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Chinas WeChat attackiert Apples App Store

Chinessinen beim Online-Shoppen
Smartphones in China: WeChat steht im Zentrum der gesamten Internetaktivitäten. KeystoneQuelle: Keystone

Bisher kontrolliert Apple vollständig, welche Programme auf dem iPhone zur Verfügung stehen. Die chinesische Firma Tencent will dieses Monopol nun mit dem Messenger WeChat durchbrechen.

Von Gabriel Knupfer
am 27.09.2016

Gemessen an Nutzerzahlen ist Facebook heute noch immer der klare Branchenführer bei den Kurznachrichtendiensten. Direkt dahinter folgt die chinesische Firma Tencent. Ihr Dienst WeChat kommt inzwischen auf 800 Millionen aktive Nutzer – auch dank der geschützten Stellung in China. Doch dies ist nicht der einzige Grund für den Erfolg.

Anders als Whatsapp oder der Facebook Messenger ist WeChat inzwischen weit mehr als ein Programm für Kurznachrichten. Die Einführung einer Bezahlfunktion 2013 hat die App für Millionen Chinesen zum Zentrum ihrer gesamten Onlineaktivitäten gemacht. Egal ob für den Einkauf, ein Geldgeschenk an Freunde oder ein Kinoticket – WeChat ist Begleiter in allen Lebenslagen.

Einbussen für Apple

Facebook und Co. schauen deshalb schon lange voller Neid nach China. Doch nun testet Tencent einen neuen Service für WeChat, mit dem der Umbau des Dienstes zu einer universellen Plattform weiter vorangetrieben werden könnte. Laut dem chinesischen Wirtschaftsmagazin «Caixin» sollen mobile Programme künftig in WeChat laufen, ohne dass der Nutzer die App herunterladen muss. Apples App Store wäre damit obsolet.

Funktionieren soll das über eine Suchfunktion oder mit dem integrierten QR-Scanner des Messengers. Für Apple könnte die Neuerung grosse Einbussen bedeuten. Die Amerikaner verdienten 2015 schätzungsweise über 6 Milliarden Dollar mit den Downloads in ihrem Store. Und noch wichtiger: Apple hat bisher die volle Kontrolle, welche Programme auf den iPhones verfügbar sind.

Google Play ist blockiert

Analysten sehen die Pläne von WeChat in erster Linie denn auch als Angriff auf die App-Einnahmen von Apple und anderen App-Stores. Unternehmen sollen mit besseren Konditionen geködert werden. Die neue Funktion werde «Startups begünstigen, weil die Kosten, ein Geschäft aufzubauen, signifikant sinken werden», zitiert «Caixin» einen Tencent-Manager.

Seit vergangenem Donnerstag können Firmen den Service Xiaochengxu («Kleines Programm») offiziell testen. Neben den Unternehmen, die ihre Apps anmelden lassen, dürften sich auch Android-Nutzer über eine mögliche Markteinführung freuen. Google Play ist in China seit 2014 blockiert. Chinesische User müssen die Apps seither bei zahlreichen Drittanbietern suchen.

Jeder zweite Internetnutzer in China

Trotz Kontrolle und Zensur ist das World Wide Web im Reich der Mitte zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Nach offiziellen Angaben lebt jeder zweite Internetnutzer auf dieser Erde in China. Die überwiegende Mehrheit der Chinesen geht mit mobilen Geräten wie Smartphones ins Internet und nicht mit einem Computer. Der Wechsel zum mobilen Internet ist in China viel schneller und umfassender erfolgt als im Westen.

Dass die Verknüpfung von Chat-Apps mit allerlei anderen Diensten in China weit fortgeschritten ist, erstaunt deshalb kaum. Dennoch müssen US-Firmen wie Facebook und Google schauen, dass sie den Anschluss nicht verlieren. Der Ausbau von Messengern zu universellen Service-Plattformen sei wohl der grösste Trend im mobilen Internet, schreibt etwa der deutsche «Spiegel».

Gewaltige Möglichkeiten

Während etwa Facebook mit WhatsApp weiterhin keine befriedigende Möglichkeit gefunden hat, den hohen Kaufpreis von 19 Milliarden Dollar wieder hereinzuholen, sind asiatische Anbieter im Kommen. Erst im Juli wagte der japanische Messenger Line den Börsengang in New York. Der Markt ist riesig: Bis 2018 soll die Zahl der Nutzer von mindestens einem Chat-Dienst laut der Beratungsfirma Activate auf 3,6 Milliarden steigen. Das wären 90 Prozent der internetbefähigten Menschen auf der Welt.

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