Alle ziehen an einem Strick, um mehr Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt einzugliedern», «1000 Jobs für Behinderte». So lauteten die Schlagzeilen vor einem Jahr, als das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) und FDP-Nationalrat Otto Ineichen das IV-Projekt «Job-Passerelle» lancierten. Nun ist das Projekt an den Differenzen der Leiter gescheitert, statt 1000 wurden bisher 14 Stellen geschaffen. Das BSV hat das Unterfangen in «Personalverleih für Behinderte» umgetauft. BSV-Vizedirektor Alard du Bois-Reymond geht nur noch von «mittelfristig 100 jährlichen Integrationen» aus, wie er auf Anfrage der «Handelszeitung» sagt.

Doch wo sind die Firmen, die vor Jahresfrist via «Job-Passerelle» ihr Engagement für das Gelingen der 5. IV Revision versprochen und damit zum Ja bei der Abstimmung beigetragen haben? Die Post etwa, welche von Anfang an Bereitschaft für das Projekt signalisierte, war nie aktiv involviert. «Die ursprünglichen Ziele dieses Projektes waren sehr hoch gesetzt worden, und eine konkrete Zusammenarbeit mit der Post ist bis jetzt nicht zustande gekommen», räumt Post-Sprecher Mariano Masserini ein. Ob die Post am Nachfolgeprojekt «Personalverleih für Behinderte» teilnehme, sei noch offen.

ABB lobte und tat nichts

ABB Schweiz will sich nicht am Nachfolgeprojekt beteiligen und hat sich auch bisher wegen hoher Auslastung nicht engagiert, wie ABB-Sprecher Lukas Inderfurth ausführt. Dabei begründete ABB vor Jahresfrist die Teilnahme unter anderem damit, dass das Modell neben der professionellen Beratung Behinderten und Arbeitgebern während eines Jahres erlaubt zu prüfen, ob eine Eingliederung überhaupt machbar ist – also Risiken übernimmt.

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Der Zentralsekretär der Stiftung Pro Mente Sana, Jürg Gassmann, ist enttäuscht vom BSV: «Letzten Mai hat das BSV kommuniziert, dass im Falle der Annahme der 5. IV-Revision die «Job Passerelle» im ersten Jahr 1000 Menschen mit Behinderungen nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt integrieren werde. Dieses Abstimmungsversprechen wurde gebrochen.»

Die berufliche Eingliederung von behinderten Menschen sei kein Sonntagsspaziergang, sondern harte Knochenarbeit. Er betont: «Wenn die 5. IVG-Revision mit der ‹Beruflichen Eingliederung vor Rente› funktionieren soll, dann nur, wenn die Unternehmen mitziehen.» Ansonsten sei die Umsetzung der 5. IVG Revision zum Scheitern verurteilt. «Ich erwarte von den Unternehmen einen Tatbeweis.»

Viele Behindertenorganisationen standen der Revision kritisch gegenüber, weil sie befürchteten, dass die Wirtschaft freiwillig nicht zur Integration von Behinderten zu bewegen sei.Die Wirtschaft ist nicht untätig.Gassmann begrüsst die Aktivitäten des Arbeitgeberverbandes für die Früherfassung von IV-gefährdeten Angestellten. Allerdings wendet er ein, dass dies betriebswirtschaftlich interessanter sei als die Integration. Arbeitergeber mit vielen IV-Bezügern zahlten höhere Krankentaggelder.

Kritik zurückgewiesen

Auf die Kritik, dass sich Firmen im Vorfeld der Abstimmung über die 5. IV-Revision profiliert hätten, ohne dann etwas zu liefern, sagt du Bois: «Ob die Wirtschaft ihre Versprechen beim Einsatz für Arbeitnehmer mit IV wirklich einlöst und ihrer Verantwortung nachkommt, kann man erst Ende Jahr beurteilen.» Damit der Aufwand des BSV amortisiert werde, brauche es 30 Personen, die spätestens nach eineinhalb Jahren im Projekt eine definitive Stelle gefunden haben. Seien es weniger, müsste das Projekt abgebrochen werden.

Die meisten angefragten Firmen schliessen eine Teilnahme aus. Lonza-Sprecher Dominik Werner begründet: «Das neue Projekt konzentriert sich vor allem auf die externe Integration, bei welcher die Lonza schon erfolgreich mit der kantonalen IV-Stelle tätig ist.» Die Ammann Schweiz AG bekräftigt, das neue Projekt nach Möglichkeiten unterstützen zu wollen, da es ein klares Bekenntnis zur Integration sei. Das Vorgängerprojekt habe allerdings bei Amman noch zu keiner zusätzlichen Einstellung von Behinderten geführt.