Sie sind vor drei Jahren als Konzernchefin angetreten, um die Post in die digitale ­Zukunft zu führen. Wo steht die Post heute auf diesem Weg?
Susanne Ruoff*: Diese Entwicklung durchdringt alle Bereiche des Unternehmens. Die Digitalisierung wirkt sich nicht nur auf unsere Dienstleistungen und Produkte aus, sondern auch auf Prozesse und Instrumente. Heute kann ich mich mobil mit wenigen Klicks über den aktuellen Geschäftsverlauf informieren. In der Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter setzen wir vermehrt auf elektronisches Lernen.

Und was heisst das für die Postkunden?
Wir haben uns im letzten Jahr eine neue Vision gegeben: «Einfach mit System, die Post». Dabei gilt es, die physische und die digitale Welt miteinander zu verbinden zu einem durchgängigen Erlebnis. Vielen Kunden kommt das entgegen, weil sie an Flexibilität gewinnen.

Das tönt reichlich abstrakt. Können Sie ein Beispiel machen?
Im Briefverkehr findet seit Jahren eine Substitution durch elektronische Mails oder mobile Chat-Dienste statt. Die Post kann hier ihre Schnittstellenfunktion ausspielen. Wir digitalisieren physische Dokumente für Versicherungen oder Banken, bereiten die enthaltenen Daten auf und speisen sie direkt in die IT-Systeme der Firmen ein. In diesen hybriden Leistungen gibt es grosse Chancen für die Post.

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Sie sprechen auf das Geschäft von Swiss Post Solutions (SPS) an. Die Sparte gilt seit Jahren als Hoffnungsträger, aber ihr Ergebnisbeitrag ist weiterhin äusserst ­bescheiden. Was läuft schief?
Nichts. Die Margensituation bei SPS lässt sich mit dem klassischen Brief- oder Paketgeschäft nicht vergleichen. Aber wir haben sehr stark an der Strategie gefeilt. Und je grösser der Kostendruck in der Wirtschaft ist, desto nachhaltiger werden die Prozesse digitalisiert. Das spielt SPS in die Karten.

Dennoch: Die Post doktert seit Jahren an der SPS-Sparte herum.
Wir können nicht einfach den Schalter umlegen. Die Sparte muss sukzessive aufgebaut werden; das alles braucht Zeit. Für ein so komplexes Geschäft im Minimum zehn Jahre. Aber SPS ist die Nummer zwei in Europa unter den Business-Process-Outsourcern und die Nummer sechs ­weltweit.

An der Schnittstelle zwischen physisch und digital hat die Post im letzten Jahr den ­E-Post-Office-Dienst lanciert. Welche ­Firmen haben Sie für den Dienst an Bord ­holen können?
Wir befinden uns in einer Aufbau- und Testphase. Digitale Transformation bedeutet, dass man den Entwicklungen Zeit lässt. Ein solcher Dienst reüssiert nicht von heute auf morgen.

Noch einmal: Welche Firmenkunden ­setzen auf E-Post-Office?
Wir sind an laufenden Gesprächen mit interessierten Partnern. Aber im Moment geht es darum, den Dienst als integratives Modell zu testen.

Das hören wir schon ziemlich lange. Was bringt mir dieser Dienst als Endkunde?
Ich nutze den Dienst gerne. Denn er gibt mir die Freiheit, zu wählen, ob ich die Post physisch oder elektronisch erhalten möchte.

Unser Eindruck ist: Die Post treibt die ­Digitalisierung nur zögerlich voran, um das physische Kerngeschäft nicht zu ­kannibalisieren.
Die Digitalisierung wird bewährte Postdienstleistungen nicht zum Verschwinden bringen. Wir ergänzen unser Kerngeschäft aber mit digitalen Lösungen. Wir können den Kunden und seine Nutzungsgewohnheiten schliesslich nicht ändern.

