Damit sorgte der weltweit grösste Online-Versandhändler im Dezember für Aufsehen: Ein Supermarkt, welcher den nervigsten Faktor beim Einkaufen eliminieren soll. Bei «Amazon Go» können die Kunden den Laden einfach verlassen, die Rechnung wird direkt vom Konto abgezogen. Innovativ, vielleicht sogar etwas futuristisch. Mit der Ankündigung überraschte Amazon, ein aufwändig produzierter Trailer wurde von heute auf morgen veröffentlicht.

Das Medienecho sprach für sich, die Idee wurde überall gelobt. Doch Amazon gab keine zusätzlichen Informationen zu dem Video, antwortete auf journalistische Anfragen eher spärlich und auch die Kommentarspalte unter dem Video bei YouTube wurde deaktiviert. Vieles deutet darauf hin, dass Amazon so von sich reden machen wollte, und Spekulationen der breiten Bevölkerung als Werbung für sich nutzen wollte. Vom Stil her erinnert das Video an die berühmten Keynotes von Apples Steve Jobs: die Idee wird als die beste seit der Erfindung des Rads verkauft. Amazon plant im nächsten Jahrzehnt 2.000 Filialen — der erste «Amazon Go»-Laden soll Anfang des Jahres in Seattle eröffnen.

Amazon Go erhöht den Druck auf die Markführer

Doch noch viel lohnender, als die Branche eines Tages selbst zu beherrschen, wäre es, die richtige Idee lukrativ an die derzeitigen Marktführer zu verkaufen. Um dafür den Preis präventiv in die Höhe zu treiben, braucht es folgende Dinge: Patente — die später verkauft werden sollen — und die Erwartungshaltung der Verbraucher, damit der nötige Druck auf die Marktführer hoch genug ist, dass sie auf das Boot aufspringen müssen.

In den vergangenen Jahren liess sich Amazon bestimmte Technologien und Praktiken patentieren, die genau auf diese Art des Supermarkt zugeschnitten sind. Besonders deutlich wurde dies bei einem Patent von 2013 und einem von 2014: Das Unternehmen liess sich ein «System für die Nachverfolgung aus Regalen entnommener Artikel» und die Art und Weise, Artikel zu bezahlen, ohne an einer Kasse Schlange stehen zu müssen, lizensieren.

Anzeige

Frühe Patente deuten auf Supermarkt hin

Damals fielen diese Patente noch auf die Warenhäuser des Online-Versandhändlers. Doch im Nachhinein sind sie durchaus auch für Supermärkte wie eben den «Amazon Go» relevant — das zeigen kleine Details in den Formulierungen der Patente, in dem der Kaufvorgang in einem Ladenlokal beschrieben wird, wie er auch in dem Video zu sehen ist.

Könnte es also sein, dass das Unternehmen nicht den Plan verfolgt, weltweit die Menschen in «Amazon Go»-Filialen zu locken? Vielleicht ist das lukrativere Geschäft ganz einfach die Idee. Nachdem Amazon nun die nötigen Patente in der Tasche hat, stellt das Unternehmen die Idee vor — und wartet ab. Das könnte der Versuch sein, die Erwartungshaltung der Verbraucher an Supermärkte auf diese Art von Innovation zu heben. Denn das beste Druckmittel, um den Preis für etwas zu steigern, ist die Nachfrage der Verbraucher.

Amazon weiss, wie man an einer Idee verdient

Was Amazon also vermarktet, ist nicht unbedingt den eigenen Supermarkt, sondern eine innovative Idee, zu dem das Unternehmen über die nötigen Patente verfügt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Amazon mehr an einer Idee verdient, als an der eigenen Ausführung. Vor etwa zehn Jahren wurde «Amazon Web Services» gegründet, ein Unternehmen, welches die Infrastruktur für Webseiten bietet. Amazon verdient Milliarden daran, dass Unternehmen wie Netflix, Airbnb, Reddit, Pinterest, Medien wie «The Guardian» oder US-Behörden wie die CIA und NASA auf die Dienste zurückgreift.

Auch Modeketten und Einkaufshäuser könnten aufspringen

Und genau das könnte auch mit der neuen Art von Supermarkt passieren. Wenn etablierte Supermarktketten mitgehen möchten, werden sie auf die Dienste von Amazon angewiesen sein. Doch nicht nur Aldi, Lidl und Co. machen den potentiellen Markt aus. Diese neue Art des Geschäfts könnte sich über die komplette Einzehandelsindustrie ziehen. Modeketten, Parfümerien, Elektronik, ganze Einkaufshäuser könnten eines Tages von der Technologie und den Patenten Amazons profitieren. Und im Hintergrund verdient das Unternehmen immer leise mit — ohne sich um Tausende von Supermärkten auf der ganzen Welt kümmern zu müssen. 

Amazon selbst schweigt sich bislang zu dieser Möglichkeit trotz Nachfrage aus. 

Dieser Text erschien zunächst bei «Business Insider Deutschland» unter dem Titel: «Das könnte Amazon wirklich mit seinem Supermarkt vorhaben».