1. Home
  2. Die Datenbrille revolutioniert das Wirtschaftsleben

Technik
Die Datenbrille revolutioniert das Wirtschaftsleben

Die Datenbrille: Immer mehr Firmen entdecken die Möglichkeiten. Bloomberg

3D-Brillen sind längst nicht mehr nur ein Spielzeug für Gamer. Immer mehr Firmen entdecken die virtuelle Bilderwelt. Von Ausbildung bis Werbung – die Möglichkeiten sind endlos.

Von Constantin Gillies
am 25.08.2015

Spektakulärer könnte das Rennen nicht beginnen: Der Wagen fällt vom Himmel, landet auf der Spitze einer Skischanze und rast dem Boden entgegen. Dann beginnt eine Hetzjagd durch die verschneiten Alpen. Bäume rasen vorbei, der Wagen schiesst um die Kurven, immer nur Zentimeter von der Leitplanke entfernt.

Nach knapp einer Minute ist alles vorbei. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht setzt der Fahrer die 3D-Brille ab. Nichts von dem, was er gerade gesehen hat, war real. Das Rennen, die Strecke, der Schnee - alles vom Computer berechnet und in die Brille projiziert. Doch für den Träger wirkte es, als ob er in dem Sportwagen gesessen hätte.

Audi nutzt die Datenbrille

Und genau darum geht es: Denn mit dieser Simulation wirbt der Autohersteller Audi für seine neuen Fahrzeuge. Umgesetzt wurde das Marketingexperiment von der Zürcher Werbeagentur Y&R Group. «Jeder, der die Brille aufsetzt, ist begeistert - jeder (!)», berichtet CEO Andreas Widmer. Virtual Reality (VR) heisst das Prinzip: Der Mensch taucht ab in eine vom Computer berechnete Scheinwelt.

Möglich wird das durch eine neue Datenbrille namens Oculus Rift. Sie sieht aus wie eine Taucherbrille mit zugeklebten Gläsern und projiziert extrem scharfe 3D-Bilder vor die Augen. Der Clou: In dem Gerät eingebaute Sensoren merken, wohin der Träger gerade guckt. Schaut er nach unten, zeigt der Rechner dann den Fussboden, geht der Blick nach oben, kommt der Himmel ins Bild. Dadurch fühlt sich der Träger, als ob er mitten in der künstlichen Welt stünde.

Virtueller Rundgang im Hotel

«Mit Virtual Reality kann ich Orte erleben, an die ich in der Wirklichkeit nicht komme», erklärt Jörg Eugster, Experte für Online-Marketing aus Vaduz. Er gibt ein Beispiel: Per Datenbrille können Urlauber einen virtuellen Rundgang durch ihr Hotel machen - noch vor der Buchung. «Das anzubieten wird für Hotels in Zukunft so selbstverständlich sein wie eine Webseite heute», ist Eugster überzeugt.

Tatsächlich experimentiert die Reisebranche schon intensiv mit Virtual Reality: Die US-Hotelkette Marriott etwa bietet schon einen virtuellen Rundgang durch eines ihrer Häuser an, und die Lufthansa hat eine Simulation vorgestellt, bei der die Kunden den Service in der ersten Klasse erleben können. Vordenker Eugster kann sich sogar vorstellen, dass ein virtueller Trip irgendwann die reale Geschäftsreise ersetzt. Daneben kommt derzeit viel Interesse aus der Immobilienbranche.

Verständlich, schliesslich kann ein Architekt seinen Kunden per Datenbrille einen Rundgang durch ein Objekt anbieten, lange bevor der erste Spatenstich getan ist. «Sogar die Sonneneinstrahlung lässt sich simulieren», sagt Werbeprofi Widmer begeistert. Doch nicht nur das Marketing, auch die Weiterbildung könnten Datenbrillen revolutionieren. Überall da, wo das Üben in der Realität zu gefährlich oder zu teuer ist, liesse sich VR einsetzen.

Sparen beim Unterhalt

Nicht umsonst nutzen Feuerwehren und Streitkräfte die Technik bereits, um brenzlige Einsätze durchzuspielen. Ausserdem könnte immer dann am Computermodell geübt werden, wenn das echte Objekt nicht zur Verfügung steht. Wie das funktioniert, zeigen die deutschen Amazonenwerke. Der Landmaschinenhersteller (600 Millionen Franken Umsatz) ist in 70 Ländern aktiv, von Grossbritannien bis nach Kasachstan.

