1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. Mehr Daten für die Netze

Mehr Daten für die Netze

 

Der Netzwerkausrüster Cisco stellte jetzt neue Anwendungen für energieeffizient arbeitende Firmenkunden vor. Zudem wurde auch das Portfolio der Switches und Router verbessert. Am 4. Februar meldet das

Von Matthias Niklowitz
am 29.01.2009

«Schauen Sie mal, wenn ich diese Schaltfläche hier betätige, kann ich das Licht im Büro ausmachen» demonstriert der Cisco-Angestellte Jim seinem CEO John Chambers die Funktionsweise der neuen «Energy Wise»-Lösung an einer Technologiekonferenz seiner Firma Ende Januar in Barcelona. Mit dieser Lösung lässt sich der Stromverbrauch von Gebäuden steuern und messen. Lampen, Lichter, Lüftung, alles was mit Strom läuft, lässt sich ansteuern, vorausgesetzt, diese Energieverbraucher sind technologisch kompatibel gemacht worden. «Das ist ja interessant – und funktioniert das auch mit dem PC?», fragte Chambers auf der Bühne vor dem Präsentationsbüro. «Ja, natürlich, sehen Sie hier ...» Jim betätigte eine weitere Schaltfläche, und der Computer im nachgebauten Büro springt an. «Ja, was haben wir denn da?», fragte Chambers, als er den PC-Monitor von Jim sah. Jim hatte offensichtlich als letzte Anwendung vor seiner Präsentation das Spiel «Tetris» auf seinem Firmencomputer benutzt. Zudem kam die Meldung, dass er zum letzten Mal vor 23 Tagen im Büro gewesen war. «Tja, wie alle Technologien kommt es auf die Anwendung an, und die kann sowohl zum Guten als auch zum Schlechten sein ...», gab er gleich zurück. 

Energiespartechniken sind trendy

Schallendes Gelächter im Saal. Energiespartechniken sind trendy, zumal der Stromverbrauch in Büros und Rechenzentren für IT-Anwendungen gross ist. «Aber gibt es da nicht einen gewissen Widerspruch zwischen dem Energiesparen, das aber durch weitere zusätzliche Systeme erst ermöglicht werden soll und Ihrer Strategie, Ihren Kunden einfach immer mehr stromfressende Lösungen zu verkaufen?», fragte ein Analyst von Gartner, einer Marktforschungsfirma, an der anschliessenden Pressekonferenz. Diese Frage erwischte die Cisco-Experten etwas auf dem falschen Fuss, zumal John Chambers, der gewöhnlich auch bei solchen Fragen den Überblick behält, gerade nicht da war.



Cisco verfolgt eine Doppelstrategie. Einerseits entwickelt man laufend weitere Lösungen, mit denen direkt und indirekt das Kerngeschäft, der Verkauf von speziellen Computern für den Datenverkehr (Routers und Switches) unterstützt wird. Videokonferenzen, hier Telepresence genannt, in einer jetzt vorgestellten Version auch iPhone-tauglich oder die Übertragung von  US-NHL-Eishockeyspielen auf Handys gehören hierzu. Solche Lösungen bringen laufend mehr Daten auf die Netze und das steigert die Nachfrage nach den Switches und Routers. Diese werden auch immer weiter verbessert, wobei Cisco immer mehr Funktionalitäten wie IT-Sicherheit und jetzt neu auch in Zusammenarbeit mit der spezialisierten Firma VMware, Virtualisierungssoftware auf die Switches und Routers bringt.

Andererseits hat Cisco im Laufe der letzten Jahre das Produkteportfolio durch Akquisitionen um etliche weitere Bereiche wie Datenspeichernetze, Settop-Boxen (Scientific Atlanta), Internetausrüstung für Heimanwender (Linksys) erweitert. Beim letzten Quartalsergebnis wurden dadurch rund 2,7 Mrd. Dollar eingespielt, gut ein Viertel des Gesamtumsatzes. Cisco hatte dadurch in den letzten Jahren etwas erreicht, was bei vielen Technologiekonzernen zu grossen Problemen geführt hatte: Das Unternehmen blieb trotz der wachsenden neuen Bereiche auch im Kerngeschäft führend.

Abschwung in Europa
 

Wenn der Netzwerkausrüster Cisco am 4. Februar über das Ergebnis des letzten Quartals berichtet, erhoffen sich Analysten und Anleger Anhaltspunkte darüber, ob und wie gut dieses Geschäft weltweit läuft. Allerdings spürt auch Cisco den Abschwung, zumindest in Europa, wie eine kleine informelle Umfrage unter den Angestellten des Unternehmens an der Cisco-Konferenz ergab. Vor allem das Geschäft in Grossbritannien und Spanien harzt, in weiteren Regionen wie Deutschland, Frankreich und den Niederlande haben sich die Aussichten verdüstert. Lediglich aus Skandinavien meldete der für die Region zuständige Cisco-Manager einen «überraschend robusten Geschäftsgang, dank der neuen Wachstumsbereiche». Europachef Chris Dedicoat machte auf Anfrage keine Angaben zum Geschäftsgang. Auch dem Einstieg im Server-Geschäft – Analysten hatten laut «Handelszeitung Online» bereits den Chiphersteller Intel als wichtigen Partner eruiert – mochte Dedicoat nicht kommentieren.



