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Kein Ende der Rechenzentren

 

EMC-CEO Joe Tucci glaubt nicht an ein Ende der konventionellen Rechenzentren in Unternehmen. Sein Unternehmen stellte jetzt Lösungen für einen eigenen Cloud-Computing-Ansatz vor. Dabei braucht er aber

Von Matthias Niklowitz
am 01.01.2009

Wenn man auf die Umfragen der Industrieanalysten von Gartner abstellt, sind Virtualisierung und Cloud Computing gegenwärtig die wichtigsten Themen für die Informatikchefs von Firmen. Das führt denn auch zu Prognosen und Visionen, wonach eine Handvoll Firmen wie Google, Microsoft, Apple, Amazon und IBM die Rechenzentren betreibt, bei denen Firmenkunden dann ihrerseits Kapazitäten mieten. «Wir haben aber dazu eine andere Vorstellung» sagte EMC-CEO Joe Tucci an der wichtigsten Technologieveranstaltung seines Unternehmens zu Wochenbeginn in Boston, «wir glauben nicht, dass Firmen ihre bereits gemachten Investitionen in Applikationen und ERP-Systeme einfach so abschreiben werden – obwohl die gegenwärtige Situation bei Rechenzentren eigentlich ungenügend ist.» Oft sei diese Infrastruktur zu komplex und zu teuer zu managen geworden und die CIOs von Firmen müssten immer mehr Aufgaben mit dem gleichen Budget bewältigen. Die Antwort und Lösung von Tucci: «Betreten Sie die Wolke – das ist der neue Ansatz.»



Private Wolken



Tucci glaubt, damit die Verbindung der Vorteile beider Welten, der konventionellen Rechenzentren und des Cloud Computing miteinander verbinden zu können. «In den gegenwärtigen Rechenzentren geht es um Kontrolle, Zuverlässigkeit und Sicherheit, Cloud Computing hingegen steht für Dynamik, Kostenenffizienz, On-Demand und Flexibilität.» Anstelle der «Vertikalisierung» tritt dann die «Virtualisierung» - und so würde nebenbei der Nachteil der Ansätze von Firmen wie HP und Cisco vermieden. «Diese führen zu einer neuen Variante des Eingeschlossen-seins und führen letztendlich zu Ineffizienz» sagte Tucci weiter. Mit der EMC-Lösung hingegen könnten alle Lieferanten, sogar EMC-Konkurrenten, mitmachen. Auch die technologische Basis brachte Tucci mit: Das Produkt V-Plex soll ganze Rechenzentren auf der Datenebene virtualisieren. Gleichzeitig bildet V-Plex auch die Basis für die Private-Cloud-Strategie.



Grosskunden im Fokus



Unter Industrieanalysten erhob sich in den anschliessenden Pressekonferenzen sogleich die Debatte, für wen das denn gut sein sollte. Dabei zeigte sich, dass EMC zunächst auch auf die Service-Provider setzt und ihre Unterstüzung braucht. Firmen wie Amazon und Rackspace sollten mit ins Boot geholt werden, damit diese beispielsweise Disaster-Recovery-Dienste neben einfachem Speicherplatz und Rechenkapazitäten  auf der Basis von V-Plex anbieten können. Erst dann hebt die EMC-Wolke so richtig ab. Und dann zielt das Angebot vor allem auf Grossfirmen, die ihrerseits noch konventionelle Rechenzentren mit viel selbst gebauter Software betreiben. Hier macht ein Ersatz bzw. eine Ergänzung der bestehenden Rechenzentren um «Private Clouds» besonders viel Sinn. Für Startups oder nur schon mittelgrosse Firmenkunden ist das laut Industrieanalysten (noch) eine Nummer zu gross. Und für diese gibt es mit Anbietern wie Salesforce, Google, Amazon und Rackspace schon eine Reihe von Anbietern.



Unterschiedliche Nutzerstandpunkte



Interessant wurden dann die User-Panels. Chris Gerace beispielsweise, IT-Manager bei Mars, dem Schokoladenriegelkonzern, setzt auf die Mietangebote von 3Par, um relativ billig synchron seine Daten ausserhalb der Firma zu replizieren. Die dafür benutzen Technologien wie die Invista-Virtualisierungssoftware oder die Symmetrix Remote Data Facility SRDF seien dafür bereits mehr als ausreichend. Gerace erhofft sich hingegen viel von den integrierten Lösungen wie Vblock, die EMC zusammen mit der Tochterfirma Vmware und Cisco herstellt und die eine hohe Integration von Servern, Netzwerktechnologie, Speicehrtechnologie und Virtualisierungssoftware ermöglicht.

Ein Vertreter einer Litauischen Bank wünschte sich hingegen weniger neue Technologien, sondern vielmehr günstigere Preise für die Software. Die Vplex-Produkte fangen mit Preisen von 77000 Dollar an. Ein CIO einer Universität fügte an, dass es zwar sehr praktisch sei, Virtualisierung im eigenen Rechenzentrum vorzunehmen, aber er wäre zurückhaltend, wirklich sensible Daten ausserhalb des eigenen Rechenzentrums zu lagern.

Lediglich auf die Virtualisierungs- und Backup-Lösungen von EMC konzentriert sich Sungard Financial Systems, ein grosser Hersteller von Bankenlösungen. Laut Guy Chapman, zuständig für die Speicher-Infrastruktur, konnte man mit den Lösungen und der Virtualisierung die Backup- und Recovery-Kosten gleich um einen grossen Teil senken. Die virtualisierte Infrastruktur genüge auch den hohen Anforderungen eines Lieferanten von Schlüsselkomponenten der Bankindustrie und es ergaben sich erhebliche weitere Einsparungen dadurch, dass einfach weniger Personal für reine Backup-Lösungen gebraucht wurde.

Konkrete Zahlen hatte Sanjay Mirchandani, CIO von EMC selber zur Hand. Mit Virtualisierung der einfachen Umgebungen sparte er rasch 20 bis 35% bei diesen Kleinserverplantagen ein. Und bei den grösseren Rechnern konnte die Zahl von 3000 auf 250 reduziert werden. «Wenn man nicht systematisch virtualisiert, wirft man Geld zum Fenster raus» urteilt Mirchandani über seine Erfahrungen.

Sein nächstes grösseres Projekt ist die Umstellung der PC-Flotte, die bisher mit Windows-XP arbeitet. «Wir schauen uns Windows-7 schon sehr genau an» sagt Mirchandani, «aber wir werden wahrscheinlich auf virtuelle Desktops umstellen.» Mirchandani möchte nicht mehr tausende von PCs individuell updaten, sondern einen Rollout zentral verwalten. Die Sache hat indes einen kleinen Nachteil. «Bisher galten PCs als einfache Peripheriegeräte, aber mit einer Umstellung auf virtuelle PCs und der damit verbundenen Zentralisierung der Daten werden diese auf einmal Mission-Critical.»
 

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