Als Jack Ma 1998 seine Kaufplattform «Alibaba» nannte, dürfte er vor allem an die sagenhafte Schatzkammer im Märchen aus «Tausendundeine Nacht» gedacht haben. Mit dem Börsengang und der damit verbundenen Öffnung nach Westen könnte aber bald ein anderer Aspekt in den Vordergrund rücken. Denn die Höhle im Märchen war nicht nur die Quelle unermesslichen Reichtums für den armen Holzfäller Ali Baba. Die Schatzkammer diente eigentlich in der Geschichte 40 Räubern als Versteck für ihre Beute.

Und hier liegt die weniger schöne Parallele des Internetmärchens mit dem Märchen aus der orientalischen Geschichtensammlung. Egal ob Taobao, Tmall, AliExpress, oder Alibaba.com – die beliebten Handelsforen des Konzerns sind voll mit Angeboten für gefälschte Produkte. Und obwohl Alibaba nach eigenen Angaben vor dem Börsengang eine grosse Säuberungsaktion veranstaltete, werden weiterhin massenhaft Fälschungen angeboten.

Gefälschte Ware als Geschäftsmodell

Kommentatoren ist aufgefallen, wie kurios falsch die Produktbeschreibungen in der neu gestarteten deutschen Version von Alibaba.com sind. «Blamabler Start der deutschen Website», titelte etwa die deutsche «Bild». Doch zum Teil sind die Titel auch verräterisch ehrlich. So verkauft etwa die Firma Bycotec in Shenzhen «android 4.4 schwarzmarkt handys». Zum Preis von «0 bis 100 Dollar» verspricht der Verkäufer 1000 Stück seiner «neuste 5,1 Zoll handy» pro Woche herstellen zu können.

Ganz so dreist sind zwar die wenigsten Anbieter. Gefälschte Ware scheint aber gerade im Bereich der Elektronikprodukte und insbesondere Handys das Geschäftsmodell zahlreicher Anbieter auf Alibaba.com zu sein. Beliebt sind offenbar vor allem nachgemachte Produkte von Apple und Co. Zum Beispiel verkauft die Firma Polobands ihr neustes Smartphone s600 unter dem Titel «Polobands entriegelt IPS-Display 4,5 zoll original i6 telefon 6 handy». Der Preis für die iPhone 6-Kopie: 30 bis 62 Dollar, je nach Bestellmenge.

Kampf gegen Windmühlen

Dass auf Alibaba viel gefälschte Ware angeboten wird, ist nicht neu. Zwischen 2008 und 2011 führte die US-Regierung Taobao als «berüchtigten Handelsplatz» wo «gefälschte Ware weit verbreitet ist». Für Experten ist indes schwer verständlich, weshalb sich die Firma von der schwarzen Liste nehmen lassen konnte. «Einige unserer Kunden schätzen, dass rund 80 Prozent ihrer Produkte auf Taobao gefälscht sind», sagte etwa Haydn Simpson von NetNames, einer Firma zur Durchsetzung des Copyrights im Internet, im September auf CNN.

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Und die Fälschungen betreffen nicht nur die Elektronikindustrie. Der amerikanische Sportartikelhersteller Columbia Sportswear lässt nach eigenen Angaben jeden Monat 3000 Einträge auf den verschiedenen Alibaba-Seiten entfernen. Ein Kampf gegen Windmühlen bei geschätzten 100'000 Angeboten zu Columbia-Produkten alleine auf Taobao.

Fälschertraum Alibaba

Alibaba hat bisher vor allem als grösster Börsengang der Geschichte für Schlagzeilen gesorgt. Wie die Verkaufsplattformen aber tatsächlich funktionieren, interessierte weniger. Die oftmals vorgebrachten Vergleiche mit Amazon oder Ebay greifen dabei zu wenig weit, denn als Online-Händler für Firmen ist Alibaba hauptsächlich im B2B-Geschäft tätig. Für chinesische Fälscher ist Alibaba.com oder auch Taobao deshalb ein hervorragender Weg, gefahrlos und billig illegale Produkte in grossem Stil zu verbreiten.

Dessen bewusst ist sich auch Haydn Simpson von NetNames. Alibaba verdiene Geld mit der Zahl der registrierten Nutzer und mit Kommissionen, so der Experte. «Wenn sie die Aufschaltung von Angeboten behindern, kannibalisieren sie ihren eigenen Marktplatz.» Die Entfernung von 10'000 Resultaten pro Tag sei deshalb sicher nicht im Interesse der Firma.

Alibaba verweist auf «Ruhephase»

Eine Liste der registrierten Unternehmen ist bei Alibaba nicht einzusehen. Auf Nachfrage von Handelszeitung.ch verwies eine Sprecherin auf eine «Ruhephase», während der keine Interviews oder andere Medienanfragen beantwortet würden.

Auch zum Umfang des Geschäfts von Alibaba in der Schweiz will der Konzern keine Angaben machen. Wann der Konzern zur Räuberhöhle die Formel «Sesam schliesse dich!» spricht, ist damit schwer einzuschätzen. Immerhin hatte Jack Ma Produktpiraterie im Vorfeld des IPO als «Krebsgeschwür» bezeichnet.