Wann wird Valora endlich die seit Jahren versprochenen 100 Avec-Shops besitzen?

Rolando Benedick: Zurzeit führen wir in der Schweiz 60 Avec-Shops plus 43 Convenience-Shops von Tamoil. Somit haben wir bereits 103 Shops.

Werden Tamoil-Shops in Avec umgetauft? Ist Tamoil Ihr neuer Partner?

Benedick: Ja, wir haben soeben den Vertrag unterschrieben. Aber wir werden nicht alle Tamoil-Shops umwandeln. Zudem werden wir auch eigene Verkaufsstellen zu Avec umbauen. Mit den Convenience-Shops Avec können wir sicher in der Schweiz weiterwachsen.

Tamoil ist ja nicht gerade der Wunschpartner. Über die niederländische Oil- invest gehört sie dem libyschen Staat.

Benedick: Damit habe ich gar kein Problem. Tamoil ist ein Partner wie jeder andere. Zu politischen Themen müssen sich am Ende die beiden Länder einigen. Die Tamoil-Läden, die wir bereits in einen Avec-Shop umgewandelt haben, setzen deutlich mehr um. Wir arbeiten seit Jahren mit Tamoil sehr gut zusammen.

Ein anderer Partner ist Adriano Agosti, einer der grössten Investoren von Valora. Er sagte kürzlich: «Unternehmensführer, die beliebt sind, können nicht erfolgreich sein.» Sind Sie beliebt bei Valora?Benedick: Als VR-Präsident muss ich geschätzt, aber nicht beliebt sein. Was verstehen Sie unter «geschätzt»?

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Benedick: Ich muss eine Linie haben, Entscheide fällen und diese durchsetzen. Ich habe mich nie gefragt, ob ich beliebt bin. Wichtig ist, dass ich eine klare Strategie verfolge.

Weshalb arbeiten Sie bereits an einer neuen Strategie, wenn Ihre Strategie so klar ist?

Benedick: Bei meinem Amtsantritt vor zwei Jahren haben wir die Strategie «Valora 4 Success» definiert. Damals litt das Unternehmen unter vielen Problemen. Man hatte zum Beispiel die Logistik und die IT nicht im Griff, besass verschiedene Geschäftssitze, was teuer ist, und die Führungsdefizite waren riesig. Bis Ende Jahr haben wir rund 80% unserer Strategie «Valora 4 Success» erreicht. Ein Turnaround wird aber in zwei Phasen gemacht. In der ersten Phase muss man für Ordnung sorgen. Sie müssen das richtige Team bilden, Kosten sparen, bessere Umsätze und Margen erzielen. Eine lebendige Firma muss aber auch expandieren. Das passiert in einer zweiten Phase, deshalb arbeiten wir an einem neuen Strategiekonzept. Dieses widmet sich dem Thema Wachstum, das wir vor Ende Jahr präsentieren wollen.

Ein bisschen können Sie ja bereits verraten. Wo soll Valora wachsen?

Benedick: Wir wollen in unseren drei Geschäftsfeldern Services, Trade und Retail expandieren. Mit kleineren Zukäufen, aber auch mit der Expansion in neue Länder und mit neuen Principals.

Was heisst Principals?

Benedick: Ein Principal ist der Markenproduktehersteller. In der Schweiz vertreiben wir zum Beispiel Kelloggs Cornflakes. Solche Marken könnten wir auch in anderen Ländern vertreiben oder neue Marken hinzugewinnen und in bestehenden Ländermärkten vertreiben.

Und wie wollen Sie im BereichMedia/Services expandieren?

Benedick: Wir wollen neue Verleger für den Vertrieb von Presseartikeln für uns gewinnen sowie Dienstleistungen in diesem Bereich ausbauen. Oder in Ländern aktiv werden, wo wir bisher nicht waren.

Welche neue Strategie verfolgen Sie im Retail, dem umsatzstärksten Bereich?

Benedick: Mit Caffè Spettaccolo wollen wir in allen grossen Bahnhöfen und Flughäfen der Schweiz wachsen, jedoch nicht ins Ausland expandieren. Mit unserem Presse&Buch-Format sind wir in Deutschland stark. In der Schweiz haben wir bisher erst vier P&B. Da wollen wir noch zulegen. Mit unserem Kiosk sind wir in Luxemburg und in der Schweiz aktiv. In Deutschland sind wir ebenfalls mit einigen Kiosk-Formaten präsent. Wir könnten das Standbein Kiosk in Deutschland ausbauen.

Und Ihr Sorgenkind Avec in Deutschland?

Benedick: In Deutschland haben wir erst einen Laden - der schreibt schwarze Zahlen -, doch es gibt auch einige Probleme.

Welche?

Benedick: Standorte. Es ist nicht einfach, gute Standorte zu finden. Wir wollen nur die besten Standorte. Wir sind nur an rentablen Geschäften interessiert. Das ist ja auch im Sinn unserer Aktionäre. Wir haben für einen neuen Standort unterschrieben, aber dieser wird erst in rund acht Monaten eröffnet werden.

Sie könnten sich ja mit Avecaus Deutschland zurückziehen?

