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Umwelt
Jenseits der Swatch-Batterie: Cleantech-Startups wackeln

Cleantech fehlt es an Nachhaltigkeit
Solarmodul-Produktion bei Megasol: Grosses Potenzial für Cleantech-Firmen. Keystone

Technik, die der Umwelt nützt: Die Branche hat in der Schweiz einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Der Job-Boom soll anhalten. Allerdings droht die Digitalisierungswelle Cleantech den Rang abzulaufen.

Von Fredy Hämmerli
2017-08-10

Wo früher Gewerbezonen entstanden, schiessen heute landesweit Business- und Technoparks aus dem Boden. Wo die SBB früher Lokomotiven reparierten und Schienen lagerten, entsteht heute die «Kreativ-Werkstadt». Wie ein Flickenteppich ist die Schweiz davon übersät, kräftig unterstützt von Lokal- und Regionalpolitikern. Und vor allem von Bundespräsidentin Doris Leuthard. Sie rührt die Werbetrommel für Schweizer Cleantech-Firmen von Peking über Toronto bis nach Santiago de Chile.

Durchaus mit Erfolg: Der ganze Bereich Energiesparen, Recycling, nachhaltig Produzieren hat der Schweiz in den letzten fünf Jahren ein Jobwachstum von 25 Prozent gebracht. Dies zeigt der «Swiss Cleantech Report 2017» des Bundesamts für Energie und Umwelt. Mittlerweile sind 5,5 Prozent aller Arbeitstätigen in dieser Branche tätig. Bei derzeit 4,9 Millionen Beschäftigten sind das knapp 270'000 Personen. Die Branche trägt rund 5 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Über 50 Milliarden Franken erwirtschafteten Schweizer Cleantech-Unternehmen im letzten Jahr. Für mehr als 40 Milliarden Franken exportierten sie ressourceneffiziente Technologien und Maschinen in alle Welt.

Zwischenzeitlich den Anschluss verloren

Dabei sah es noch um 2010 eher düster aus für die Schweizer Cleantech-Industrie: Nach den stürmischen Fortschritten der 1990er-Jahre stagnierte die Schweizer Cleantech-Branche, wogegen viele andere Nationen aufholten. «Die Schweiz hat an Boden verloren», klagte Bundespräsidentin Leuthard 2010 in einem Bericht zur Lage der Cleantech-Branche. «Die Konkurrenz ist stärker geworden und hat uns in Teilbereichen überholt.»

Das zeigte sich auch im relativ schlechten Abschneiden der Schweiz im «Global Cleantech Innovation Index» (GCII) des WWF und des Beratungsunternehmens Cleantech Group. Sie landete 2012 lediglich auf Rang 15. Immerhin hatte der Bund schon zwei Jahre zuvor die Weichen gestellt und einen «Masterplan Cleantech Schweiz» ausarbeiten lassen. «Die Schweiz soll wieder an die internationale Spitze», forderte Volkswirtschaftsministerin Leuthard, mit Forschung, Wissens- und Technologietransfer, innovationsfreudigen Rahmenbedingungen und Exportförderung.

350'000 Umweltjobs bis 2020

Das koordinierte Vorgehen zeigte Wirkung, auch wenn Leuthard das Stichwort «Subventionen» bewusst ausgeklammert hatte, wie ihr die «grüne Wirtschaft» vorwarf: Im GCII-Ranking 2014 belegte die Schweiz den 8. Platz. Und so erfolgreich soll es auch weitergehen: Der Bund rechnet mit einem jährlichen Umsatzplus von über 6 Prozent in Bereich nachhaltiges Wirtschaften. Saubere Technologien seien der nächste grosse Wachstumsmarkt, sagt Eric Plan von CleantechAlps, einem Netzwerk von Westschweizer Cleantech-Unternehmen, «und die Schweiz ist in der Pole Position».

Bis 2020 soll es in der Schweiz gegen 350'000 Umweltjobs geben. Und die sollen nicht nur bei den Grossen der Energietechnologie wie ABB, Landis & Gyr, Meyer Burger und Sulzer oder bei Swatch (Belenos-Batterie) und Nestlé (Kapsel-Recycling) entstehen, sondern vor allem bei kleinen, innovativen Unternehmen. Und solche gibt es zu Hunderten in der Schweiz. Eine kleine Auswahl besonders vielversprechender «Leuchttürme», wie sie in der Szene genannt werden, findet sich in der Textbox.

Vom Flachsgewebe bis zum Solarmodul

Darunter beispielsweise die Firma Megasol, die der damals zwölfjährige Markus Gisler 1993 buchstäblich in der Garage seines Vaters gegründet hat. Sie produziert mit mittlerweile 200 Mitarbeitenden spezielle Solarmodule, die auf jedes individuelle Bedürfnis bezüglich Farbe oder Form angepasst werden können. Heute gehört sie zu den zehn grössten Solarmodulfabriken Europas.

Oder die erst 2011 gegründete Firma Bcomp. Sie entwickelt Hightech-Werkstoffe auf der Basis von Flachs. Das Flachs wird gesponnen und verwoben und ergibt mit Harz umhüllt ein umweltfreundliches Hochleistungsmaterial, das so leicht ist wie Karbon, aber eine bessere Dämpfungswirkung aufweist. Der Flachs aus Fribourg steckt heute unter anderem in Stöckli-Skiern und auch in der Karosserie von Elektroautos.

Doch auch diesmal droht der Schwung bald verloren zu gehen. Im soeben publizierten GCII-Bericht 2017 ist die Schweiz wieder auf Platz 10 abgerutscht. Besonders schmerzlich: Davor finden sich nicht nur wirtschaftliche Schwergewichte wie USA, Kanada oder Grossbritannien und die traditionell ökologisch ausgerichteten skandinavischen Länder sowie Innovations-Champion Israel, sondern neuerdings auch «Erzrivale» Deutschland.

Von der Digitalisierungswelle ins Abseits gedrängt

«Im Vergleich mit den Besten fällt die Schweiz insbesondere bei der Kommerzialisierung von Cleantech-Ideen ab», stellt Philipp Gehri, Projektleiter Klima und Energie beim WWF Schweiz, fest. Christian Zeyer, Geschäftsführer des Branchenverbands Swisscleantech, findet es vor allem wichtig, dass «der Heimmarkt künftig nicht wegbricht». Wir müssten sicherstellen, dass Innovation auch in Zukunft hier getätigt werde, und darum müssten wir dem Werkplatz Schweiz Sorge tragen, meint er.

Kleiner Heimmarkt und kaum finanzielle Unterstützung durch den Staat mögen Gründe dafür sein. Zur Hauptsache dürfte es aber daran liegen, dass sich der Schwerpunkt schweizerischer Wirtschaftspolitik bereits wieder verschoben hat: Hip ist nun auch in Bundesbern die digitale Transformation. Cleantech gehört bereits zum alten Eisen. Zu Unrecht, wie Zeyer findet: Zwischen Cleantech und Digitalisierung bestehe «keine Konkurrenz, sondern vielmehr eine Wechselwirkung».

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