Kalifornien hält immer, was es verspricht. Nach jedem Aufenthalt komme ich mit neuer Energie zurück und nichts im Leben scheint unmöglich. Meine letzte Dosis kalifornischen Optimismus tankte ich vor ein paar Wochen bei einem Besuch bei Cisco. Dort nahm ich an einer Sitzung mit Business-School-Leitern und Silicon-Valley-Unternehmern teil. Während ich die positive Stimmung genoss, fragte ich mich, ob es möglich wäre, ein Silicon Valley in Europa – genauer gesagt hier in der Schweiz – aufzubauen.

Das Silicon Valley nach Europa zu exportieren wäre sicher kein einfaches Unterfangen. Schon allein des Wetters wegen. Auch die Geisteshaltungen unterscheiden sich. Im Silicon Valley gelten Misserfolge als Teil der Kultur und sind kein Schandmal. Serienunternehmer sind die Norm. Sie gründen fünf Unternehmen gleichzeitig, in der Hoffnung, dass eines oder zwei davon erfolgreich sein werden. Europäische Unternehmer konzentrieren sich hingegen viel eher auf ein Projekt – Bauchlandungen sind weniger salonfähig.

Unser Leben wird bald gänzlich vom Internet beherrscht

Das Silicon Valley ist kompromisslos zukunftsfokussiert. Bei jeder Reise erhalte ich Einblick in futuristische Technologien und in neue Kommunikationsmedien. Das war beim letzten Mal nicht anders. Meine Gespräche bei Cisco bestätigten mich in der Überzeugung, dass unser Leben bald gänzlich vom Internet beherrscht werden wird. Statt zum «Internet of Things» bewegen wir uns jetzt hin zum allumfassenden «Internet of Everything».

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Genau deshalb haben schlaue Köpfe bei Google kürzlich 3,2 Milliarden Dollar für Nest Labs hingelegt – eine Firma, die intelligente Geräte für den Haushalt herstellt, wie Thermostate oder Rauchmelder. Aus dem gleichen Grund werden Einzelhandelsketten wie Walmart oder Carrefour über im Einkaufswagen eingebaute Chips bald erfahren, welchen Weg die Kunden in ihrem Geschäft zurückgelegt haben – was anderseits auch ethische Fragen hinsichtlich der Privatsphäre aufwirft.

Europäische Erfolgsgeschichten im Technologiebereich gibt es natürlich auch. Skype wurde in Europa erfunden. Skandinavien etabliert sich als globales Zentrum für die Entwicklung von Mobiltelefon- und Online-Spielen. Insgesamt liegt Europa allerdings Lichtjahre hinter dem Silicon Valley zurück.

Spannende neue Unternehmensmodelle

Egal in welchem Land man lebt, die Hightech-Zukunft wirft einige weniger technische Fragen und Ängste auf: Wie kann die Privatsphäre noch geschützt werden, wenn alle unsere Bewegungen und Entscheidungen vom Internet überwacht werden? Welche ethischen Grundsätze werden die Gesellschaft und die Unternehmen in Zukunft leiten? Was wird sich am menschlichen Verhalten ändern? Wie wirkt sich all dies auf Führungskompetenzen aus, nicht nur in der Wirtschaft, sondern überall?

Wer optimistisch an die Dinge herangeht, wird feststellen, dass die technischen Veränderungen spannende neue Unternehmensmodelle hervorbringen. Ein Beispiel ist Drync, eine amerikanische Smartphone-App für Wein-Connaisseure. Wenn Sie mit Ihrem Smartphone eine Weinetikette fotografieren, liefert Drync Ihnen direkt alle Informationen zu diesem Wein. Sie können Kundenbeurteilungen und -kommentare lesen und den Wein mit einem Klick nach Hause bestellen.

Drync setzt Technologie ein, um den Weinvertrieb in den USA zu revolutionieren. Die radikale Veränderung etablierter Sektoren und Märkte ist einer der Aspekte, die das Silicon Valley so spannend machen.

Kalifornien ist nicht perfekt. Steuerlich betrachtet ist der Staat nicht attraktiv. Doch das Silicon-Valley-Gesamtpaket findet man anderswo nur schwer. Neben der Unternehmenskultur findet sich dort die Stanford-Universität sowie ein hoch entwickeltes Netzwerk aus Rechtsdiensten, Finanzexperten und Beratungsunternehmen.

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In der Genfersee-Region gibt es Geld, Technologie und Fachkompetenz

Ein Pendant zum Silicon Valley in Europa aufzubauen ist sicher nicht leicht, aber unmöglich ist es nicht. Wie wäre es denn mit einem kleinen Stück Kalifornien hier in der Schweiz? Die Bevölkerung der San Francisco Bay Area ist ähnlich gross wie die der Schweiz, das ist schon ein guter Anfang. Doch zoomen wir noch etwas näher heran und konzentrieren uns auf die Genfersee-Region. Hier gibt es Geld, einen dynamischen Technologiesektor und viel Fachkompetenz. Dank erstklassigen Institutionen wie dem IMD, der ETH Lausanne und den Universitäten Genf und Lausanne gehen in der Region nie die Ideen aus.

Was brauchen wir sonst noch? Natürlich Start- und Risikokapital, damit schlaue Köpfe mit Ehrgeiz in der Genfersee-Region leichter Unternehmen gründen können. Doch vor allem brauchen wir eine andere Einstellung, mehr Optimismus, den Glauben daran, dass wir es schaffen können, dass nichts unmöglich ist.

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Eine Geisteshaltung kann man natürlich nicht über Nacht verändern. Doch Träume sind wichtig, im Geschäft wie auch im Leben. Die Silicon-Valley-Unternehmer beweisen dies jeden Tag aufs Neue. Ist die Schweiz zu Ähnlichem fähig? Was meinen Sie?

Dominique Turpin ist Präsident der IMD Business School in Lausanne.