Die Maschinen sind oft sehr teuer, und längst nicht jede Niederlassung kann alle Modelle vorhalten, um ihre Techniker zu schulen. Hier soll virtuelle Weiterbildung helfen: In Zukunft setzen die Wartungsprofis vor Ort eine Datenbrille auf und sehen dann zum Beispiel eine Sämaschine als täuschend echtes Computermodell. Mit einer Handbewegung (die ein Gestensensor registriert) kann das Gehäuse entfernt werden - und die virtuelle Schulung beginnt.

Jobsucher erhalten Eindruck

Sogar in der Rekrutierung eröffnet Virtual Reality neue Chancen. Der deutsche Energiekonzern EnBW hat dazu jetzt ein Experiment gestartet: Personaler sind mit einer Videokamera, die einen Rundum-Blick aufnimmt, durch die eigenen Ausbildungsräume gelaufen und haben einfach nur das Geschehen gefilmt.

Wer sich den Film mit der Datenbrille anschaut, hat das Gefühl, mittendrin zu sein. Man sieht junge Mitarbeiter, die an Maschinen tüfteln, in die Kamera grinsen oder herumwitzeln. So kann ein Jobsucher quasi seinen ersten Arbeitstag erleben, noch bevor er seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Die Firma EnBW plant, die Videos auf Jobmessen vorzuführen und mit dieser technologischen Spielerei am Unternehmen Interessierte noch stärker anzulocken.

Nicht alles ist perfekt

So weit die Visionen. Doch die schöne neue Bilderwelt ist nicht perfekt. Zum einen verträgt sie nicht jeder. Einige Tester von Oculus Rift berichten von Übelkeit, nachdem sie die Datenbrille längere Zeit getragen haben. In Fachkreisen ist dieses Phänomen als «Simulator Sickness» (Simulator-Übelkeit) bekannt. Sie hat biologische Ursachen: Wenn der Träger einer Datenbrille seinen Kopf dreht, braucht der Rechner ein paar Millisekunden, um das vors Auge projizierte Bild anzupassen.

Diese kleine Verzögerung verursacht Übelkeit und lässt sich technisch noch nicht völlig ausschalten. Ein weiteres Problem: Wer eine geschlossene Datenbrille trägt, bekommt nichts von seiner realen Umgebung mit. Doch gerade Trainings finden oft in Gruppen statt, und hier muss man sehen, was die Kollegen links und rechts tun. «Das Eintauchen ist der grösste Vorteil von VR - und zugleich der grösste Nachteil», räumt auch Widmer ein. Neue Datenbrillen, die auf Knopfdruck wieder das reale Bild durchlassen, könnten hier die Lösung bringen.

Nur was kostet das alles? Die Technik selbst - Brillen und Rechner - wird ständig billiger, die Personalkosten dagegen bleiben vergleichsweise hoch. Das liegt in der Natur der Sache: Eine virtuelle Welt muss von einem 3D-Grafiker in Handarbeit zusammengebaut werden.

Je komplexer, desto teurer

Wie viel das kostet, hängt davon ab, wie komplex das Computermodell sein soll. Geht es darum, nur eine Immobilie nachzubilden, zu der schon digitale Pläne vorliegen, ist die 3D-Simulation relativ schnell und kostengünstig erstellt. Teurer wird es bei detaillierten Modellen von Maschinen oder wenn der Nutzer mit der virtuellen Welt interagieren soll, etwa indem er eine Maschine bedient. «Schon ein kleines Element kann dann zwei oder drei Wochen Arbeit extra kosten», sagt Elias Zurbuchen, Technikexperte bei der Y&R Group.

Fest steht: Anders als in den 1990er-Jahren, als Virtual Reality einen ersten kleinen Hype erlebte, wird die Technik nicht wieder verschwinden. «Es geht weiter: In zwei bis drei Jahren werden die berechneten Bilder nicht mehr von der Realität zu unterscheiden sein», erwartet Widmer.

Neuer Grad an Realismus

Und seine Agentur bereitet sich auch schon auf die nächste Aufbaustufe vor: die Verknüpfung von virtueller Welt mit realen Bewegungen. Sogar der Körper des Nutzers lässt sich nämlich in die Simulation einbinden, zum Beispiel mit einem sogenannten multidirektionalen Laufband. Es funktioniert wie ein normales Laufband im Fitnessstudio, mit dem Unterschied, dass in alle Richtungen gelaufen werden kann.

Damit wird ein völlig neuer Grad an Realismus möglich. Wer die Datenbrille trägt und gleichzeitig auf dem Laufband rennt, sieht, wie die Pixellandschaft vor seinen Augen vorbeirast.

Anzeige