsident Michel Demaré und John Ramsay, ehemals Finanzchef und nach dem Rücktritt von Mike Mack Interims-CEO, so gross wurde.

«Grossartiger Beitrag»

Die Aussagen von Finanzchef Mark Patrick decken sich mit dem, was Ning Gaoning, Verwaltungsratspräsident von ChemChina und Syngenta, wenige Tage nach der Übernahme dem chinesischen Nachrichtenportal «Caixin» sagte. Demnach denken die Chinesen nicht an Wiederverkauf: «Es bestehen keine Pläne, Syngenta zu verkaufen», sagte Gaoning.

Das Unternehmen, das im aargauischen Stein eine Forschungsabteilung unterhält und unter anderem im Walliser Monthey produziert, werde «einen grossartigen Beitrag zur Entwicklung der Landwirtschaft weltweit und in China» leisten. In China lebt fast ein Viertel der Menschheit, doch das Land verfügt nur über 8 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsfläche.

Ning Gaoning, Nachfolger von Ren Jianxin, der die Übernahme 2017 zusammen mit Demarré aufgleiste, gilt als einer der mächtigsten Wirtschaftskapitäne. «Frank», wie er wegen seiner internationalen Erfahrung auch genannt wird, habe beste Verbindungen zu Staatspräsident Xi Jinping. Gaoning ist eine Art Chef-Chemiker Chinas. Er ist nicht nur Präsident von ChemChina, sondern auch von Sinochem.

Die Ernennung von Gaoning zum Syngenta-Präsidenten im Februar gilt als Indiz, dass die schon länger pendente Fusion der hochverschuldeten ChemChina mit Sinochem zu einem noch grösseren chinesischen Chemiegiganten näher rückt.

Rekotierung bleibt ein Thema

Nicht vom Tisch ist hingegen eine teilweise Re-Kotierung von Syngenta, wie sie Ren und Demarré bei der Übernahme in Aussicht gestellt hatten. Der Zeitraum: zwei bis fünf Jahre. Allerdings dürfte das nichts so schnell gehen, denn dazu brauche es eine gute «Story», sagt Marc Patrick, der schon vor der Übernahme bei Syngenta war.

Klar ist: Die Chinesen mussten damals extrem tief in die Tasche  greifen – so tief, dass selbst die damals noch dominante amerikanische Monsanto die Waffen strecken musste.

Sieben Prozent weniger Umsatz im ersten Halbjahr

Gleichzeitig zeigen die Halbjahreszahlen, dass es kein Sonntagsspaziergang werden dürfte für die chinesischen Käufer, die Investition wieder einzuspielen. Die Mannschaft von Konzernchef Erik Fyrwald kämpft mit schlechten Wetterbedingungen und dem sich verschärfenden Handelskonflikt zwischen China und den USA. Die Nervorsität steigt. Das könnte die Differenzen bei der Lesart des Deals auf chinesischer Seite erklären.

Die Verkäufe gingen im ersten Halbjahr um sieben Prozent zurück auf 6,8 Milliarden Dollar, bedingt durch Überflutungen in den USA und Verzögerungen beim Anbau der Flächen. «Der Wert des amerikanischen Pestizid-Marktes wird in den nächsten Jahren Milliarden verlieren», sagte der Syngenta-Finanzchef.

Der Ebitda lag bei 1,5 Milliarden Dollar, das waren 15 Prozent weniger als in der Vergleichsperiode. Hauptgrund: die steigenden Rohstoffkosten.

Syngenta leidet unter dem Handelskonflikt

Besonders dramatisch ist die Situation in den USA, wo die Umsätze um 14 Prozent nachliessen. Grund sind die chinesischen Importzölle auf amerikanische Agrargüter und die Ausweichbewegung nach Lateinamerika, insbesondere Brasilien. In Lateinamerika stiegen die Verkäufe um 19 Prozent.

Syngenta sei tief überzeugt davon, dass der freie Handel der richtige Weg sei, sagte der Finanzchef. Er hoffe, dass der Handelskonflikt bald beigelegt werde.

In China laufen die Geschäfte gut

Auch Asien und Australien schwächelten mit einem Minus von 10 Prozent, bedingt durch Dürren in Australien und Indonesien und dem Entscheid der thailändischen Regierung, den Import von Paraquat zu verbieten. Paraquat ist ein hochgiftiges Herbizid. Immer wieder kommt es vor, dass sich verzweifelte Kleinbauern in Entwicklungsländern damit das Leben nehmen. Einzelne Regierungen gehen deshalb dazu über, das Produkt zu verbieten.

Gut liefen mit einem Plus von 4 Prozent die Geschäfte in China. Der neue «Heimmarkt» wird seit 2018 separat geführt. Auch hier kam es anfangs 2019 zu einem Wechsel. Seither befehligt der Sinochem-Manager Qin Hengde das Geschäft von Syngenta und Sinochem.

 

 

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