Anhand mehrerer Studien hat der Verband Schweizer Elektrizitätsunternehmen (VSE) drei Szenarien für eine Schweiz ohne AKW entwickelt. Der Weg in die Zukunft ohne Atomenergie werde aber kein Spaziergang, sondern eine Bergwanderung oder gar eine Klettertour, heisst es vom Verbabnd.

«Den Königsweg gibt es nicht», sagte VSE-Direktor Michel Frank an einer Medienkonferenz in Bern. Jedes Szenario habe Vor- und Nachteile. Der VSE gibt auch keine Empfehlung für das eine oder andere Szenario ab, sondern will laut eigenen Angaben die Grundlagen vorlegen, damit Politik und Volk über den einzuschlagenden Weg entscheiden können.

Doch schon wird Kritik laut: Die Strombranche schüre mit ihren drei Szenarien zum Atomausstieg unnötige Ängste mit hohen Kosten, sagt die Energie-Stiftung. Der WWF spricht von unrealistischen Annahmen, und die AVES fordert Vergleiche der künftigen Stromversorgung mit und ohne AKW.

Die drei Szenarien

Szenario 1 wird als «Bergwanderung» bezeichnet: «Kein Spaziergang, aber machbar». Es geht von verstärkten Vorschriften für Stromeffizienz und Förderung erneuerbarer Energien aus, rechnet jedoch mit einem weiter steigenden Strombedarf.

Die Folge: Ein Viertel der Energie muss weiterhin importiert werden und der Ausstieg aus der Kernkraft geht nur mit sieben bis acht Gaskombikraftwerken und zusätzlichen Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen.

Zudem steigen die Gesamtkosten für Stromerzeugung und Netze bis 2050 gegenüber heute auf 118 Milliarden Franken, was einer Kostensteigerung von zirka 30 Prozent entspricht.

Energiesparen nötig

Szenario 2 wird mit einem «alpinen Pfad» verglichen: «Ambitioniert, erfordert klaren Willen». Es geht von einem stärkeren Willen zum Energiesparen aus, inklusive starker Lenkung über hohe Verbrauchssteuern.

Bis 2050 würden 70 Prozent der Energie aus erneuerbaren Formen entstehen, zum Beispiel mit knapp 1000 Windkraftwerken, 8 Wasserkraftwerken der Grösse des Kraftwerks Rheinfelden und 7000 Photovoltaik-Anlagen in der Grösse der Anlage auf dem Stade de Suisse in Bern.

Trotzdem würden 4 bis 5 Gaskombikraftwerke und wo sinnvoll Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen notwendig sein. Und das ganze Investitionspaket würde die Kosten um 45 Prozent auf 135 Milliarden Franken steigen lassen.

Äusserst anspruchsvoll

Szenario 3 ist der radikalste Umbau. Es wird einer «schwierigen Klettertour» gleichgesetzt: «Äusserst anspruchsvoll, nur mit starker Leistung, klarem Willen und Verzicht möglich». Der Stromverbrauch geht unter anderem dank starker Lenkungsabgaben um 7 Prozent zurück.

Es wird massiv in erneuerbare Energien investiert, zum Beispiel mit 1250 Windkraftwerken, 10 Wasserkraftwerken der Grösse des Kraftwerks Rheinfelden und Photovoltaik-Anlagen, die 11'500-mal derjenigen auf dem Stade de Suisse entsprechen.

Die Gesamtkosten steigen auf 150 Milliarden Franken. Dafür braucht dieses Szenario keine Gaskombikraftwerke, und importiert wird ausschliesslich Strom aus erneuerbarer Energie.

Energie-Stiftung: VSE schürt unnötige Ängste

Nach Ansicht der Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz (AVES) sind die Schätzungen des VSE realistisch. Die rund dreimal tieferen Zahlen des Bundesamtes für Energie seien «aus politischen Gründen eindeutig geschönt» worden, heisst es in einem Communiqué. Um sich ein konkretes Bild über die volkswirtschaftlichen Kosten des Atomausstiegs zu machen, fehle nun allerdings ein Vergleich mit dem (Ersatz-)Bau von einem oder zwei Kernkraftwerken.

Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) findet, der VSE schüre unnötige Ängste mit hohen Kosten und vergesse: «Die Stromzukunft kostet so oder so. Die Frage ist bloss, ob wir in eine veraltete Hochrisikotechnologie investieren oder in erneuerbare Energien und Effizienz», lässt sich SES-Geschäftsleiter Jürg Buri in einem Communiqué zitieren.

Gerne gehe beim VSE vergessen, dass auch neue Atomkraftwerke die Schweizer Volkswirtschaft teuer zu stehen kommen würden.

WWF: «Taugt nicht als Entscheidungsgrundlage»

Hart ins Gericht geht der WWF Schweiz mit den Stromszenarien: «Die VSE-Studie macht unrealistische Annahmen und taugt nicht als Entscheidungsgrundlage», kommentiert Patrick Hofstetter, Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz, in einem Communiqué.

Selbst das fortschrittlichste VSE-Szenario rechne mittelfristig mit einem Solarstrom-Zubau, der sogar noch unter der heutigen, äusserst schwachen Zubaurate liege. Auch die Kostenrechnungen machten misstrauisch, verschätze sich doch die Stromwirtschaft regelmässig schon mit kurzfristigen Prognosen arg.

VSE: Radikal umdenken

Auf dem Weg in eine Stromzukunft ohne AKW gebe es zahlreiche Stolpersteine, sagte VSE-Präsident Kurt Rohrbach. Die Schweiz komme nicht darum herum, sich bis zu einem gewissen Grad zu entscheiden zwischen Naturschutz, Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Autonomie und Klimazielen.

Für Erneuerbare Energie seien immer alle - bis die Umsetzung sie direkt berühre: «Windenergie ja - aber bitte keine Windturbine vor meiner Aussicht. Wasserkraft? Super, aber ganz sicher nicht in Form eines Kleinwasserkraftwerks im Bach meines Naherholungsgebiets. Biogas? Tolle Idee - aber bestimmt nicht in meiner Nachbarschaft.»

Ein Umdenken sei in allen Szenarien Voraussetzung, sagte der VSE-Präsident. «Je anspruchsvoller das Szenario, desto radikaler das nötige Umdenken.» Wer dies nicht akzeptiere, dürfe keinen Umbau des Systems fordern.

(aho/tno/sda)

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