Gut, das iPhone ist ein gereiftes Gerät, bei dem der Spielraum für atemberaubende Neuerungen wohl ausgeschöpft ist. Das wäre ja auch okay – wenn die Apple-Manager im Vorfeld der Keyote von vergangenem Dienstag nicht die Erwartungen ins Unermessliche gesteigert hätten. Geschäftsleitungsmitglied Eddy Cue hat sich laut dem Magazin «The Verge» zur Behauptung verstiegen, Apple habe «die beste Produkt-Pipeline» seit 25 Jahren.

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Demnach hätten die vorgestellten Neuerungen das iPhone, den iPod, das iPad, den iMac und das MacBook Air überflügeln müssen. Davon kann nun wirklich nicht die Rede sein. Vielleicht ist dieser Cue einfach ein Schwätzer. Vielleicht hat Apple aber auch als Unternehmen die Bodenhaftung verloren.

Auch die Apple Watch hat nichts Zwingendes

Was ist von der Apple Watch zu halten? Ich halte Apple zu gute, dass sie intensiv über die Uhr nachgedacht haben und vieles besser machen als die Konkurrenz. Die Unterscheidung zwischen Tippen und Drücken ist clever und eröffnet interessante Möglichkeiten – das Scrollen per Krone scheint mir allerdings nicht durchdacht. Ich glaube nicht, dass das wirklich praktikabel ist. Bei einer «richtigen» Uhr ist die Krone auch nur zum Aufziehen und Richten der Uhr gedacht. Dinge, die viel seltener tut als beispielsweise das Scrollen.

Ich werde die Uhr gerne ausprobieren, aber ich glaube nicht, dass sie für mich ein Thema ist. Ich sehe auch weiterhin keinen Anwendungszweck für eine Smartwatch. Mir reicht ein Fitnesstracker und ansonsten ist es kein Ding, für die aktuelle Uhrzeit oder das Nachsehen der Notifications das Smartphone aus der Tasche zu ziehen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist negativ

Bei der Kosten-Nutzen-Rechnung fällt die Uhr durch – sie will schliesslich aufgeladen, konfiguriert und betreut werden. Die geringen Vorteile, die einem die Uhr liefert, machen diesen Aufwand nicht wett. Das Design überzeugt mich nicht. Wenn ich am Handgelenk einen Gegenstand befestigen wollte, dann tatsächlich einen, der schön ist und mehr ausstrahlt, als ein kurzlebiges Hightech-Gadget – also so etwas wie eine mechanische Uhr, die Beständigkeit vermittelt. Oder ich trage die Taschenuhr, die ich von meinem Grossvater geerbt habe.

Die spannendste Neuerung war für mich ohne Zweifel die Zahlungslösung. Aus ihr könnte etwas werden – auch wenn ich noch nicht überzeugt bin, dass wir den Anfang vom Ende des Bargeldes schon miterlebt haben. Eine einfachere und vielleicht sogar sicherere Alternative zur Kreditkarte und allenfalls zur EC-Karte wäre zu begrüssen. In Apple Pay steckt Potenzial. Allerdings steckte auch in Passbook Potenzial, das bisher noch in keinster Weise ausgespielt wird. Ich habe Passbook noch kein einziges Mal benutzt.

Steht Apple am Wendepunkt?

Es nimmt mich Wunder, wie diese Keynote in ein paar Jahren bewertet werden wird. Vielleicht als Wendepunkt – an dem Apple Steve Jobs’ Vermächtnis nicht mehr gerecht werden konnte und der Hype endgültig zur Farce wurde. Die Newsportale tragen daran eine Mitschuld. Dass sie Apple derart hochspielen, ist ungesund. Die Einschaltquoten geben ihnen aber Recht. Was die Frage aufwirft, warum die Leser Meldungen mit dem Wort «Apple» im Titel geradezu reflexartig anklicken. Den Grund dafür verstehe ich nicht.

Für mich jedenfalls war diese Keynote ein Wendepunkt. Apple ist auf Lebensgrösse geschrumpft und angreifbar. Das ist gut so. Aber es ist auch ein guter Grund, die kollektive Hysterie nun deutlich zurückzufahren.

Matthias Schüssler ist Journalist, Blogger und Buchautor. Dieser Beitrag erschien auf seinem privaten Blog cklickomania.ch. Er widerspiegelt seine persönliche Meinung.