Die Revolution, wie so oft, beginnt an unterschiedlichen Ecken. Sie beginnt in Kenia, wo inzwischen drei von vier erwachsenen Bürgern ihre Ladeneinkäufe mit dem Mobiltelefon per SMS bezahlen. Sie beginnt in Schweden, wo eine Firma namens iZettle eine App entwickelt hat, die Kreditkarten belasten kann. Und sie beginnt im Silicon Valley, wo der Riese Amazon angekündigt hat, dass seine Kunden künftig externe Rechnungen über ihr Amazon-Konto bezahlen können. Wo die Revolution hinführen wird, kündigte Paypal schon vor Jahren an: «Bezahlen Sie mit Ihrem Smartphone», so bringt es der Pionier im E-Zahlungsverkehr auf den Punkt. Und zwar nicht unbedingt über eine Bank.

Was sich jetzt abzeichnet, wird die Banken kräftig unter Druck setzen. Heute sind sie es fast exklusiv, die Zahlungen abwickeln – und damit nach Schätzungen der Unternehmensberatung CapGemini 1800 Milliarden Dollar jährlich umsetzen. Doch ihr Angebot ist für die heutige Zeit unerträglich statisch: Um Geld zu überweisen, sind Sender wie Empfänger auf ein Bankkonto angewiesen, Verkaufsstellen brauchen ein Terminal. Bis die Zahlung verbucht ist, vergehen mindestens 24 Stunden.

«Die nächste grosse Schlacht»

Kein Wunder, dass die rastlosen Innovateure des Silicon Valley zum Angriff blasen: Nicht nur Amazon, auch Google, Facebook, Apple, Telekomfirmen wie Vodafone sowie die chinesischen IT-Riesen Tencent und Alibaba arbeiten an Diensten, mit denen Kunden über ihr Smartphone innerhalb von Sekunden bezahlen können – im Netz, am Marktstand in Nairobi, Berlin oder Kuala Lumpur, Löhne, Schulden an Kumpel. «Hier wird die nächste grosse Schlacht im Banking geschlagen», schrieb der «Economist» bereits 2012. «Wer wird die digitalen Geldbörsen kontrollieren?»

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Besonders grosse Geschäftschancen warten in den Schwellenmärkten – in Afrika, Südasien, Lateinamerika. Millionen von Menschen haben hier das feste Internet und das traditionelle Online-Banking übersprungen und organisieren ihren Zahlungsverkehr seit Jahren mit alternativen Lösungen wie Western Union oder Schattenbanken. Und seit wenigen Jahren auch mit Mobiltelefonie: Die Geschichte des SMS-Bezahlsystems «M-Pesa» gehört zu den grössten unternehmerischen Erfolgen auf dem afrikanischen Kontinent.

Erfolgsgeschichte «M-Pesa»

2007 entwickelten die Mobilfunkunternehmen Safaricom und Vodafone den Dienst für den kenianischen Markt. Mobilnutzer können sich mit «M-Pesa» gegenseitig über SMS Geld überweisen – ohne Bank oder Papierkram. Innerhalb eines Jahres nutzten 1,6 Millionen Menschen in Kenia «M-Pesa», inzwischen sind es 17 Millionen und damit zwei Drittel aller erwachsenen Kenianer. Mittlerweile erobert «M-Pesa» auch Tansania, Südafrika, Ägypten und Äthiopien. Expansionspläne gibt es auch für Afghanistan und Indien. Inzwischen werden sogar Kredite an Kleinunternehmen über den Dienst vergeben. Ein Wachstumsmarkt, glauben die Analysten der Unternehmensberatung McKinsey: Bis zu 350 Milliarden Dollar werden nach ihrer Prognose bereits nächstes Jahr mit Mobile-Banking-Diensten für kleine und mittlere Unternehmen in Schwellenländern umgesetzt.

Besonders gierig auf die neuen Marktchancen ist Facebook. Das Netzwerk macht sich offenbar bereit, zum Zahlungsdienstleister zu werden: Das Unternehmen hat einem Bericht der «Financial Times» zufolge in Irland eine E-Banken-Lizenz beantragt, um in ganz Europa Zahlungen zwischen Kunden abwickeln zu können. Bislang hat Facebook dies nicht bestätigt. Doch das Geschäftsmodell ist naheliegend: Zahlungsverkehr muss vor allem einfach, schnell und billig sein – und nichts ist bequemer, als ein Konto zu nutzen, auf dem man sowieso schon den ganzen Tag angemeldet ist. Zu den Marktgerüchten passt, dass Facebook gerade einen Schweizer Manager von Paypal abgeworben hat.

Deutsche Bundesbank warnt

Die etablierten Banken nehmen den Angriff der Technologiefirmen durchaus ernst. «Amazon wickelt bereits heute Milliarden in Online-Zahlungen ab, Paypal hat mittlerweile ein Transaktionsvolumen von 180 Milliarden Dollar, und auch Google dringt mit Wallet ins Banken-Territorium vor», sagt Urs Krucker von der Unternehmensberatung Y&R. «Es wird für die Banken höchste Zeit, zu handeln.» Auch Jamie Dimon, Chef von JPMorgan Chase, schlug vor wenigen Wochen Alarm. «Wir werden heftige Konkurrenz von Google, Facebook und anderen bekommen», sagte er gegenüber Bloomberg. JPMorgan Chase bewegt täglich 10'000 Milliarden Dollar – und zieht aus jeder Überweisung ein paar Cent ab.

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Die deutsche Bundesbank schrieb bereits im September 2012 in einem ihrer Marktberichte, absehbare Vorstösse von Internetunternehmern und Telekomfirmen würden voraussichtlich «erhebliche Veränderungen auf dem Markt für Zahlungsdienste bewirken». Die Bedeutung der traditionellen Banken in dem Geschäftsbereich könne abnehmen.

Was tun die Regulierer?

In der Schweiz dürfte vor allem Six Payment Services unter Druck kommen. Das Unternehmen hat diesen Frühling eine App vorgestellt, mit der künftig Smartphone-Nutzer direkt im Restaurant, im Kino oder an Privatpersonen Geld überweisen können. Allerdings bleibt der Dienst an das traditionelle System gebunden: Er läuft über ein angehängtes Schweizer Bankkonto oder eine Kreditkarte. Ähnlich funktioniert Moven, eine App, mit der Kunden ihre Kontostände bei verschiedenen Banken überblicken und Zahlungen ausführen können. Die Banken kommen so weiter unter Druck. «Sie verlieren den Zugang zu den Kunden», sagt Urs Krucker von Y&R. «Es besteht die Gefahr, dass sie auf die Funktion des Zulieferers von Banking-Dienstleistung reduziert werden.»

Banken hoffen darauf, dass die Finanzaufsichtsbehörden die neue Konkurrenz bremsen – und die Neulinge davon abhalten, etwa Kredite zu vergeben oder gar zu beraten. Er könne sich kaum vorstellen, dass Google «eine regulierte Bank» sein wolle, sagte JPMorgan-Chef Dimon. Langfristig werden die Banken nicht darum herumkommen, mit individualisierter Beratung statt mit Produkten Geld zu verdienen. «Es ist allerhöchste Zeit, dass wir umdenken», sagt ein UBS-Banker. «Es werden uns einige Geschäftsbereiche wegbrechen.»