Benedick: Nein, wenn wir zehn Avec-Läden in Deutschland betreiben, ist das ein guter Anfang. Umgekehrt sind wir mit Presse&Buch-Läden sehr erfolgreich in Deutschland und übertragen dieses Konzept nun auf die Schweiz. Mit unseren vier zu Presse&Buch umgewandelten Läden hierzulande machen wir an diesen Standorten mehr als 10% mehr Umsatz als vorher mit dem Kiosk.

Was wollen Sie akquirieren?

Benedick: Wir wollen keine Matratzen und keine Fotolabors erwerben. Solche Geschäfte hat Valora zum Glück abgestossen. Wir kaufen nur in den Kernbereichen zu.

Sie könnten ein anderes grösseres Unternehmen, zum Beispiel eine ausländische Kiosk-Kette, schlucken.

Benedick: Die meisten Kioskunternehmen in Europa sind für uns zu gross und daher zu teuer.

Und die finnische Rautakirja?

Benedick: Sie passt aufgrund ihrer geografischen Ausbreitung nicht in unsere Wachstumsstrategie. Wir können in der Schweiz unabhängige Kioskbetreiber für uns gewinnen, auch kleine oder mittlere Kioskketten in Deutschland.

Vor ein paar Jahren wollten die Finnen Valora gar erwerben, wie Recherchen der «Handelszeitung» ergaben. Würden Sie Valora allenfalls auch verkaufen?

Benedick: Bei einem guten Angebot müssten wir das prüfen (lacht). Aber ich sehe keinen Konzern, der uns kaufen könnte. Die Gruppe in Finnland hat andere unternehmerische Herausforderungen, sodass sie uns nicht kaufen könnte.

Bis jetzt haben Sie 80% Ihrer Ziele erreicht, sagen Sie. Schauen wir die Ergebnisse an. Die sehen ja bisher noch nicht so rosig aus. Die Marge betrug letztes Jahr 2,4%. Bis 2012 wollen Sie eine Ebit-Marge von 3 bis 4% erreichen. 2009 sank der Umsatz gar um 1,2%. In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen Sie das Wachstum auf 3 bis 5% steigern. Weshalb dauert das so lange?

Benedick: Wir sind im Mikro-Retailing tätig. Macht man etwas richtig, gewinnt man nur wenige 0,1 Prozentpunkte. Im Detailhandel sind 3 bis 5% Wachstum viel. Wir halten an unseren Zielen fest. Dieses Jahr wollen wir einen Ebit ohne Währungseinflüsse von 85 bis 90 Mio Fr. erzielen.

40% Ihres Umsatzes erzielen Sie im Ausland. Wird Ihnen die Euro-Krise keinen Strich durch die Rechnung machen?

Benedick: Dieser Währungseffekt betrifft uns natürlich, aber nicht allzu stark, da nur ein kleiner Teil des Auslandumsatzes vom Euro beeinflusst wird. Einen bedeutenden Teil des Umsatzes erwirtschaften wir in den skandinavischen Währungen.

Der Medienbereich ist im Umbruch. Wie reagieren Sie auf die Entwicklung mit iPad, iPhone und Kindle?

Benedick: Wir haben eine Arbeitsgruppe gebildet, die eine Antwort für die Zukunft sucht. Ich glaube, in einer ersten Phase, also in den nächsten zwei bis fünf Jahren, werden diese neuen Geräte keinen grossen Einfluss auf unser Geschäft haben. Sie werden Auswirkungen auf den Zeitungsabsatz haben, aber deren Anteil an unserem Sortiment ist klein. Der grössere Anteil sind Zeitschriften, die eher als Print-Produkt konsumiert werden.

Bei den Services am Kiosk bieten Sie neuerdings Versicherungen der Zurich und Reisen an. Wann bieten Sie Bankgeschäfte an?

Benedick: Versicherungen und Reisen bieten wir derzeit an 50 Kiosken von 1000 Kiosken an - ab Juli an 150 und bis Ende September an 300 Kiosken. Wir wollen das sukzessiv ausbauen. Wir verkaufen nicht direkt Versicherungen oder Reisen, sondern offerieren via Prospekt ein Angebot. Wir erhalten eine Kommission, wenn der Kunde ein solches Angebot bestellt. Beim Bankgeschäft könnten wir Zahlungsanweisungen übernehmen. Das macht unser Konkurrent Naville in der Romandie bereits mit Western Union. Wir werden am Kiosk auch eine Geschenkbox anbieten, zum Beispiel einen Gutschein für eine Reise nach Wien. Solche Services am Kiosk forcieren wir. Im Micro-Retailing ist jeder Rappen wichtig. Damit verdienen wir unser Geld.

Kleinvieh macht Mist, heisst das Sprichwort. Sie wollen aber auch zulegen, indem Sie Kioskfrauen zu Unternehmerinnen machen. Wie geht das?

Benedick: Wir praktizieren dieses Konzept seit Jahren in Luxemburg und wollen das nun auch in der Schweiz etablieren. Aber das braucht Zeit. Wir besitzen 1000 Kioske. Wir sind nun im Gespräch mit interessierten Mitarbeitenden. Die Kioskfrau erhält monatlich eine abgestimmte Provision, mit der sie wirtschaften kann. Verkauft sie mehr, kann sie zusätzlich verdienen. Die Ware gehört uns, die Saläre zahlt die Kiosk-Unternehmerin. Sie übernimmt ein Risiko, kann aber auch mehr verdienen, als sie dies als Angestellte tun würde..