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Welche Dienstleistungen der Post, die ­digital sind, funktionieren denn heute und sind Umsatzträger?
Weil die Post ihre Leistungen konstant ausgebaut hat, gehört sie heute im Paket- und E-Commerce-Markt europaweit zu den besten Unternehmen. Die Post kann heute gegenüber ihren Konkurrenten im Wettbewerb bestehen – und ich denke da nicht nur an die traditionellen Postgesellschaften, sondern auch an Google und Amazon.

Wird die Post vermehrt exklusive Partnerschaften mit grossen Online-Händlern ­suchen?
Die Post ist jedenfalls gut aufgestellt, um solche Kooperationen einzugehen. Sie kann Online-Händlern als einzige Anbieterin in der Schweiz sämtliche Aufgaben im E-Commerce abnehmen.

Der Online-Taxidienst Uber überlegt sich, in das Logistikgeschäft einzusteigen. Wie will die Post diesem branchenfremden Konkurrenten begegnen?
Indem wir den Kunden zufriedenstellen und ihm die höchste Qualität zu einem vernünftigen Preis liefern. Wir investieren, um den Paketempfang möglichst nahtlos in den Alltag der Kunden einzufügen. International verfügen wir mit Asendia und anderen Joint Ventures über Partnerschaften, dank denen wir in rund 30 Ländern vertreten sind und das Paketgeschäft für Schweizer Kunden auch dort im Griff haben.

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Auffällig ist, dass Post und Swisscom im Digitalgeschäft in die gleichen Geschäftsbereiche vorstossen. Weshalb spannen die beiden Unternehmen nicht zusammen, etwa im Bereich E-Health?
In diesem Geschäft überschneidet sich das Angebot von Post und Swisscom nur geringfügig. Deshalb macht eine engere Zusammenarbeit keinen Sinn. Der Markt ist gross genug.

Liefert man sich da nicht einen sinnlosen Wettbewerb?
Nein. Die Schweiz kann froh sein, hat sie zwei Unternehmen, die im digitalen Geschäft eine so gute Position innehaben. Es kommt aber durchaus vor, dass wir uns mit Swisscom austauschen, wenn sich dazu die Gelegenheit ergibt.

Die digitale Transformation umfasst auch die Automatisierung von Abläufen. Die Post hat 60 000 Mitarbeiter. Werden bald Maschinen ihre Arbeit übernehmen?
Die Drohnen werden unsere Mitarbeiternicht ersetzen (lacht). Wir brauchen nach wie vor gute Mitarbeiter. Sie stehen mit dem Kunden in Kontakt – und das ist das wichtigste Kapital für die Post.

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Trotzdem ist die Post daran, die Brief- und Paketpostzentren zu automatisieren – mit Folgen für das Personal.
Ja. Aber wir gehen Schritt für Schritt vor. Damit können wir verhindern, dass wir einmal abrupt den Personalbestand reduzieren müssen. Massenentlassungen sind deshalb nicht nötig.

Aber mittelfristig wird der Personal­bestand zurückgehen?
Es wird weitere Verschiebungen beim Personal geben, dies allein schon, weil sehr viele Postmitarbeiter in den nächsten Jahren in Pension gehen. Von einem generell rückläufigen Trend möchte ich aber nicht sprechen, denn zugleich wächst ja zum Beispiel die Paketzustellung.

Die Postmitarbeiter müssen also keine Abbauwelle fürchten?
Die Post nimmt ihre soziale Verantwortung wahr. Dazu verpflichtet uns auch die Geschichte. Die Post wurde 1849 gegründet und war die erste Grundversorgerin des Landes. Es ist wichtig, dass wir in der Schweiz Unternehmen haben, welche mit ihrem Service public zum Zusammenhalt des Landes beitragen. Das wird häufig ausgeblendet.

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Viele denken, die Post produziere zu teuer – und ihre Preise seien zu hoch.
Schweizer erhalten Postdienstleistungen im europäischen Vergleich zu den günstigsten Preisen. Die Post hat aber auch ­einen Grundversorgungsauftrag, der von Bundesrat und Parlament genau definiert wurde. Wir müssen gesetzliche Vorschriften und Auflagen erfüllen.

