Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Telefonzelle?
Michael Latzer: Das war noch im letzten Jahrtausend.

Und wie häufig nutzen Sie Ihr Smart­phone?
Fast permanent, da es viele zentrale Funktionen meines beruflichen und privaten Alltags erfüllt. Das Telefonieren ist da nur noch Nebensache.

Ein Leben ohne Smartphone können sich viele nicht mehr vorstellen. Wie abhängig sind wir von der permanenten Verfügbarkeit des Internets?
Die Abhängigkeit steigt mit zunehmend multifunktionaler Internetnutzung an und wird durch Trends wie Cloud Computing zusätzlich verstärkt. Die Abhängigkeit von einer funktionierenden ­Infrastruktur steigt im privaten, geschäft­lichen und öffentlichen Bereich an. Insgesamt erhöht sich damit die Verletzbarkeit von Gesellschaften. Digitale Sicherheitsmassnahmen gewinnen an strategischer Bedeutung.

Oftmals wird es auch einfach peinlich, etwa wenn das Telefon tagelang nicht funktioniert. Firmen müssen nach Pannen einen Shitstorm in Sozialen Netzwerken über sich ergehen lassen. Wie anhaltend ist der entstehende Rufschaden?
Das Netz vergisst nichts. Inhalte Sozialer Medien können die Reputation nachhaltig beeinflussen. Das Reputations­management via Soziale Medien wird deshalb zum neuen Aufgabenbereich. Soziale Medien bringen zudem einen Kontrollverlust im PR-Bereich. Und die zentrale Rolle von traditionellen Massenmedien wird geschwächt.

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Wird die Aufregung in Sozialen Medien nicht überbewertet?
Es entsteht eine fünfte Gewalt, die zu beachten ist. Internetbasierte Medienformen kontrollieren nicht nur die Politik, sondern auch die vierte Gewalt. Sie ­überwachen die Massenmedien in ihrer ­Ausübung der demokratiepolitisch gewünschten Kontroll- und Kritikfunktion.

Es fällt auf, dass Unternehmen zunehmend versuchen, die Neuen Medien zu nutzen. Oft wirken sie dabei überfordert.
Soziale Medien sind erst wenige Jahre alt. Das Experimentieren damit ist absolut zentral. Neben den technischen Innovationen braucht es organisatorische Innovationen, die erst erprobt gehören.

Welche Rolle spielen die Neuen Medien heute bei Schweizer Firmen?
Für die Unternehmenskommunikation wurden Soziale Medien bereits als unverzichtbar erkannt. Das Internet-Monitoring ist eine Notwendigkeit. Soziale Medien sind ein Zusatzinstrument und kein Ersatz traditioneller Massenmedien. Es entsteht das Berufsbild des Social-­Media-Managers, der sich den neuesten Entwicklungen und Strategien widmet.

Laut einer Studie Ihres Instituts hat rund ein Drittel der Schweizer Internetnutzer das Gefühl, dass ihre persönlichen Daten missbräuchlich verwendet oder weitergegeben wurden. Zuletzt wurde bei mehreren Apps bekannt, dass sie persönliche Daten weitergeben.
Die Skepsis und Verunsicherung ist in der Schweiz beträchtlich. Sie variiert jedoch stark zwischen den Altersgruppen. Unsere Internetuntersuchung in der Schweiz zeigt beispielsweise, dass die Skepsis der Jungen nur halb so gross ist wie jene der älteren Internetnutzer.

Wie wirkt sich diese Skepsis aus?
In einem vorsichtigeren, reservierteren Zugang zu neuen Angeboten.

Dennoch erlangen Apps durch Smart­phones und Handys eine enorme ­Verbreitung. Wie wird die zunehmende Bedeutung der Geräte die Kommunikation verändern?
Apps haben beachtliche Vorteile und folglich verschärfte gesellschaftliche Folgen im Vergleich zu webbasierten ­Anwendungen. Sie sind benutzerfreund­licher und daher hochattraktiv, eignen sich noch besser zur personenbezogenen ­Datensammlung und bieten ein äusserst attraktives Werbeumfeld.

Der Hype um Apps wird oft übertrieben. Das liegt auch daran, dass die ICT-­Industrie sich über Hype-Themen definiert. Cloud, Mobilität und Home Office, Green ICT, Big Data und so weiter. Wann ­erschöpfen sich solche Schlagworte?
Derartige Schlagworte erfüllen eine äusserst wichtige Funktion im Me­dienwandel. Unbekannte, komplexe und schwer verständliche Sachlagen werden begrifflich an Einfaches, Bekanntes angebunden. Damit werden sie für die Masse verständlich und akzeptabel gemacht.

Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie das Beispiel Cloud Computing. Eine einfache Metapher für eine sehr komplexe Entwicklung der ­globalen Informationsverarbeitung und Speicherung. Diese Metaphern sind wichtig, sie prägen das Verständnis und die ­Akzeptanz von Strategien. Eine weitere Funktion dieser Metaphern ist auch, dass damit eine Vision für eine strategische Zielsetzung aufgezeigt wird, die dann im Sinne einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung wirksam werden kann.

Wie unterscheidet sich echte Innovation von einem Hype?
Es werden drei Phasen des Innovationsprozesses unterschieden: Erfindung, Markteinführung und gesellschaftliche Verbreitung. Viele Entwicklungen bleiben nach der Erfindung oder der Markteinführung stecken und sind eine Luftblase, ein Hype, der sich nicht realisiert.

Auch der Börsengang von Facebook, ­Zynga und Groupon könnte mit ­übertriebenen Erwartungen verbunden sein. Gibt es Grenzen für den Hype?
Natürlich gibt es Grenzen. Grundlegende Gesetzmässigkeiten der Ökonomie werden auch durch das Internet nicht gebrochen. Das hatte man vor der Jahrtausendwende beim Web 1.0 missachtet, und das führte zum Platzen der Internetblase. Daraus wurde gelernt.

Kann auch das Handelsabkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie (Acta) neue Grenzen schaffen?
Das Abkommen ist zu einem ­Symbol für Intransparenz, verstärkte Datenüberwachung und einseitige Interessensdurchsetzung der Content-Industrien ­einiger Länder geworden. Das wird von der Zivilgesellschaft nicht mehr akzeptiert. Sie wehrt sich lautstark dagegen.

Können die anhaltenden Proteste etwas bewirken?
Sie sind bereits erfolgreich. Die ­Ratifizierungen in einzelnen Ländern sind ausgesetzt oder in Frage gestellt. Das ­Abkommen wird nun vom Europäischen Gerichtshof überprüft. Generell wird das öffentliche Bewusstsein um die Gefährdung der Internetfreiheit und des Datenschutzes dadurch gestärkt.

Der Mensch

  • Name: Michael Latzer
  • Funktion: Professor für Medien­wandel & Innovation am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich
  • Alter: 50
  • Familie: Verheiratet, ein Kind
  • Ausbildung: Abschlüsse in ­Betriebs- und Wirtschaftsinformatik, ­Polito­logie und Kommunikations­wissenschaft der Universität Wien. Forschungsaufenthalte in den USA und in Japan

Forschungsschwerpunkt Ökonomie, Technik und Politik des Medien­wandels; Internetnutzung der Schweiz im internationalen Vergleich