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Mehr als nur ein kurzer Fensterputz

 

Nach den Mängeln der Vorgänger-Betriebssysteme versucht Microsoft, sich mit Windows 7 neu zu erfinden. Ein erster Blick darauf zeigt: Es ist schneller, sicherer und deutlich ressourcenschonender als

Von Ulrich Clauss
am 18.08.2009

Microsoft Windows muss ein Zauber innewohnen. In nun schon siebter Auflage ist das PC-Betriebsprogramm ein sich von selbst global kommunizierendes Produktereignis. Nüchterne Zeitgenossen verweisen als Erklärung für diese Überhöhung profaner Ingenieursarbeit auf deren Alleinstellungsmerkmal. Der Weltmarktanteil von Windows liegt bei mehr als 90%. Doch auf die Frage, wie dieses Monopol überhaupt entstehen konnte, müssen die Nüchternen ebenso passen wie all die Verschwörungstheoretiker und Microsoft-Verteufler, von denen es gerade in Kreisen der Computerkundigen viele gibt. Doch ob es uns kalt lässt, erschaudert oder erzürnt: Die rasende Computerisierung der Welt in weniger als einer Generation hat die Menschheit zum weit überwiegenden Anteil ausschliesslich durch die Fenster von Microsoft wahrgenommen.

 

Überraschendes Lob

Ganz nüchtern betrachtet fällt eine Erklärung für den sagenhaften Erfolg von Microsoft Windows tatsächlich umso schwerer, je mehr man von Computern versteht. Über weite Strecken seiner Erfolgsgeschichte war Microsoft Windows nämlich sowohl Funktionalität als auch Design betreffend nicht auf Augenhöhe mit seiner Konkurrenz. Auch deshalb hat der sagenhafte Aufstieg von Bill Gates und seiner Garagenfirma zum Weltmarktführer für PC-Betriebssysteme vor allem Laien und Marketingpriester beeindruckt.

All das muss man wissen, wenn man jetzt die Fachwelt über das neue Windows 7 urteilen hört. Denn das weitgehend einhellige Expertenurteil klingt auf den ersten Eindruck recht verhalten: Windows 7 ist schneller als Vista, sicherer als XP und flexibler als beide zusammen, so der Tenor. Das klingt nach bestenfalls gutmütigem Lob für ein Gelingen im dritten Anlauf. Tatsächlich ist dieses Urteil in seiner Einstimmigkeit aber eine Sensation. Kaum je hat Microsoft in allen Kategorien selbst im Detail und auch für eigene Einfälle bei der Benutzeroberfläche derart gute Noten für eine neue Windows-Version bekommen. Windows 7 aber ist aus anderem Stoff und weit mehr als eine aufgerundete Summe der Vorzüge seiner Vorgänger. Wer die Preview-Version, den sogenannten Release Candidate, installiert, bekommt nicht nur den neuesten Stand der Computertechnik, sondern sogar ein Stück Zukunft auf den Bildschirm - das gilt für die Bedienung ebenso wie für das Innenleben. Alles, was man anfasst, funktioniert sofort, ob drahtloses Internet, Integration ins Heimnetzwerk, Einbinden von technischer Umgebung.

Windows 7 braucht ein gefühltes Drittel weniger Prozessorleistung im Leerlauf und lässt Anwendungsprogrammen mehr Arbeitsspeicher übrig als sein Vorgänger. Dafür wurde der Betriebssystemkern komplett umgebaut, also aufwendig konzeptionell neu angegangen. Nur so konnte Microsoft den Denkfehler des Vorgängers Vista beheben: Dass nämlich die Hardware immer leistungsfähiger würde und so der Fortschritt Ineffizienzen des Programms unsichtbar macht. Kaum war nämlich Vista auf dem Markt, geschah das Gegenteil. Die Kunden fanden Geschmack an kleinen, gerade so fürs Netzsurfen ausgelegten, preiswerten, Strom sparenden «Nettops». Ein Minimalkonzept für Schwellen- und Entwicklungsländer war urplötzlich zum Weltmarktschlager mutiert. Microsoft musste den Verkauf des Vista-Vorgängers Windows XP verlängern, weil Vista schlicht zu ressourcenhungrig für die Kleinrechner war.

Vista wurde nicht akzeptiert

Global denken Millionen von Programmierern mit jeder neuen Version von Windows den PC ein Stück neu, und Milliarden von Benutzern «lernen» das universelle Werkzeug unserer Tage neu zu sehen durch die Oberfläche, die «Fenster», durch die das Betriebssystem ihnen die Funktionen der Maschine zugänglich macht. Das fängt ganz simpel an beim Verzeichnisbaum im Dateimanager zum Verständnis der Ordnung auf der Festplatte und reicht bis zur dreidimensionalen Abstraktion einer ganzen Industrieanlage auf einem einzigen Bildschirm.

Mehr als 70% aller Anwender surften übrigens bis zur Jahreswende 2008/09 immer noch mit dem Vista-Vorgänger. 5% Marktanteil gingen zusammen an MacOS X von Apple und Linux. Gerade einmal ein Viertel der PC-Benutzer ist also auf Vista umgestiegen. Vista bot offenbar nichts, was die Mehrzahl der XP-Benutzer vermisste. Ein böser Flop. Schneller als im Fall des von Microsoft regelrecht verschlafenen Internetbooms brachte der Riesenkonzern nun seine enormen Ressourcen für Windows 7 in Stellung. Und das sagt sich für einen Giganten wie Microsoft sehr viel leichter, als es getan ist. Zum einen kehren sich die Vorteile der grossen Skalen von Grossunternehmen bei Kurskorrekturen oft in ihr Gegenteil. Zum anderen wirken die Sektenführerallüren von Gates-Nachfolger Steve Ballmer zwar recht lebendig in YouTube-Filmchen und suggerieren unkonventionelle Unternehmenskultur. Den untrüglichen Beweis von intellektueller Dynamik und Innovationskraft aber liefert nur das Produkt - oder auch nicht. Windows 7 liefert ihn.

Tragende Teile der Software von Windows 7 wurden offenbar komplett neu geschrieben - mit doppelt besetzten Arbeitsplätzen. Einer schreibt, der andere liest auf Fehler mit. Eine vergleichbare Mobilisierung der Kräfte für seine Marktstellung im Betriebssystemmarkt hat Microsoft das letzte Mal für Windows NT, veröffentlicht 1993, unternommen. Heraus kam eine völlig neue Windows-Version, das erste Programm der Firma, das wirklich nur das tat, was es sollte.

Vieles anderes in der Produktvergangenheit von Windows verlief nicht besonders rühmlich. Das als Gründerlegende verklärte Zufallsglück der frühen IBM-Partnerschaft und die mitunter brachialen Methoden des Weltmarktführers haben das Image von Microsoft stets überschattet. Und wie durch ein Wunder hat das dem Zauber seiner Fenster bis heute nichts genommen. Der Zauber bekommt nun endlich Verstärkung durch eine ausgereifte Ingenieursarbeit. Mit Windows 7 hat Microsoft etwas geschaffen, das viele Kritiker versöhnen könnte mit den Unausgegorenheiten der Vergangenheit. Die weltweite Neugier darauf, wie und was wir sehen, wenn Microsoft uns neue Fenster liefert, ist berechtigt. Mit Windows 7 kommen zu dem Zauber hohe Betriebssicherheit und Effizienz, eine wirklich begeisternde Oberfläche und Gesamtanmutung mit vielen sehr guten Ideen. Sie werden sehr bald - ab 22. Oktober überall erhältlich - unseren Alltag neu möblieren.

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