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Innovationen statt sparen

 

Der US-Computerkonzern stellte neue Server, Speichersoftware und Netzwerksysteme vor. Die wichtigsten Neuerungen seit Jahren bringen eine Abkehr vom Sparkurs. Mit weitere Innovationen bei «konvergente

Von Matthias Niklowitz
am 24.06.2010

«Heute stellen wir die wichtigsten Neuerungen seit den letzten fünf Jahren vor» sagt Dave Donatelli, beim US-Computerkonzern HP verantwortlich für das Server-, Speicher- und Netzwerkgeschäft am Technologieforum in Las Vegas. Er und sein Kollege Dave Roberson, der das Speichergeschäft leitet, hatten gleich mehrfach Gelegenheit, dunkle Stoffabdeckungen von neuen Systemen zu entfernen.

Gleich zehn neue Servermodelle sollen, je nach Anwendungsprofil, deutliche Stromeinsparungen, verbesserte Leistungen und die Möglichkeiten der Virtualisierung ungleich besser als die Vorgängergeräte ausschöpfen. Hinzu kommen die «Virtual Connect»-Produkte, mit denen die metastasierenden virtuellen und realen Serverfarmen beherrscht und hier die Komplexität reduziert werden soll. Hier kombiniert man zudem die drei gängigen Netzwerkprotokolle Fibre Channel, Ethernet und iSCSI. Ergänzt wird das mit einer «Matrix»-Software, mit der private «Clouds» einfach eingerichtet werden sollen. Schliesslich soll die «StoreOnce»-Software die Daten-Deduplizierung über alle Plattformen ermöglichen. Daten-Deduplizierung bedeutet, dass auf Speichersystemen nur noch die minimal erforderlichen Kopien eines gleichen Files abgespeichert werden soll. Eine 1-Megabyte-Präsentation, die an 1000 Angestellte per Email verschickt wird, erfordert sofort 1000 Megabyte Speicherplatz und mit Backup-Kopien rasch ein Mehrfaches. Deduplizierung reduziert hier diesen Speicherbedarf massiv.



Hauptsache, Kunden kaufen bei HP



«Wir haben nicht berechnet, wie gross diese Auswirkungen sind» sagt Dave Donatelli auf die Frage der Nettoeffekte, wenn diese Software verkauft wird und die Kunden dafür weniger Hardware benötigen. Laut Donatelli ist der grösste Unterschied zu Produkten, die beispielsweise auch EMC anbietet, der plattformübergreifende Ansatz. In der Praxis komme es oft vor, dass ein dedupliziertes File in einer Filiale einige Male wieder zur Originalgrösse «aufgeblasen» werden muss, wenn Daten in die Firmenzentrale übermittelt werden. Die HP-Lösung soll diesen Schritt einsparen. Donatelli verweist zudem auf die Preisvorteile von 35 bis 40% gegenüber den alternativen Angeboten. «Und uns ist es auch wichtig, dass unsere Kunden alles bei uns kaufen können» sagt er weiter.

Keine Angaben mochte er zu den Effekten der jüngsten Sparmassnahmen von Regierungen in den westlichen Ländern machen. Solche Stellen waren in vergangenen Konjunkureinbrüchen  jeweils stabile Kunden geblieben, welche die Effekte der sparenden Firmenkunden wenigstens teilweise aufgefangen hatten. Datenspeicherung, Komprimierung und der Versand über viele verschiedene Plattformen ist in der Öffentlichen Verwaltung und insbesonders im Healthcare-Bereich (Speicherung von Röntgenbildern usw.) sehr wichtig geworden. Donatelli verweist weiter auf die grosse Einkaufsmacht von HP, die es ermöglicht, viele Produkte günstiger herzustellen als die Konkurrenten. «Zudem forschen und entwickeln wird sehr effizient» sagtr Donatelli weiter, «denn bei uns müssen Teile wie Kühlungen oder Stromversorgungen nicht jeweils wieder neu erfunden werden.»



Grosse Pläne bei Netzwerktechnologie



Zuversichtlich ist Donatelli auch hinsichtlich des Netzwerkgeschäfts. Hier hat HP nach dem Kauf des Netzwerkherstellers 3Com die grossen Lücken im Switch-Bereich geschlossen. HP hatte zuvor bereits Switches verkauft, aber diese «ProCurve»Geräte wurden nicht allzu lautstark vermarktet, wie HP-Netzwerkleute auf ihrem Stand an der Ausstellung in Las Vegas erklärten. HP wollte den Partner Cisco, der solche Switches herstellt und in diesem Bereich sehr hohe Marktanteile aufweist, nicht verärgern. Mit dem Eintritt von Cisco in das Servergeschäft haben sich die Spielregeln verändert – und HP versucht jetzt laut Donatelli, ausgehend von dem breiten Produkteportfolio sowie der übernommenen Verkaufsmannschaft von 3Com, dem alten Partner Cisco das Leben möglichst schwer zu machen. «Der chinesische Markt wächst am schnellsten und hier sind wir mit 3Com bereits die Nummer eins» sagt Donatelli weiter. Bedenken um die unberechenbare chinesische Wirtschaftspolitik hat Donatelli nicht. Es soll weiterhin ein grosser Teil der Forschungs- und Entwicklungsarbeit in den USA geleistet werden, trotz der entsprechenden Einrichtungen in China. Vor den chinesischen Ausrüstern – hier ist in erster Linie Huawei der grosse Konkurrent – fürchtet man sich bei HP nicht.



