Nach der Häufung der Pannen in den letzten Wochen: Sind Sie selber schon einmal mit einem Zug stecken geblieben?

Ulrich Gygi: Nein, obwohl ich viel Zug fahre.

Nimmt die absolute Anzahl Pannen zu und hält sie sich dafür relativ zur Angebotssteigerung in Grenzen?

Gygi: Auch absolut gesehen nimmt die Zahl der Pannen nicht zu. Allerdings sind die Auswirkungen der Pannen auf unsere Kundinnen und Kunden in einem stark ausgelasteten System ungleich grösser. Auch die Post kann nicht 100% der Briefe rechtzeitig zustellen, 98% ist eine Riesenleistung, ein Weltrekord. Ich will aber nicht bestreiten, dass es Mängel gibt - die gehören bei hochkomplexen Systemen bis zu einem gewissen Grad dazu.

Dennoch besteht kein Zweifel, dass mit dem weiteren Ausbau des Angebots eine Zunahme der Pannen und Ausfälle unausweichbar ist.

Gygi: Natürlich könnte ein solcher Zusammenhang vermutet werden. Aber genau solche Entwicklungen gilt es zu brechen. Wir prüfen unsere Infrastruktur systematisch auf Schwachstellen und wollen den Unterhalt laufend, besonders auf verkehrsstarken Strecken, weiter verstärken. Wir arbeiten ebenfalls daran, die Geschwindigkeit der Intervention zu erhöhen. Allerdings halte ich die kürzlichen Berichte über eine Pannenserie für ein Wahrnehmungsproblem. Bei drei der erwähnten sechs Fälle handelte es sich um einen Personenunfall, eine bei Strassenbauarbeiten eingestürzte Stützmauer und einen umgefallenen Baum.

Seit Sie am Ruder sind, häufen sich die Ideen für neue Leistungs- und Steuerungsanreize. Beispielsweise das 9- Uhr-Generalabonnement. Die Umsetzung lässt aber auf sich warten.

Gygi: Wir produzieren in einem Viertel der verfügbaren Zeit die Hälfte des Geschäftsvolumens. Da liegen Anreize zur Nutzung verkehrsschwächerer Zeiten auf der Hand. Daher die Idee des 9-Uhr- GA. Weil wir solche Tarifänderungen innerhalb des Verbandes öffentlicher Verkehr abstimmen müssen, sind uns derzeit die Hände gebunden. Die Aktion mit den Sparbilletten, die wir in Eigenregie durchführen konnten, zeigt aber ganz deutlich, dass sich die Kunden über den Preis lenken lassen.

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Die Spartickets gibt es noch bis Mitte September. Planen Sie eine Fortsetzung?

Gygi: Wir planen eine zweite Welle von solchen Sparbilletten.

Die günstigen Spartickets haben einen Einfluss auf die Pendlerströme, doch was bringt die Aktion auf der Einnahmenseite?

Gygi: Das gilt es zu analysieren. Klar ist, dass wir dank der Aktion Neukunden gewonnen haben. Damit wurde ein zentrales Ziel erreicht. Andererseits kosten uns solche Rabatte auch etwas. Am wichtigsten ist die Erkenntnis, dass die Kunden bereit sind, ihren Reisezeitpunkt zu verschieben, wenn preisliche Anreize vorhanden sind.

Wo sehen Sie neue Wachstumsfelder?

Gygi: Eine Idee könnte sein, Angebote für Reisende mit besonderen Ansprüchen - ich denke da beispielsweise an Sitzungen im Zug, Ruhe- oder Verpflegungszonen - zu erwägen. Allerdings bedingt dies neues Rollmaterial, schafft operative Probleme und ist nicht prioritär. Wenn wir neues Rollmaterial beschaffen, geht es in erster Linie darum, die Sitzplatzkapazitäten und den Komfort zu erhöhen.

Gibt es für die anstehenden Milliardeninvestitionen, abgesehen von Vorfinanzierungen durch die Kanton, neue Ideen?

Gygi: Die SBB muss dafür sorgen, dass sie in allen Geschäftsbereichen etwas verdienen kann. Leider verdienen wir im Regionalverkehr aufgrund der heutigen Gesetzgebung nichts. Prinzipiell sollten alle Geschäftsbereiche einen Gewinnbeitrag leisten, damit das Unternehmen sich weiterentwickeln kann.

Wie?

Gygi: Auch im subventionierten Bereich sollte eine minimale Eigenkapitalverzinsung zugelassen werden. Die Deutsche Bahn erzielt den grössten Teil des Gewinns im Regionalverkehr. In der künftigen Bahnreform ist diese Möglichkeit vorgesehen. Es ist auf Dauer auch nicht trag- bar, dass wir jedes Jahr die verzinsliche Verschuldung erhöhen - das ist heute aufgrund des negativen Cashflows der Fall.

