Gerade erst hat Europa den Start erster Dienste seines Navigationssystems Galileo gefeiert. Doch jetzt dämpft ein technisches Problem die Freude - die Folgen für das Milliarden-Projekt sind noch nicht absehbar. Betroffen sind mehrere Atomuhren eines Schweizer Herstellers.

In den Satelliten des europäischen Navigationssystems Galileo sind mehrere wichtige Atomuhren ausgefallen. Derzeit seien neun Uhren betroffen, sagte der Chef der europäischen Raumfahrtagentur ESA, Jan Wörner, am Mittwoch in Paris. «Wir wissen nicht, ob wir sie wiederbeleben können.»

Jeweils vier Uhren an Bord

Die Uhren sind entscheidend, damit das System funktioniert. Weil aber jeder Galileo-Satellit insgesamt vier Uhren an Bord hat, sei bislang kein Satellit dadurch ausgefallen.

Die Ursache für das Problem ist noch nicht gefunden. Unklar ist auch, ob sich damit der weitere Ausbau des milliardenschweren Prestigeprojekts verzögern könnte. «Bislang ist die Funktionsfähigkeit von Galileo nicht gefährdet», betonte Wörner. «Aber wir sind nicht blind: Falls dieser Fehler systematisch ist, müssen wir vorsichtig sein.»

Die betroffenen Atomuhren stammen von der Firma SpectraTime, einem weltweit führenden Hersteller solcher hochpräziser Uhren mit Hauptsitz in Neuenburg, wie das Unternehmen der Nachrichtenagentur sda bestätigte. SpectraTime habe alle Atomuhren für die Galileo-Satelliten in Zusammenarbeit mit Partnern entwickelt. Die internen Experten der Firma seien an den Untersuchungen beteiligt, um die Ursache des Problems zu finden.

Teures Prestigeprojekt

Die Satelliten müssen ihre Signale gleichzeitig aussenden, damit etwa Navigationsgeräte im Auto ihre Position auf der Erde möglichst exakt bestimmen können. Dazu reicht aber eine funktionsfähige Uhr pro Satellit aus. Bislang seien selbst im schlimmsten Fall nur zwei Uhren ausgefallen, sagte Wörner.

Aktuell sind 18 Galileo-Satelliten im All, das System soll bis 2020 voll funktionsfähig sein und dann 30 Satelliten umfassen. Erst im Dezember hatten ESA und EU-Kommission den Start erster Galileo-Dienste gefeiert. Das Prestigeprojekt war in den vergangenen Jahren wegen grosser Kostensteigerungen und jahrelanger Verzögerungen immer wieder in der Kritik. Galileo soll Europa vom amerikanischen GPS unabhängig machen.

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Nun wird auch darüber diskutiert, ob der für Anfang August geplante nächste Raketenstart mit Galileo-Satelliten verschoben werden sollte, um zunächst den Grund für den Fehler zu finden. Es gebe Gründe für beide Optionen, erläuterte Wörner: Wenn man den Ausbau stoppe und dann bereits ins All gebrachte Satelliten ausfielen, würde sich die Qualität der bereits verfügbaren Dienste verschlechtern.

Zwei Satelliten falsch ausgesetzt

Bislang sei nicht wirklich klar, weshalb die Uhren ausgefallen sind. Es gebe Hinweise, dass es etwas mit dem An- und Ausschalten zu tun haben könnte. «Wir versuchen, das herauszufinden.» Jeder Galileo-Satellit enthält zwei verschiedene Arten von Atomuhren: zwei Rubidium-Uhren und zwei Wasserstoff-Maser-Uhren. Aktuell seien drei Rubidium-Uhren und sechs Wasserstoff-Maser-Uhren ausgefallen, sagte Wörner. Eine weitere betroffene Wasserstoff-Maser-Uhr laufe inzwischen wieder.

Ursprünglich sollten erste Galileo-Dienste schon 2008 zur Verfügung stehen. Streitigkeiten zwischen den Partnerländern sorgten aber immer wieder für Verzögerungen. Hinzu kamen Kostensteigerungen und eine schwere Panne, als zwei Satelliten im falschen Orbit ausgesetzt wurden.

Rettungsdienste, Autofahrer und Handynutzer sollen dank der Galileo-Satelliten künftig bessere Navigationsdaten nutzen können. Damit wird es laut EU-Kommission etwa möglich, auf See oder in den Bergen vermisste Menschen schneller zu finden, wenn sie einen mit Galileo verbundenen Notruf absetzen.

(sda/gku)