1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. Die Zeitenwende – wie Netflix Hollywood bedroht

Innovation
Die Zeitenwende – wie Netflix Hollywood bedroht

Brad Pitt: Er setzt für seinen Film « War Machine» auf Netflix. Keystone

Streamingdienste sind heiss begehrt: Die Aktie von Bewegtbild-Marktführer Netflix hat ihren Wert seit Jahresbeginn verdoppelt. Jetzt schickt sich der Anbieter an, Hollywood zu ersetzen.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
am 11.06.2015

Die Zeitenwende hat begonnen. Mit Brad Pitt hat das erste Mal ein Schauspieler der A-Riege entschieden, dass sein Kinofilm auf Netflix Premiere feiern soll. Abonnenten des Streamingdienstes bekommen «War Machine» also in den eigenen vier Wänden zu sehen, bevor er über die Kinoleinwände flimmert.

Die wichtige Erstausstrahlung eines Films auf einen Streamingkanal zu verlegen, ist ein starkes Signal. Es zeigt, dass der Dienst längst nicht mehr nur dem Fernsehen konkurriert. Vielmehr hat das Unternehmen Netflix, das in den 90er-Jahren mit Video-on-Demand startete, offenbar die Kraft, das System Hollywood zu erschüttern.

Verlagerung der Filmproduktion

Netflix werde noch enormes Potenzial entwickeln, sagt Bruno Seger, Leiter des Zentrums für Kulturmanagement an der ZHAW in Zürich. Das Netzwerk habe zum Beispiel eine Veränderung in der Branche massgeblich angestossen: Dass sich die Filmproduktion von Los Angeles nach New York verlagert. «Immer mehr gute Regisseure und Schauspieler drehen Filme und Serien an der Ostküste», so Seger. «Insofern ist der Erfolg von Netflix eine Schwächung für Hollywood.»

Auch wenn das alte Studiosystem in den vergangenen Jahren bereits an Gültigkeit verloren hat – die Premiere des Brad-Pitt-Films ist einer der vielen, kleinen Schritte, mit denen Netflix sich zur Krake im Filmgeschäft entwickelt. Die Produktion von hochkarätig besetzten Eigenserien wie «House of Cards» mit Oscarpreisträger Kevin Spacey war eine Wegmarke.

Der US-Anbieter setzt aber nicht nur auf Klasse, sondern auch auf Masse. Im Dezember 2014 gab der Content-Verantwortliche Ted Sarandos vor, dass alle 2,5 Wochen ein Netflix-Original an den Start gehen soll. Damit wird Netflix auch als Produzent wichtiger. «War Machine» finanziert CEO Reed Hastings mit 30 Millionen US-Dollar. Das ist die grösste Summe, die von Netflix je in ein einzelnes Projekt investiert wurde.

Marktanteile in Europa und der Schweiz

Zugleich baut Netflix seine globale Präsenz aus. Mittlerweile ist das weltgrösste Streamingangebot in 40 Ländern verfügbar, mit 62 Millionen Abonnenten. Davon sind noch immer mehr als die Hälfte US-Amerikaner. «Aber auch für Europa und die Schweiz ist zu erwarten, dass der Dienst grosse Marktanteile erreicht», sagt Seger. Die grosse Anzahl an Empfängern dürfte auch für Brad Pitt ein Argument gewesen sein, Netflix den Kinos vorzuziehen.

Darüber hinaus schliesst Netflix Kooperationen, die noch mehr Reichweite sichern. So ist Konzernchef Hastings eine Zusammenarbeit mit Marriott eingegangen. Kunden können Serien und Filme künftig auf den Fernsehgeräten in den Hotelzimmern der Kette anschauen. 

Aktiensplittung wird erwartet

Die Anleger freuen diese Nachrichten. Der Kurs von Netflix ist angesichts dieser Vorzeichen explodiert. Die Aktie hat ihren Wert seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Gerüchte über einen bevorstehenden Aktiensplit – bei dem die Papiere jedes Halters in mehrere zu kleinerem Wert aufgeteilt werden – haben den Kurs nochmals befeuert. Am Montag stieg der Kurs um gut 7 Prozent auf 692 US-Dollar.

Seitdem hat das Papier wieder etwas nachgegeben und steht aktuell bei knapp 665 US-Dollar. Der Ausblick ist aber positiv: Die UBS sieht aufgrund der globalen Expansion das Potenzial für einen Kurs von über 720 US-Dollar in absehbarer Zeit.

Der Run auf das Netflix-Papier zeigt: Streamingdienste sind derzeit heiss. Spotify, das Äquivalent in der Musikbranche, ergeht es ähnlich. Obwohl Apple mit «Apple Music» ein relevantes Konkurrenzprodukt startet, konnte das Unternehmen kurz vorher locker eine halbe Milliarde Dollar an Sponsorengeldern einwerben. Damit hat das Unternehmen jetzt einen Wert von 8,2 Milliarden Dollar – doppelt soviel wie noch im Herbst 2013. Der Börsengang wird für dieses Jahr erwartet.

Apple könnte in das Geschäft einsteigen

Von diesem Kuchen wollen einige etwas haben, darum wird auch die Konkurrenz für Netflix wachsen. Amazon ist bereits auf den Zug aufgesprungen, indem es selbst Filme produziert. Und auch ein altbekannter Tech-Gigant könnte das Geschäft hinten aufrollen, sobald sich zeigt, dass sich das Geschäftsmodell bewährt. Seger sagt: «Auch Apple könnte zu gegebener Zeit einsteigen.»

Anzeige