Vielfältige Wettbewerbslandschaft



Laut Donatelli habe HP jetzt auch bei Security-Produkten die letzten Lücken geschlossen. «Hier ist ein Tipping-Point, niemand hat mehr Produkte als wir.» Die Analysten der ISI Group, welche die Produkteportfolios von HP mit denen der Konkurrenten verglichen haben, weisen indes darauf hin, dass HP bei Security mit Ausnahme von Intrusion Detection und Prävention nirgends zu den Top-10-Anbietern zählt. Bei Firewall-Technologie oder Virtual Private Networks ist HP kaum vertreten. Gerade sind ist (auch) Cisco, und mit einigen Lücken, IBM, sehr stark. Bei Servern tritt HP vor allem gegen IBM (im High End) und Oracle/Sun an, bei Kleinservern gegen Dell und IBM. Oracle könnte das entsprechende Geschäft von Sun hier aufgeben. Und auch im solide, aber nicht überragend laufenden Speichergeschäft sind IBM und Dell die grossen Konkurrenten, neben den Spezialisten NetApp (mittelgrosse Systeme) und HDS (High End). Ein breites und tiefes Portfolio hat sich HP dagegen bei Management-Software zusammen gekauft. Hier sind IBM und CA die grossen Konkurrenten. Der mittelgrosse Konkurrent BMC hat sich hier mit Cisco auf eine Kooperation verständigt.

Lücken könnte HP (auch) durch Übernahmen schliessen. Eine Verstärkung im Fibre Channel-Bereich durch den kauf von Brocade erscheint technologisch und strategisch unwahrscheinlich. Bei Security könnte HP Firmen wie Check Point oder Fortinet übernehmen. Im Speicherbereich wären 3Par und Compellent Technologies Kandidaten, bei dem die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme von Analysten als «hoch» eingestuft wird. 



Opake Rechnungslegung



Analysten erneuerten ihre Kaufempfehlungen, wenn solche bereits vorher bestanden hatten, und blieben skeptisch, wenn sie schon vor der Ankündigung neuer Produkte zurückhaltend gewesen waren. Bei der ISI Group verweist man auf das breite Produkteportfolio, mit dem HP jetzt profitieren werde, weil viele Firmenkunden ihre lange aufgeschobenen Käufe von Hard- und Software vornehmen würden. Die Analysten von Stifel Nicolaus verweisen zudem auf die leicht höheren Preise, die im Firmen-PC-Umfeld durchgesetzt werden konnten. Das half mit, wenigstens teilweise die Preisersoion im Consumer-Segment aufzufangen. Und bei Printern konnte HP jetzt die Lieferschwierigkeiten bei Laser-Technologie, die über einige Quartal die Produktion eingeschränkt hatte, überwinden. «Wir haben kürzlich mit HP-CEO Mark Hurd gesprochen» sagen die Analysten von Barclays, «und wir sind beeindruckt vom Wechsel weg von Kosteneinsparungen und hin zu Investitionen für ein robusteres Produkteportfolio.»

Es gibt aber auch Kritik. Die Analysten der Technology Research Group verweisen auf einige «extrem liberale Auslegungen» der Buchführungsregeln bei HP. So habe man beim letzten Quartalsergebnis bei Steuergutschriften, dem Bonusplan für die Angestellten, die Hedging-Gewinne, beim Forschungsbudget und dem Reserven für die Restrukturierung alle möglichen Spielräume ausgeschöpft. Ohne diese Bilanzkosmetik wäre der Gewinn pro Aktie mit 74 Cents deutlich tiefer ausgefallen als die 91 Cents. Und auch das Gewinnwachstum wäre dann mit 4% statt 28% deutlich niedriger gewesen.

Am schwierigsten zu manipulieren ist immer das Cash flow-Statement bei Quartalsergebnissen. «Der Cash flow liegt 40% tiefer als vor einem Jahr – und es besteht kaum eine Korrelation mit dem Reingewinn» sagen die Technology Research Group-Analysten. Und wie man ein Umsatzwachstum ausweist, obwohl bei gehaltenen Kosten die Bruttomarge unverändert bei 23,5% blieb, ist ebenfalls ein Geheimnis. Möglicherweise bringt hier erst das Jahresergebnis Klarheit – dieses muss, im Gegensatz zu den Quartalsabschlüssen, jeweils von Buchprüfern testiert werden.


 

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