Bei den Kunden sieht Dedicoat ein uneinheitliches Bild – es gibt einige Firmen, die mehr investieren, andere haben ihre Ausgaben etwas gekürzt. «Wir erhalten bei typischen Firmen nur 6% der Investitionssumme» sagt Dedicoat, «damit ist unser Anteil relativ klein.» Cisco stellt gegenwärtig kein weiteres Personal ein, aber man will wenigstens auch vorderhand kein Personal abbauen. Durch andere Sparmassnahmen soll eine weitere Milliarde an Kosten eingespart werden. Den Graumarkt, für IT-Hardwarefirmen ein notorisches Problem, weil überschüssige und fast neue Geräte das Preisniveau untergraben können, hält Dedicoat für beherrschbar: «Wir sorgen sorgfältig dafür, dass dieser Markt so klein wie möglich bleibt», sagte er weiter. Auch hier verfolgt Cisco eine umweltfreundliche Politik. «Durch die Rückkäufe führen wir alte Ausrüstung einer geeigneten Entsorgung zu.» Eine Variante, sich dem Abwärtsdruck entgegenzustellen, ist die Finanzierung durch Cisco selber.
 

Kundenfinanzierungsprogramm

Ehud Gelblum, Analyst bei JP Morgan in New York, erläutert die Details des Kundenfinanzierungsprogramms von Cisco. Einerseits finanziert Cisco damit die Kunden direkt, diese Kunden leasen die Ausrüstung oder sie erhalten Kredite, um Ausrüstung zu kaufen. Andererseits gibt man vor allen in aufstrebenden Märkten Garantien für die Finanzierung durch Drittparteien wie spezialisierte Industriekreditgeber. Dieses Finanzierungsgeschäft hält Cisco direkt in seiner Bilanz, es wurde nicht verbrieft und somit weiterverkauft. Im letzten Quartal, das den September und damit die Lehman-Pleite und den anschliessenden Stillstand auf den Kreditmärkten einschloss, veränderten sich die bilanzierten Beträge kaum, die Nachfrage stieg also nicht sprunghaft an. Die Gesamtsumme lag bei 3,23 Mrd. Dollar.



Gelblum weist noch auf ein weiteres Detail der Cisco-Bilanz hin. In verschiedenen Medienberichten war Cisco im gleichen Atemzug wie Microsoft oder Oracle als eines der finanzstärksten Unternehmen aus dem IT-Sektor überhaupt bezeichnet worden. Tatsächlich hält Cisco 26,8 Mrd. Dollar an Bargeld in der Bilanz. Davon entfallen allerdings nur 2,5 Mrd. auf die USA selber. Der Rest ist in den Überseegesellschaften und auf diese Summe müssten zuerst Steuern entrichtet werden, wenn Cisco das Geld beispielsweise in die USA transferieren würde, um ein grosses Aktienrückkaufprogramm oder eine milliardenschwere Übernahme zu starten. Wenn man eine realistische Steuerquote für eine solche Überweisung annimmt, hält Cisco nur noch 14,8 Mrd. Dollar an Bargeld. «Es gibt indes in den USA gelegentlich Steueramnestien und wenn Cisco in einer solchen Phase das Geld transferiert und im Gegenzug in den USA investiert, würde die Steuerquote deutlich sinken», erklärt Gelblum.
 

Getrübte Aussichten fürs nächste Quartal
 

Scott Coleman, Analyst bei Morgan Stanley, hat sich in diesen Tagen bei Cisco-Kunden und Partnerfirmen umgehört, er erwartet, dass das Ergebnis – er rechnet mit einem Quartalsumsatz von 8,9 Mrd. Dollar und einem Gewinn pro Aktie von 29 Cent – erreicht werden wird. Allerdings rechnet Coleman mit einem schwachen weiteren Quartal, er hat seine Erwartung von 8,7 auf 8,4 Mrd. Dollar und seine Gewinnprognose pro Aktie auf 27 Cent zurückgenommen. Damit liegt seine Schätzung deutlich unter dem Analystenkonsens. Der Markt erwartet noch einem Umsatz von 8,9 Mrd. Dollar und einen Gewinn von 31 Cent pro Aktie.



Damit könnte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Aktienkurs wenigstens kurzfristig weiter unter Druck kommen. Mindestens ebenso wichtig wie das Ergebnis dürfte aber auch der Ausblick für das laufende Quartal sein. Wenn der Ausblick düster ausfällt, der Umsatz um 20% gegenüber dem Vorjahr zurückgeht und die Bruttomarge um 5% auf 60% fällt, bricht auch der Gewinn pro Aktie auf 1 Dollar ein. Auf der Basis einer Bewertung, die dem 13fachen des für 2009 zu erwartenden Gewinns liegt, könnte dann der Aktienkurs bis auf 13 Dollar, gut ein Viertel unter das gegenwärtige Niveau fallen.
 

Anzeige