Gibt es andere Einnahmefelder, obwohl die SBB bei Tariferhöhungen abhängig sind vom Verband öffentlicher Verkehr und dem Preisüberwacher?

Gygi: Wir haben einen gewissen Spielraum. Tariferhöhungen sind auch für die Mitglieder des VöV per Ende 2010 unabdingbar. Eine zusätzliche Einnahmequelle ist ausserdem im Marketing/Verkauf zu prüfen. Im Bereich der neuen Absatzkanäle wie Internet oder Mobiltelefonie und in Sachen Loyalitätsprogramme sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Trotzdem sind die SBB bei der internationalen Bahnallianz Railteam im Hintertreffen punkto Reservation.

Gygi: Auf unserer Internetplattform können nationale und internationale Fahrkarten gekauft werden. Allerdings müssen wir die Tickets per Post zustellen, da die Bahngesellschaften die standardisierten Codes zum Teil nicht applizieren.

Wann erwarten Sie eine Erfolgsmeldung zu Cisalpino?

Gygi: Zwischen Genf und Mailand führen wir mit Erfolg ein Zugspaar mit den neuen Cisalpinozügen des Typs ETR 610. Ein weiteres Zugspaar folgt bald. Zudem wird die ältere Generation der ETR 470 besser unterhalten. Wir erwarten eine Beruhigung der Lage.

Unter dem Strich schneidet die Sparte Personenverkehr auch dieses Jahr gut ab?

Gygi: Ja, der Personenverkehr ist auch in diesem Jahr gut unterwegs.

Die Cargo-Sparte kann sich dem Konjunktureinbruch nicht entziehen. Haben sich die Rückgänge im Verkehrsvolumen von rund 20% Anfang Jahr vermindert?

Gygi: Nein, die Zahlen haben sich noch nicht massgeblich verbessert. Allerdings sind unsere Einbrüche von rund 20% im internationalen Geschäft und rund 10% im nationalen Geschäft deutlich geringer als bei der Konkurrenz. Die Güterströme haben eindeutig abgenommen und der Preiskampf auf der Strasse ist gross. Ohne die Rezession hätte die SBB-Gütersparte 2008 wohl fast schwarze Zahlen geschrieben.

Da kann die angestrebte Cargo-Partnerschaft kurzfristig wohl nichts ändern?

Gygi: Wir sind derzeit mit mehreren potenziellen Partnern im Gespräch und guter Hoffnung, durch eine Anbindung an ein internationales Netzwerk eine nachhaltige strategische Positionierung von SBB Cargo zu erreichen. Daneben prüfen wir auch die eigenständige Weiterführung von SBB Cargo - mit optimierten Produktionsstrukturen und punktuellen Partnerschaften. Wir streben bis Ende Jahr einen Grundsatzentscheid an.

Der Name des Partners wird mit Spannung erwartet. Halten Sie am Fahrplan fest, obwohl die favorisierten Kandidaten SNCF und DB Schenker derzeit mit roten Zahlen kämpfen?

Gygi: Es bleibt unser Ziel, dieses Jahr den Grundsatzentscheid zu treffen. Bis dann alle Verträge unter Dach und Fach sind, kann es schon 2010 werden. Dieser Prozess läuft nach Plan. Überdies verhandeln wir auch mit anderen potenziellen ausländischen und Schweizer Partnern.

Aber nicht für eine Kooperation im internationalen Verkehr?

Gygi: Doch, die Hupac ist ein wichtiger internationaler Player mit Terminals und Kunden im Norden und Süden.

Würde bei Hupac eine Kooperation im Vordergrund stehen - statt einer Beteiligung?

Gygi: Hupac ist ein langjähriger grosser Kunde der SBB und die SBB sind an Hupac bereits beteiligt. Eine noch vertieftere Partnerschaft mit Hupac wäre wünschbar.

Trotz trüber Wirtschaftslage erwartet die Gewerkschaft Transfair einen respektablen Gewinn für den SBB Konzern - letztes Jahr war es gar ein Rekordgewinn. Sie findet deshalb, eine generelle Reallohnerhöhung um 1,5% sollte möglich sein.

Gygi: Das müssen wir diesen Herbst verhandeln. Wir werden auch dieses Jahr einen Gewinn einfahren. Aber wie gesagt, wir brauchen das Geld für unsere Investitionen. Wir haben nach wie vor einen negativen Cashflow. Soeben haben wir über 100 Züge bestellt. Zudem müssen wir die Pensionskasse sanieren und uns dafür wieder verschulden.

Sie brauchen mehr Einnahmen aus dem Geschäft.

Gygi: Richtig. Neues Rollmaterial und dichtere Fahrpläne rechtfertigen gewisse Preiserhöhungen im öffentlichen Verkehr. Wir werden auf Ende 2010 mit den VöV-Partnern eine Preisvorlage ausarbeiten.