Rund 1,5, respektive 1,6% Reallohnerhöhung wollen die Schweizer Unternehmen für 2010 gewähren. Dies ergaben Umfragen der Beratungsunternehmen Hewitt und Towers Perrin (siehe Grafik unten links). Diese Resultate liegen nicht weit von den Forderungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) von generell 1,5 bis 2% Lohnerhöhung. Der SGB argumentiert, zwei Drittel der Arbeitnehmen-den in der Schweiz seien in Firmen beschäftigt, die 2009 gute oder befriedigende Geschäfte machten.

Die positive Einschätzung beruht laut SGB-Sprecher Ewald Ackermann auf deutlichen Wertschöpfungszuwächsen in den Branchen Verkehr, Kommunikation, dem Gesundheitswesen sowie dem florierenden Geschäft der Kantonalbanken und Regionalbanken.

Gemäss Towers Perrin sind in etlichen Branchen Gehaltserhöhungen gesetzt: So plant die Pharma-, Chemie- und Hightech-Branche Lohnsteigerung zwischen 2,1 bis 3%. «Neben Unternehmen aus dem Bereich Professional Services zeigen sich IT- und Telekommunikationsfirmen für 2010 am optimistischsten in ihrer Vergütungsplanung», schreibt Towers Perrin (siehe Grafik unten rechts).

Nicht einzeln erfasst hat die Umfrage die exportorientierte und stark von der Rezession betroffene Industriebranche. In der Maschinen-, Elektro- und Metall- (MEM)-Industrie ist selbst für Angestellte Schweiz, den Sozialpartner der Branche, die Nulllohnrunde kein Tabu mehr.

Meistens gehen Manager voran

Bei den Firmen, die sich zur Decke strecken müssen, machen sich vermehrt Tabubrüche bemerkbar. Ein Trend, um Lohnkosten einzusparen, ist der freiwillige Lohnverzicht. Die Industriekonzerne Rieter, Hilti und OC Oerlikon fordern ihr Personal auf, freiwillig 4 bis 10% weniger Lohn zu akzeptieren. Bei den meisten Unternehmen geht das Management mit gutem Beispiel voran. Die 250 Top-Manager des Industriekonzerns Georg Fischer verzichten seit Mai freiwillig auf einen Zehntel des Gehalts. Auch bei Kuoni und Swiss hat der Verzicht in der Chefetage Schule gemacht. Etwas überraschend fordert auch HP-Schweiz von ihren 2000 Beschäftigten hierzulande einen Lohnverzicht, obwohl die bisherigen Quartalsergebnisse nicht besonders schlecht ausfielen.

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Doch: In welchen Fällen der Verzicht wirklich freiwillig ist und wirklich zur Rettung von Arbeitsplätzen dient, ist umstritten. Die Gewerkschaften befürchten, dass solche Lohnverzichte mehr der Ergebnisverbesserung dienen als der Bewahrung von Jobs. Fest steht, dass die Betroffenen bezüglich Arbeitslosengelder und anderen Sozialleistungen schlecht fahren (siehe Zweittext). Auch Arbeitgeberdirektor Thomas Daum zeigt sich skeptisch: «Lohnverzichte oder Lohnsenkungen dürfen nicht tabuisiert werden, sind aber nur in Einzel- und Ausnahmefällen ein probates Mittel, um durch eine Krise zu kommen.» Auch freiwillige Pensenreduktionen, unbezahlte Ferien, Staffettenmodelle und ähnliche Massnahmen könnten gegebenenfalls im Zusammenspiel mit Kurzarbeit bis zu einem gewissen Grad helfen, Entlassungen zu vermeiden und sollten immer geprüft werden. Aber ihre Umsetzung ist laut Daum nicht in jedem Fall möglich, und bei einem schweren oder langdauernden (strukturellen) Beschäftigungseinbruch können sie die den Stellenabbau höchstens mildern, nicht vermeiden.

100 Entlassungen vermieden

Die UBS hat mit neuen Arbeitsmodellen - unbezahltem Urlaub, der Möglichkeit, Ferien zu kaufen, Pensenreduktionen -, welche seit Sommer von 1500 Angestellten benutzt werden, nach eigenen Angaben bisher rund 100 Entlassungen vermeiden können. Gemäss den Gewerkschaften hätte man mit der Einführung der 40-Stunden-Woche allerdings über 1000 Stellen retten können.

Die Post, die wegen des Gesamtarbeitsvertrags Angestellte nur schwer entlassen kann, will die Mitarbeiter zur freiwilligen Pensenreduktion motivieren, indem sie verspricht, bisherige Löhne vorübergehend weiterzubezahlen.

Der Direktor des Gewerbeverbandes, Hans-Ulrich Bigler, findet es nur gut und recht, dass die grösseren Unternehmen in der Krise gezwungen sind, flexibler zu werden: «Im KMU-Bereich hat das Gürtelengerschnallen eine uralte Tradition. Allerdings sind es vorab die Betriebsinhaber (und die mitarbeitenden Partnerinnen), welche die grössten Opfer bringen.» Es schade sicher nicht, dass nun auch grössere Firmen diese spezielle Art von Corporate Governance kennenlernen.


Wer auf Lohn verzichtet, riskiert markante Einbussen beim Arbeitslosentaggeld

Die Rechtslage ist eindeutig: Wer auf Lohn verzichtet, muss im Falle einer Arbeitslosigkeit mit Einbussen beim Taggeld rechnen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, aus welchen Gründen der Verzicht erfolgt - also auch, wenn es darum geht, einen Beitrag zur Erhaltung von Arbeitsplätzen zu leisten.

Entscheidend ist laut Auskunft Valentin Laggers von der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) der versicherte Verdienst, der sich in der Regel nach dem Durchschnittslohn der letzten sechs Monate vor der Arbeitslosigkeit bemisst. Es gibt allerdings auch eine Ausnahme, die im Falle eines Lohnverzichts oft angewendet werden dürfte: Sollte die Bemessung basierend auf den letzten zwölf Monaten ein für den Versicherten besseres Ergebnis bringen, so ist diese massgebend. Doch selbst mit dieser Regelung ist klar, dass die Dauer der Kürzung den Referenzlohn und damit auch die Höhe des Taggeldes stark beeinflusst. Wer ein Jahr auf Lohn verzichtet hat, trifft es am härtesten.

Die Gewerkschaften kritisieren diesen Umstand und bezeichnen ihn als «doppelte Bestrafung» von Arbeitnehmenden. So sagt Doris Bianchi, Expertin für Arbeitsrecht beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund: «Wir können nicht akzeptieren, dass Grossunternehmen, die über das entsprechende Know-how verfügen, das Betriebsrisiko auf diese Weise auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abwälzen.» (syn)