Im Herbst entscheiden Bundesrat und Parlament über die Aufhebung des Restmonopols für Briefe bis 50 Gramm. Braucht die Post dieses überhaupt noch?
Das Restmonopol ist ein wichtiger Pfeiler für die Finanzierung der Grundversorgung, die in der Schweiz äusserst umfassend ausgestaltet ist. Bei den Poststellen schreiben wir jährlich rund 100 Millionen Franken Defizit. Dafür erhält die Post heute keine Abgeltung.

Fällt das Restmonopol, kommt es also zu einem Kahlschlag beim Poststellennetz?
Ich sage nur: Die Erfüllung des Grundversorgungsauftrags verursacht der Post enorme Kosten. Ich möchte deshalb von der Politik wissen, wie sie die Post für die Erbringung dieser Leistung entschädigen will, wenn das Restmonopol fällt. Bekommen wir dann vom Bund Subventionen? Wir selber möchten lieber eigenwirtschaftlich bleiben.

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Seit der Aufhebung des Frankenkurses am 15. Januar ist die Schweizer Wirtschaft in den Krisenmodus gerutscht. Wie stark ­leidet die Post unter der Frankenstärke?
Postfinance spürt die Negativzinsen stark. Das Zinsgeschäft ist stark unter Druck. Die Post ist zudem für ausländische Geschäftskunden, die Waren in die Schweiz schicken oder transportieren lassen, teurer geworden. Viel stärker allerdings fällt der indirekte Effekt der Frankenstärke ins Gewicht. Wenn es der Schweizer Wirtschaft nicht gut geht, fahren die Unternehmen ihre Budgets im Direktmarketing und bei den Paketen zurück. Das bekommt die Post zu spüren.

Wie stark fällt dies schon heute ins ­Gewicht?
Das kann ich noch nicht beziffern. Im ersten Quartal waren die Resultate noch solide. Entscheidend aber wird sein, wie stark der Konjunktureinbruch im zweiten und dritten Quartal auf unser Geschäft durchschlägt. Das ist schwierig zu prognosti­zieren.

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Die Post schreibt dreistellige Millionen­gewinne, während Tourismus und Exportindustrie Not leiden. Wäre es da nicht angebracht, dass die Post den Firmen durch Preisnachlässe entgegenkommt?
Die Post macht nicht zu viel Gewinn. Dass ein Unternehmen mit 8,5 Milliarden Franken Umsatz 600 Millionen Franken Gewinn erzielt, ist sicher nicht übertrieben. Im Übrigen erwartet unser Eigner, dass die Post den Unternehmenswert steigert und in allen Geschäftsfeldern eine branchenübliche Rendite erzielt.

Die Post hat vor kurzem Preiserhöhungen angekündigt. Ist das nicht ein falsches ­Signal zur falschen Zeit?
Das Geschäft mit den Privatbriefen ist seit Jahren rückläufig und deckt die Kosten nicht. Wir haben aber mit dem Preisüberwacher vereinbart, dass die Preise für A- und B-Post und für Inlandpakete bis März 2016 unverändert bleiben.

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Die Post wird also nicht von den angekündigten Preiserhöhungen abrücken?
Für A- und B-Post-Briefe muss man sich in den kommenden Jahren auf Preiserhöhungen einstellen; diese Preise hat die Post seit 2004 nicht mehr angepasst. Es gibt aber noch keinen Zeitplan und keine Entscheide.

*Susanne Ruoff (58), Konzernleitung der Schweizerischen Post, wohnt in Crans-Montana, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Von 2005-2009 war sie GL-Mitglied bei IBM, von 2009-2012 CEO bei BT Switzerland AG und seit 2013 Konzernleiterin der Post. Die Post beschäftigt 63'000 Mitarbeiter. 2014 beförderte sie 2,203 Milliarden adressierte Briefe, über 111 Millionen Pakete und transportierte 140 Millionen Reisende. Postfinance verwaltet 114 Milliarden Franken Kundenvermögen.

Das Interview ist erschienen in der aktuellen «Handelszeitung», seit Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

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